Vor genau einem Jahr spaltete ein Ratsbeschluss die Bürgerschaft. Die Folgen des Beschlusses sind noch zu sehen. Und zu spüren.

Selm

, 05.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Für den Abriss des Gebäudes der ehemaligen Lutherschule gab es 21 Stimmen, acht Stimmen dagegen, eine Enthaltung. Das sind die sachlichen Zahlen des Ratsbeschlusses, mit dem der Rat mehrheitlich die Unnaer Kreis-, Bau- und Siedlungsgesellschaft mbH (UKBS) von einer einst im Kaufvertrag für das Gebäude festgezurrten Verpflichtung entband.

Nämlich, zur Schaffung neuen Wohnraums das Gebäude in markanten Bereichen wie der Fassade zu erhalten. Das Besondere: Den Beschluss fassten die Ratsmitglieder in nicht-öffentlicher Sitzung. Also sozusagen hinter verschlossenen Türen. Was folgte, waren eine öffentlich geführte Diskussion, der Versuch, ein Bürgerbegehren gegen den Abriss auf den Weg zu bringen, und ein Unternehmen, das Fakten schuf. Dazu später mehr.

Abriss der ehemaligen Lutherschule: Ein Jahr nach dem Ratsbeschluss, der Selm spaltete

So fügte sich das Gebäude der ehemaligen Lutherschule noch im August 2018 in die umgebende Bebauung ein. © Arndt Brede (A)

Aber wie sieht es jetzt, ein Jahr danach, auf dem Gelände der ehemaligen Schule aus? Die Schulstraße: eine eher ruhige Seitenstraße. Haus steht an Haus. Dazwischen eine große Lücke. Immer noch. Hier sollen einmal 27 Wohneinheiten entstehen.

Abriss der ehemaligen Lutherschule: Ein Jahr nach dem Ratsbeschluss, der Selm spaltete

Wo bis vor einem Jahr noch das 100 Jahre alte Gebäude der ehemaligen Lutherschule stand, ist heute eine große Lücke © Arndt Brede

Bürgermeister Mario Löhr hat jüngst bei der Premiere seiner Klartext-Veranstaltung Bezug auf Kritik an der Stadt genommen, das Gebäude hätte besser genutzt werden können, statt es abzureißen: „Es hieß damals, man hätte da eine Schule oder eine Tageseinrichtung unterbringen können. Nach den neuen Bauvorschriften kann man so etwas nicht machen. Und wenn es um Wirtschaftlichkeit geht, sage ich offen: Warum soll ich Klassenräume mit einer Höhe von 3,50 Metern umbauen?“

An diesem Abend gestand Bürgermeister Mario Löhr auch Fehler der Stadtspitze und der Verwaltung ein: „Vielleicht hätten wir alles transparenter kommunizieren müssen.“ Der Abriss des Gebäudes selbst sei dann nur noch der Beigeschmack gewesen, „weil dann dargestellt worden ist, dass die Verwaltung nicht auf die Gefühle der Bürger eingegangen sei“.

Abriss der ehemaligen Lutherschule: Ein Jahr nach dem Ratsbeschluss, der Selm spaltete

Die Fahrbahn der Schulstraße ist marode. Die Sanierung soll aber erst über die Bühne gehen, wen der Baukörper des neuen Hauses steht. © Arndt Brede

Mancher der Anwohner wird sich die Frage stellen, wann denn die eigentlichen Bauarbeiten zur Errichtung neuen Wohnraums an der Schulstraße beginnen. So auch während der Klartext-Veranstaltung. „Die Straße ist ja in schlechtem Zustand. Es heißt ja, dass die Straße erst fertig gemacht wird, wenn die Baumaßnahme abgeschlossen ist“, erklärte ein Anwohner. Bürgermeister Löhr ging wie folgt darauf ein: „Wir haben uns dazu entschlossen, die Straße erst dann fertig zu stellen, wenn der Baukörper steht. Es wäre wahnsinnig, die Straße vorher zu sanieren.“

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Notwendige Scícherheitsmaßnahmen durchführen

Die Befürchtung von Anwohnern, dass durch die Baumaßnahmen, etwa durch Erschütterungen durch Baufahrzeuge, die bestehenden Häuser rundherum in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, sind dem Bürgermeister bekannt. „Ich habe aber eher die Befürchtung, dass es Risse geben könnte, wenn die Straße saniert wird. Wenn Walzen da durch fahren, wird es zu Erschütterungen kommen, und dann hat die Stadt ein Problem. Da werden wir notwendige Sicherheitsmaßnahmen durchführen.“

Zum Zeitplan sagte Löhr: „Ich habe mit der UKBS gesprochen und man geht davon aus, dass in diesem Jahr der Bauantrag gestellt wird und auch in diesem Jahr erste Baumaßnahmen durchgeführt werden können.

