Das Glück führt von Mossul nach Cappenberg

Familienzusammenführung

Schon am 23. Dezember wollte Sulaiman Farman Abu, der Englischlehrer aus Mossul, Böller kaufen. Vergeblich. Wer ihn und seine Familie besucht, erlebt dennoch ein lautes Freudenfeuerwerk - ganz ohne Knaller.

Cappenberg

30.12.2017, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das Glück führt von Mossul nach Cappenberg

© Foto: Sylvia vom Hofe

Die Ewigkeit hat einen Anfang: Herbst 2014. Damals macht sich Sulaiman alleine auf den Weg. Irak, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich: die Balkanroute. Im Januar 2015 kommt der Englischlehrer aus Mossul in Deutschland an, wenig später in der Flüchtlingsunterkunft Am Kohuesholz in Cappenberg. Er hat keine Ahnung, wann die Ewigkeit, diese bleischwere Zeit der Angst und der Sehnsucht, enden wird. Aber eine feste Hoffnung. Kurz vor Weihnachten 2017 erfüllt sie sich.

Wiedersehensfreude


Feuerwerk muss her. Das steht für Sulaiman fest. Wenn nicht dieses Jahr, wann dann? Die Freude in ihm ist so groß, dass Worte nicht reichen. Da müssen es schon Böller sein. Denn in der Silvesternacht beginnt nicht nur ein neues Jahr, sondern ein neues Leben: ein besseres als das alte. „Wir sind in Sicherheit“, sagt der 53-Jährige und umarmt seine Frau Sana. Am liebsten würde er seine ganze Familie auf einmal in die Arme schließen. Das ist aber schwierig bei sieben Kindern. Und dann sind ja auch noch seine 77-jährige Mutter und der Neffe Dilyar (10) zu Besuch, um gemeinsam das Wiedersehen zu feiern.

Deutsch lernen

Ein Bett, zwei Matratzen links und rechts daneben und ein Regal, auf dem ein kleiner Weihnachtsmann steht. Das ist das Wohnzimmer: spärlich möbliert und doch randvoll mit Wiedersehensfreude. Sana, Sulaimans Frau, sitzt neben ihrem Mann auf einem der Matrazensofas, die Kinderschar im Halbkreis um sie herum. Seit knapp zwei Wochen sind sie in Deutschland. Alles sei noch neu und ungewohnt sagt sie. Und wunderbar. Neffe Dilyar, der ohne seine Eltern aus dem Irak nach Köln gekommen ist – „ich hoffe, sie kommen 2018 nach“ – übersetzt fließend. Dabei hat er vor nicht einmal einem Jahr noch kein einziges Wort Deutsch gesprochen.

Völkermord

Sulaiman lächelt. „Kinder lernen schnell“, sagt er. Das weiß er als Englischlehrer. Ihm selbst fällt das Deutschsprechen dagegen noch schwer. „Die Grammatik beherrsche ich aber genau.“

Neffe Dilyar (10, vorne), der Dolmetscher, hofft, dass seine Eltern in den nächsen Monaten ebenfalls nach Deutschland kommen können. Dilyar war alleine mit einem Bruder geflohen und lebt in Köln.

Neffe Dilyar (10, vorne), der Dolmetscher, hofft, dass seine Eltern in den nächsen Monaten ebenfalls nach Deutschland kommen können. Dilyar war alleine mit einem Bruder geflohen und lebt in Köln. © Foto: Sylvia vom Hofe

Sprache, Schule, Ausbildung, vielleicht ein Medizinstudium für die begabte Tochter: Das alles sind Begriffe, die jetzt fallen in Dilyars Vortrag. Seine Verwandten, denen er seine helle Stimme leiht, malen sich eifrig die Zukunft aus. Der Blick zurück fällt da schwerer.

Sulaiman spricht jetzt Englisch. Vielleicht, weil ihm das leichter fällt. Vielleicht auch, weil er nicht möchte, dass seine Kinder und Dilyar, der kleine Dolmetscher, alles mitbekommen. Denn jetzt sind ganz andere Wörter als gerade zu hören: Krieg, Terror, Verschleppung, Gräuel, Sklaverei, ein Leben in Angst, das keinen Platz hatte für Zukunftspläne. „Wir waren in unserem Dorf 10.000 Menschen“, sagt er. Heute lebten keine 1000 mehr dort. Ihre Zahl sinke täglich.

Sulaiman und seine Familie sind Jesiden. Seine einstigen Nachbarn in Mossul waren es auch. „Früher“, sagt er, habe es keine Rolle gespielt, wer welche Religion hatte. „Jeder glaubte das, was er für richtig hielt.“ Dennoch gab es Freundschaften. Dann kam der IS.

Tiefer Hass



Alle Fröhlichkeit ist aus Sulaimans Gesicht verschwunden. Der Familienvater mit dem Schnäuzer blickt vor sich auf den Boden. Die Erwähnung der beiden Buchstaben – die Abkürzung für die Terrormiliz Islamischer Staat – öffnet die gerade verschlossene Tür zur Ewigkeit. Im Juni 2014 nimmt der IS weite Teile des West- und Nordwestiraks einschließlich der Millionenstadt Mossul ein. Kurz darauf erklärt sich ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen aller Muslime. Der Terror insbesondere gegen die Jesiden beginnt: so unsagbar, dass Sulaiman selbst auf Englisch davon nicht weiter redet. Dass der IS seit einem Monat als besiegt gelte, entlockt ihm nur ein freudloses Lächeln. „Da herrscht tiefer Hass“, sagt er. Es werde Generationen dauern, ihn zu überwinden. Vielleicht sogar eine Ewigkeit.

Hoffnung auf eine Wohnung

Zurück ins Jetzt. Ins viel zu enge Wohnzimmer der Familie Farman, in dem sich die sieben Kinder im Alter zwischen drei und 17 Jahren fragend anschauen, weil sie zuletzt nichts verstanden hatten von der Unterhaltung. „Wir suchen als Nächstes eine Wohnung“, sagt Sulaiman in seiner Muttersprache, damit der kleine Neffe wieder übersetzen kann. Wo immer die sein wird, eines seht für ihn schon jetzt fest: „Das Glück zieht mit.“

Jesiden sprechen das nordkurdische Kurmanji (Kurmanci) als Muttersprache. Rund 200.000 Jesiden leben laut einer Schätzung des Zentralrats der Jesiden in Deutschland. Die jesidische Religion ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2000 Jahre vor dem Christentum liegen. Insgesamt wird die Zahl der Jesiden auf mehr als 1.000.000 geschätzt. Ein Großteil davon lebt im Irak. Eine zentrale Bedeutung in den jesidischen Glaubensvorstellungen hat Tausi-Melek, der durch einen Pfau symbolisiert wird: Gottes oberster Engel. Religiöse Diskriminierung erfahren Jesiden schon lange in muslimischen Gebieten. 2014 begann die Terrormiliz „Islamischen Staat“ (IS) mit einer brutalen Verfolgung von Jesiden. Die vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzte Ermittlungskommission für Syrien sprach 2016 von Völkermord (Genozid). Ende 2014 hatten kurdische Kämpfer in vom IS zurückeroberten Gebieten Massengräber mit Leichen von Jesiden entdeckt. Das Schicksal tausender Jesiden, die als verschleppt und versklavt gelten, ist weiter ungewiss.
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