Ein König ohne Reich - Selmer Foodtrucker improvisiert in Coronakrise

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Armer Pastrami-König: Weil aktuell keine Festivals stattfinden, bleibt auch die „Gefolgschaft“ zu Hause. Aber Werner Glitza (60) weiß sich zu helfen. Der Selmer begrüßt in der Heimat Kunden.

Selm

, 16.05.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wie sich die Zeiten doch wiederholen: In der großen Weltwirtschaftskrise vor 10 Jahren stand Werner Glitza plötzlich ohne Job da. 240 Bewerbungen habe er damals geschrieben. „Ohne Erfolg“, sagt Glitza. Die Situation am Arbeitsmarkt sei sehr schwierig gewesen.

Erschwerend sei für ihn dazugekommen, dass er vorher „die meiste Zeit des Lebens“ freiberuflich tätig war. Dieser Personenkreis werde, so seine Erfahrung, nicht gerne als Angestellte genommen. Glitza musste sich was Neues suchen. Die Lösung war naheliegend. „Ich habe immer gerne gekocht, gegessen aber noch lieber“, sagt Werner Glitza. Weil er zuvor beruflich viel mit LKW-Händlern zu tun hatte, kaufte er sich ein gebrauchtes Postfahrzeug und baute ihn größtenteils selbst zum Foodtruck um.

Auf dem Food-Truck steht auch immer ein Smoker

Doch ganz ohne fremde Hilfe konnte er seine Vorstellungen nicht verwirklichen. Bei allen Einsätzen sollte ein Smoker - eine Kombination aus Grill und Räucherkammer - mit an Bord sein. Werner Glitza hat ihn sich nach eigenen Vorstellungen anfertigen lassen - ein Einzelstück mit einem Gewicht von knapp einer halben Tonne.

Die technische Grundlage für sein besonderes kulinarisches Angebot, Pastrami: Dabei handelt es sich um eine Fleischspezialität aus den USA. Jüdische Einwanderer hatten sie Mitte des 19. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten gebracht. Im Gegensatz zum Schinken stammt Pastrami vom Rind und dient als leckerer Sandwichbelag.

Nachdem ein Sternekoch seine Pastrami in höchsten Tönen gelobt hatte, wandelte Glitza auf den Spuren von Jürgen Drews. Der in Dülmen wohnende Musiker trägt den Zusatz „König von Mallorca“. Werner Glitza hat sich selbst den Zusatz Pastrami-König gegeben. Bei verschiedenen Events trägt er deshalb auch Umhang und Krone.

Mit Beginn der Coronakrise brach der Umsatz total ein

Ein Konzept, das viele Jahre perfekt aufgegangen ist. Der Unternehmer berichtet von Umsätzen zwischen 4000 und 8000 Euro am Wochenende - allerdings vor der Coronakrise. „Im Moment sind es gerade mal 4000 Euro - im Monat.“ Und auch diese Summe würde er wohl nicht erreichen, wenn er nicht so stark von Karsten Unger unterstützt würde.

Beide kennen sich seit Jahrzehnten. Jetzt in der Coronakrise hat Unger dem Pastrami-König angeboten, dass er seinen Food-Truck auf dem Unger-Firmengelände an der Luisenstraße aufstellen darf. Mehr noch. Unger macht in seinen Mietwagen Werbung für den Foodtruck. Der ist an sieben Tagen in der Woche geöffnet - montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 17 bis 20 Uhr.

Im Heck des selbst ausgebauten Food-Trucks steht ein ganz besonderer Smoker mit einem Gewicht von fast einer halben Tonne.

Im Heck des selbst ausgebauten Food-Trucks steht ein ganz besonderer Smoker mit einem Gewicht von fast einer halben Tonne. © Thomas Aschwer

Trotz verschiedener Lockerungen geht Werner Glitza von einem längeren Verbleib hier in Selm aus. Vielleicht im Herbst könnte es wieder Festivals geben, die er besuchen kann. Klagen will er deshalb nicht. Er kennt viele Kollegen, die ihren Foodtruck aufgegeben haben und jetzt einen anderen Job suchen.

Werner Glitza sagt: Viele Food-Trucker geben gerade auf

Allerdings würde es den meisten so gehen, wie ihm vor 10 Jahren in der Wirtschaftskrise. Menschen, die lange selbstständig waren, würden nicht gerne als Angestellte genommen. Werner Glitza sagt selbstkritisch: „Die langjährigen Selbstständigen lassen sich wenig sagen.“

Ans Aufgeben denkt er aber auf keinen Fall. Er will noch viele Jahre mit seinem Food-Truck in Deutschland unterwegs sein. „An den Wochenenden ist meist meine Frau Monika mit dabei.“ Weil freitags bei den Festivals noch nicht so viel los sei, bleibe Zeit, sich die Orte anzusehen.

Doch samstags und sonntags sind beide auf dem Truck gefordert. „Dann gehen schon mal bis zu 1000 Burger über die Theke.“ Werner Glitza würde sich freuen, diese Situation mal wieder erleben zu dürfen.

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