UKBS-Chef: Ziel ist Baubeginn Ende 2019

Die Redaktion hat die UKBS gefragt, wann was genau geplant ist. Die Antwort: „Unser Ziel ist es, Ende dieses Jahres mit dem Bau zu beginnen“, sagt UKBS-Geschäftsführer Matthias Fischer. Geplant seien vier Häuser mit 27 Wohneinheiten, darunter „ein großer Anteil kleinerer Wohnungen“, so Fischer.

Die Bauzeit werde sich sicherlich bis 2021 ziehen. Der Bauzeitenplan hänge immer auch it der Verfügbarkeit von Firmen ab. „Gott sei Dank haben wir bisher immer Firmen gefunden“, berichtet Matthias Fischer. Allerdings nehme die Zahl der Angebote auf Ausschreibungen in den letzten Jahren ab. „Deshalb schreiben wir meistens in einem größeren Umkreis aus.“

Der Zeitplan der Ereignisse rund um den Abriss

Es ist also abzusehen, wann es los geht mit den Bauarbeiten an der Schulstraße. Noch immer ist aber Wilhelm Gryczan-Wiese, einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens, sauer, dass ein Jahr nach dem Ratsbeschluss noch nichts passiert ist. Und dass öffentlich noch nicht klar sei, was gebaut wird und wie teuer das sein wird.

„Warum dann die Eile und Hektik im Juli 2018 – mit brachialer Gewalt alle Spuren zu beseitigen und die Bürger zu übertölpeln?“, fragt er. Und nimmt Bezug auf die Entwicklung rund um die ehemalige Lutherschule im vergangenen Jahr. In einem Zeitplan erinnert er sich an die Ereignisse:

5. Juli 2018: Ratsbeschluss.

12. Juli 2018: Die UKBS reicht den Abrissantrag ein; Umwelt- und Artenschutzprüfung; das Abrissgutachten wurde bereits im September 2017 erarbeitet und genehmigt.

Abriss der ehemaligen Lutherschule: Ein Jahr nach dem Ratsbeschluss, der Selm spaltete

Natalie Stefanski (2.v.l.) und Marion Küpper (r.) sammelten im Juli auf dem Selmer Wochenmarkt Unterschriften für das Bürgerbegehren in Sachen geplanter Abriss des Gebäudes der ehemaligen Lutherschule. © Arndt Brede (A)

13. Juli 2018: Beginn des Bürgerbegehrens zum Erhalt und Umbau des Gebäudes.

Abriss der ehemaligen Lutherschule: Ein Jahr nach dem Ratsbeschluss, der Selm spaltete

Die Unterschriftenlisten lagen in Selm aus. © Arndt Brede (A)

16. Juli 2018: Erteilung der Abrissgenehmigung durch die Stadt Selm, trotz fehlender Nachweise die erst nachgereicht wurden.

22. Juli 2018: Infoveranstaltung des Bürgermeisters: Mitteilung des Abrisses.

23. Juli 2018: Beginn der Abrissarbeiten.

30. Juli 2018: Eine einstweilige Verfügung gegen den Abriss wurde aus formalen Gründen (der Antragssteller war ein nicht direkt betroffener Nachbar) zurückgewiesen.

20. August 2018: Abgabe des Bürgerbegehrens mit über 2000 Unterschriften.

Abriss der ehemaligen Lutherschule: Ein Jahr nach dem Ratsbeschluss, der Selm spaltete

Initiatoren des Bürgerbegehrens und Bürger verbrannten Kopien der Unterschriftenlisten gegen den Abriss der ehemaligen Lutherschule aus Enttäuschung über das Vorgehen der Stadt. © Arndt Brede (A)

23. August 2018: Ratssitzung: Zustimmung zum Bürgerbegehren (1930 Stimmenwerden anerkannt). Dennoch weiterer Abriss, weil die Abrissgenehmigung an die UKBS nicht zurückgenommen werden kann.

Abriss der ehemaligen Lutherschule: Ein Jahr nach dem Ratsbeschluss, der Selm spaltete

Nach und nach knabberten die Bagger am Gebäude der ehemaligen Lutherschule, das dann auch komplett abgerissen wurde. © Arndt Brede (A)

31. August 2018: Die Lutherschule ist vollständig abgerissen; Planierung bis September2018.

Oktober 2018: Die zwei 100-jährigen Linden werden ebenfalls gefällt.

26/29. Oktober 2018: Die Initiatoren des Bürgerbegehrens reichen Klage beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen gegen die Stadt Selm und den Kreis Unna ein, wegen Missachtung und Unterlaufen der Gemeindeordnung NRW, Paragraf26 zur Sicherung der Bürgerrechte

7. Februar 2019: In gleicher Angelegenheit wenden sich die Initiatoren an den Petitionsausschuss des Landtages NRW.

3. Mai 2019: Öffentliche SPD-Sitzung zum Konzept des Generationenwohnens auf dem Gelände der Lutherschule unter Teilnahme von UKBS-Geschäftsführer Matthias Fischer. Statt der gewünschten 1/3-Teilung von Familien, Senioren und sonstigen Bewohnern sieht die UKBS 80 Prozent Kleinstwohnungen und geförderte vier Wohneinheiten für Familien vor.

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