Der doppelte Barbarossa: 900-jähriges Cappenberger Original trifft aktuelle Bronzebüste

mlzJubiläumsjahr 2022

Barbarossa, der mittelalterliche Kaiser, war wohl nie in Selm. Seine Büste gibt es aber gleich zweimal: in der Stiftskirche und im Restaurant Jakobsbrunnen. Erstmals gab es ein Treffen.

Selm

, 07.03.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Premiere: Andrzej Irzykowski ist die Aufregung etwas anzumerken, als Pater Gregor Pahl den Schlüssel ins Schloss steckt und umdreht. Die gepanzerte Tür schwingt auf und gibt den Blick frei auf ein fast 900 Jahre altes, vergoldetes Kunstwerk, das ebenso populär wie rätselhaft ist: das Vorbild für seine eigene Arbeit.

Irzykowski hat die Büste, die um 1160 nach Cappenberg kam und alle Kriege und Wirrungen hindurch blieb, genau studiert. Immer wieder aufs Neue. Manchmal hat er auch seine Kunststudenten mitgebracht. Dass der Künstler aus Lünen so ein großes Interesse an dem Kopf hat, hat mit Irzykowskis Werdegang zu tun. Und mit einem besonderen Auftrag, den er vor vier Jahren erhielt. Er solle, so die Auftraggeber aus Selm, selbst einen Barbarossakopf schaffen. Ähnlich, aber keine Kopie, zeitlos, aber in der Kunstsprache des 21. Jahrhunderts.

Der Sockel macht den Unterschied

An diesem Vormittag im rechten Flügel der Stiftskirche, die ebenso alt ist wie der Goldkopf, hat Irzykowski beides bei sich: das Ergebnis seiner Arbeit und seine Auftraggeber. Zusammen mit Pater Gregor Pahl, dem katholischen Pfarrer, erlebt die kleine Gruppe das erste Gipfeltreffen der so unterschiedlichen und dennoch nah verwandten Rotbärte: rot wie der Bart des 1120 geborenen und 1190 gestorbenen Kaisers Friedrich I. ist der Gesichtsschmuck von keinem der beiden Metallköpfe.

31,4 Zentimeter hoch und rund viereinhalb Kilo schwer. Das sind die Maße des links auf dem Tisch stehenden weltbekannten Kopfes, den viele eher in einem Nationalmuseum vermuten würden als in der kleinen Kirche. Er schimmert zwar wie aus reinem Gold, hat aber einen Silberkern. Andrzej Irzykowskis Barbarossakopf ist dagegen aus Bronze: dunkler, schwerer und etwas kleiner.

Das liegt vor allem an dem Sockel. Der ist beim zeitgenössischen Werk schlicht und quadratisch. Der Goldkopf nebenan thront dagegen auf einem filigranen Gestell auf zwei Ebenen: mit Mauern, Zinnen, Engeln und Gravuren.

Irzykowski hat den edlen Kopf bereits in den 1980er-Jahren erstmals persönlich kennengelernt. „Als ich hier gearbeitet habe“, sagt der 67-Jährige. Damals allerdings noch nicht als renommierter Künstler, sondern als Steinmetz, der bei der Renovierung half. Der studierte Bildhauer und Kunstpädagoge aus Polen war gerade nach Deutschland gekommen und froh über einen solchen Job. Dass er vom Gerüst fiel und sich verletzte, sagt er nur nebenbei. Barbarossa, sagt er und schmunzelt, habe damit aber nichts zu tun gehabt.

Künstler Irzykowski, Pater Gregor Pahl, Gudrun Bayer-Kulla und Ralf Schaltenbrand.

Künstler Irzykowski, Pater Gregor Pahl, Gudrun Bayer-Kulla und Ralf Schaltenbrand. © Sylvia vom Hofe

Pater Gregor trägt weiße Handschuhe. Niemand aus der kleinen Gruppe - neben Irzykowski, Gudrun Bayer-Kulla, die Präsidentin des Rotary-Clubs Selm Kaiser Barbarossa, und ihr Verbandskollege Prof. Dr. Ralf Schaltenbrand - kommt auf die Idee, die Hand auszustrecken nach dem filigran gearbeiteten Kunstkopf. Alle vergleichen ihn still musternd mit dem robusterem Werk aus Irzykowskis Werkstatt. „Der könnte auch draußen stehen“, sagt der Künstler. Tut er aber nicht.

Der Rotary Club, der sich nach dem Kaiser benannt hat, verwahrt das 2015 vollendetes Kunstwerk in einer Vitrine in der Gaststätte Jakobsbrunnen an der Südkirchener Straße auf: dem Vereinslokal der Rotarier. „Zu auswärtigen Veranstaltungen nehmen wir den Kopf mit“, sagt Bayer-Kulla.

