Maria Franzen-Wobbe ist promovierte Kinderärztin im Ruhestand. Sie sagt ihre Meinung zum Thema Impfen. © Sylvia vom Hofe
Coronaviurus

Erfahrene Selmer Kinderärztin sagt ihre Meinung zur Corona-Impfung

Dr. med. Maria Franzen-Wobbe (70) ist im Ruhestand. Das Thema Impfen lässt der Kinderärztin aber keine Ruhe. Sie sagt ihre Meinung. Und sie hängt sie auch an ihren Gartenzaun in Selm-Bork.

Es ist eines dieser kurzen Gespräche im Vorbeigehen, die Dr. Maria Franzen-Wobbe nicht mehr aus dem Kopf gehen. Vor wenigen Wochen war das. Sie hatte eine junge Frau getroffen, die sie flüchtig kennt, und mit ihr ein paar Sätze gewechselt: über das Wetter, über die Ferien – und über das Impfen. Was ihr die Gesprächspartnerin dazu sagte, lässt die Kinderärztin im Ruhestand nicht mehr los. Sie muss etwas tun. Das Ergebnis hängt an ihrem Gartenzaun.

Das Haus, das Maria Franzen-Wobbe und ihr Mann bewohnen, kennt nahezu jeder in Selm-Bork, insbesondere die Menschen, die dort zwischen 1983 und 2016 die Praxisräume der Kinderärztin aufsuchten: anfangs als kleine Patientinnen und Patienten, später als Eltern mit eigenen Kindern. Das 175 Jahre alte Gebäude schräg gegenüber heißt „Licht und Leben“. Einer der Bewohner, ein Kunstprofessor aus Dortmund, hatte es so genannt. „Licht und Leben“ ist auch heute noch ein gebräuchlicher Name. In dem Brief, der am Gartenzaun rund um das Grundstück in mehreren Kopien hängt, geht es eher um das Gegenteil: um das Dunkel des Unwissens, das Lebenschancen bedroht.

„Ich habe nichts gegen Impfungen – aber nicht jetzt“

Die junge Frau ist so ein Beispiel: „Ich habe doch gar nichts gegen Impfungen“, hatte sie Franzen-Wobbe versichert, „aber im Moment? Ne!“ Vielleicht lasse sie sich im nächsten Jahr gegen Corona impfen. Eine Haltung, die die Ärztin im Ruhestand aufregt. Denn „jede Impfung zählt“. Und jeder, der das Impfangebot Vorschnell ausschlägt, könne die Mitmenschen bedrohen.

Einer der Briefe, die am Gartenzaun des Hauses am Borker Kreisverkehr hängen. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

„Liebe Leute“, fängt der in Folie wasserdicht verpackte Brief am Zaun an: „Ähnlich wie sauberes Trinkwasser, Entsorgung von menschlichen Ausscheidungen und so weiter sind Impfungen eine der wichtigsten und weltweit unumstrittenen Errungenschaften der Wissenschaft überhaupt.“ Es sei „toll, dass 2020 rasch und korrekt die Entwicklung von Impfstoffen gegen das Sars-CoV2 gelungen ist! Jedoch braucht es für eine richtig gute Effektivität eine Durchimpfungsrate von sicher weit mehr als 80 Prozent der Bevölkerung.“ Das sei bei der Corona-Schutzimpfung nicht anders als bei den meisten herkömmlichen Impfungen ebenfalls „Der Mensch ist keine Insel; wir brauchen einander.“

In Großbuchstaben ist am Ende des kurzen Briefes zu lesen, was der Verfasserin am wichtigsten ist: „Lassen Sie sich Impfen, und lehnen sie auch die Impfung Ihrer Kinder nicht von vornherein ab.“ Im Zweifel sollten Eltern am Besten mit ihrer Kinderärztin oder ihrem Kinderarzt darüber sprechen, heißt es. „Und nicht dem Glauben schenken, was in den sozialen Medien alles kursiert“, ergänzt sie im Gespräch.

Das sind die Empfehlungen für 12- bis 17-Jährige

Für Kinder ab zwölf Jahren sind in der EU Impfstoffe von BionTech/Pfizer und Moderna zugelassen. Seit Montag (16. 8.) gibt es auch eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), 12- bis 17-Jährige impfen zu lassen. Nach sorgfältiger Bewertung neuer wissenschaftlicher Beobachtungen und Daten komme man zu der Einschätzung, „dass nach gegenwärtigem Wissensstand die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impfnebenwirkungen überwiegen“, teilte das Gremium mit. Zuvor galt die Empfehlung bereits für Kinder und Jugendliche mit besonderem Risiko: solche etwa, die unter Adipositas leiden, deren Immunsystem stark eingeschränkt ist, die Herzfehler haben, chronische Lungenerkrankungen oder Diabetes.

In anderen Ländern wird der Nachwuchs bereits flächendeckend geimpft: in Israel, den USA und Kanada zum Beispiel. Die französische Regierung hat ebenfalls Kinder und Jugendliche aufgerufen, sich impfen zu lassen.

Wie Impfprogramme Krankheiten gezähmt haben

Eine „gewisse Impfmüdigkeit“ hatte Dr. med. Maria Franzen-Wobbe schon festgestellt, als sie noch arbeitete als Kinderärztin und noch niemand etwas ahnte von Corona. Damals schon habe sie sich immer wieder Zeit genommen für lange Gespräche mit besorgten Eltern. Vielen sei nicht mehr klar, sagt sie, welch verheerende Folgen die vermeintlich harmlos klingenden Kinderkrankheiten hatten, bevor es gelang, sie durch internationale Impfprogramme zurückzudrängen: ob Windpocken, Keuchhusten, Masern, Röteln, Mumps oder Kinderlähmung. Ein mögliches Impfrisiko sei verschwindend gering, verglichen mit der Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs.

An dem langen Jägerzaun an der Lünener Straße hängen die kopierten Briefe mit Franzen-Wobbes Impfappell genauso wie an der Netteberger Straße, auf der anderen Seite des zum Ehrenmal hin spitz zulaufenden Grundstückes. Ein, zwei seien in den Vergangenen Tagen abgerissen worden, sagt die Ärztin im Ruhestand. Sie hat ihren Brief einfach neu ausgedruckt und erneut aufgehängt.

Irgendwann danach schellt es an der Tür des Hauses „Licht und Leben“: eine Frau mit einem kleinen Blumenstrauß in der Hand. Sie wolle sich nur bedanken, sagt sie der verdutzten Maria Franzen-Wobbe. Eine Geste, die sie freut. Noch mehr würde sie sich aber freuen, wenn auch die junge Frau ihren Brief lesen würde, die damals den Ausschlag gab zu der ganzen Aktion. „Und wenn sie verstehen würde, dass es jetzt darauf ankommt, das Impfangebot anzunehmen und nicht irgendwann.“

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
Zur Autorenseite
Sylvia vom Hofe

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.