Erdbeermund und und Tränensäcke

Große Augen, lange Nase, Erdbeermund, gelocktes Haar, eine Barttracht, die heute als hip gelten würde und keine einzige Falte: der berühmte Goldkopf wirkt feingliedrig, alterslos - wie nicht ganz von dieser Welt. Sein Alter Ego nebenan hat Tränensäcke, starke Wangenknochen und einen stolzen, aber auch etwas mitleidlosen Blick: jemand, der an dem das kriegerische Leben mit dem erbarmungslosen Kampf gegen die selbstbewussten Mailänder nicht spurlos vorbeigegangen zu sein scheint.

Geboren in Schwaben, gestorben bei einem Kreuzzug in der heutigen Türkei und zeitlebens ruhelos unterwegs in dem, was inzwischen Heiliges römisches Reich deutscher Nation heißt: Was verbindet Barbarossa nur mit Cappenberg? „Sein Patenonkel“, sagt Pater Gregor und weist auf die übermenschlich große Grabplatte zu seinen Füßen. Sie zeigt einen lächelnden Ritter: nicht besagten Patenonkel, sondern dessen Bruder, den heiligen Gottfried von Cappenberg.

„Er legt 1122 seinen Grafentitel nieder, gibt all seinen Besitz und Eigentum auf und wird zum Mitgründer des Prämonstratenserordens“, erklärt Pater Gregor. Allerdings stirbt Gottfried schon früh, mit gerade einmal 30 Jahren. Die große Stunde des jüngeren Bruders Otto, der wie Gottfried selbst Ordensmann geworden ist: „Otto überlebt Gottfried um vier Jahrzehnte und sorgt durch beharrliche Arbeit im Hintergrund dafür, dass sich der junge Orden verwurzelt und wächst, in Cappenberg und anderswo“. Und Barbarossa?

Kostbare Geschenke für den Patenonkel

„Er ist Ottos Patensohn“ - offenbar ein sehr dankbarer. 1122, im selben Jahr, als Gottfried und Otto die Ritterrüstung gegen die Ordenstracht tauschen, wird der kleine Staufer geboren: ein entfernter Verwandter der von Cappenbergs, die zu den bedeutendsten Adelshäusern ihrer Zeit gehören. Otto wird Friedrichs Patenonkel. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass das Neugeborene in der Wiege einmal König und Kaiser werden und dem Papst die Stirn bieten würde.

Mehr als 30 Jahre später wird Otto Propst des jungen Klosters Cappenberg: ein Ereignis, das offenbar bis zum Kaiser dringt. Friedrich I. macht seinem Patenonkel zwei kostbare Geschenke: die Taufschale - das Original steht jetzt in Berlin im Museum - und den Barbarossakopf. Vielleicht ist der Kaiser auch selbst dabei, als sein Onkel ins Amt eingeführt wird. Das erfolgt aber nicht in Cappenberg, sondern in Münster.

In Fachkreisen gelte die Cappenberger Büste „als erste unabhängige Porträtdarstellung der abendländischen Kunst und eines der bekanntesten Kunstwerke der Stauferzeit,“, sagt Ralf Schaltenbrand und nickt dem alten Goldkopf zu. Also tatsächlich ein Abbild des Kaisers? Schaltenbrand schüttelt den Kopf. „Unwahrscheinlich.“ Da seien sich führende Wissenschaftler einig, die die Rotarier Jahr für Jahr in die Stiftskirche zu Vorträgen über das Hochmittelalter einladen.

Zwei bedeutende Ereignisse feiern 900-Jähriges

Der Bedeutung des Kopfes tue das aber keinen Abbruch. Und seiner Anziehungskraft auf Schüler, Studenten, Kulturreisende auch nicht. Die Rotarier wollen das weiter fördern. Dafür haben sie bereits vor Jahren begonnen, das Jubiläumsjahr 2022 vorzubereiten, in dem sich die beiden, für die deutsche Geschichte bedeutenden Ereignisse jähren: Gottfrieds Schenkung und die Geburt Barbarossas.

„Es ist uns ein besonderes Anliegen, die Tatsache herauszustellen, dass sich in unserer Stadt ein so bedeutendes Kunstwerk befindet“, sagt Bayer-Kulla. Sie deutet auf den Goldkopf, den Pater Gregor gerade wieder von seinem Zwilling, dem Bronzekopf trennt, und zurückstellt in den wuchtigen Holzschank. Am konkreten Beispiel lasse sich Geschichte am besten lernen. Dafür, sagt Schaltenbrand, als der Pfarrer den Schlüssel im Schloss dreht, sei auch über eine andere Präsentation des Kopfes nachzudenken.

Das hat der bekannte Kölner Architekt Prof. Johannes Schilling bereits getan, im Auftrag für das Geschichtliche Forum: ein 2016 gegründeter Verein. Schaltenbrand ist im Vorstand. Schillings Vorschlag, den Kopf in einer gläsernen Stele schwebend zu präsentieren, hat aber auch bereits für Kritik gesorgt: in der Kirchengemeinde. „Wir diskutieren das noch“, so Pater Gregor.

Diskussion am 7. März im Stadtplanungsausschuss

Diskutieren werden am Donnerstag, 7. März, 17 Uhr, im Feuerwehrgebäude Auf der Geist 2 auch die Selmer Mitglieder des Stadtplanungsausschusses: über die Umbenennung eines Teils des Campus-Platzes in Barbarossa-Platz: eine, wie Äußerungen im Vorfeld vermuten lassen, hitzige Diskussion über die Rolle einer schillernden Figur.

Lange galt Barbarossa als idealer Herrscher, auch weil unter seinen Nachfolgern das Reich von der Nordsee bis Sizilien auseinanderfiel. Nationalisten rühmten ihn im 19. Jahrhundert als Kultfigur, Nationalsozialisten nannten den Überfall auf die Sowjetunion „Unternehmen Barbarossa“. Historiker wie Knut Görich wissen inzwischen, dass Friedrich I. ungebildet war und weder lesen noch schreiben konnte.

Viele Facetten, die eine eigene Interpretation nötig machen. „So bin ich ja auch vorgegangen“, sagt Künstler Irzykowski im Hineinausgehen aus der Stiftskirche. Der Goldkopf bleibt zurück, sein Bronzekopf baumelt schwer in der Tasche.

Umfrage

Wie soll der Campus Süd heißen?

Soll der neue große Platz rechts und links des Sandforter Weges komplett Campus heißen? Oder soll der ohnehin schon besonders gestaltete Bereich im Süden einen anderen Namen erhalten? Darüber entscheidet am 7. März der Stadtplanungsausschuss.
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So kommentiert Redakteurin Sylvia vom Hofe

Lichtgestalt oder machthungriges Scheusal? An Barbarossa, dessen historische Gestalt hinter dem Mythos weitgehend verborgen bleibt, scheiden sich die Geister. An der Idee, einen Teil des Campus-Platzes nach ihm zu benennen, ebenfalls.

Der Platz, so heißt es aus der Politik, habe längst einen Namen: Campus-Platz. Ihn - auch in Teilen - anders zu benennen, sei nicht nötig. Sich über Barbarossa zu streiten, also auch nicht. Gar nicht über ihn zu reden, wäre aber eine vertane Chance. Zumal der Rotbart und seine Sippe schon jetzt mehr mit Selm und dem Platz zu tun haben, als viele ahnen.

Die Stadt hat im Süden des neuen Platzes (zum Sandforter Weg) italienische Nadelbäume pflanzen und achteckige Pflastersteine verlegen lassen: passend zur Stauferstele, die dort aufgestellt werden soll.

Für den ungebildeten Rotbart war Italien kein Sehnsuchtsort, sondern ein Kriegsschauplatz. Und um Architektur, ob vier- oder achteckig, scherte er sich nicht. Er regierte vom Pferderücken aus. Ganz anders aber sein kunstsinniger Enkel, Friedrich II.: Der liebte Sizilien, ließ das achteckige Castel del Monte bauen - und hat mit Selm so gar nichts zu tun. Wie es gelang, das Komitee der Stauferfreunde zu überzeugen, in Selm eine von „Europas herausragendsten Stauferstätten“ zu sehen, wird wohl ein Geheimnis bleiben – vor allem, wenn niemand darüber spricht und auch der Name des Platzes keinen Hinweis geben wird. Wer keinen Barbarossa-Platz will, könnte auch Otto von Cappenberg aufs Schild schreiben. Oder nur Onkel Otto. Schließlich handelt es sich um den Patenonkel des Kaisers, dem der berühmte Barbarossakopf zu verdanken ist: Anlass für das Jubiläumsjahr 2022 mit Ausstellung, Forschungsgipfel, Kulturtourismus und Unterrichtsprojekten: eine Riesenchance für die Region. Beides – den Barbarossakopf als Markenzeichen nutzen, aber lieber nicht über ihn sprechen – funktioniert aber nicht.

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