Ein unabhängiges Forscher-Team der Uni Münster arbeitet den Missbrauchsskandal im Bistum Münster gerade auf. © dpa
Bistum Münster

Erste Erkenntnisse zu Missbrauchsfällen – Bistum nicht überrascht, aber doch erschrocken

In vielen Fällen wusste das Bistum offenbar von den Missbrauchsfällen in der Kirche - ergriff aber nicht die richtigen Schritte. Das ist ein Ergebnis des Forschungs-Teams, das zur Aufarbeitung eingesetzt ist.

Es ist mittlerweile über ein Jahr her, dass in Nordkirchen und in Selm – wie auch in anderen Städte, die zum Bistum Münster gehören, Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche bekannt wurden. Gegen den Pfarrer Alfred Albeck, der von 1973-1984 in der Kirche St. Mauritius in Nordkirchen und von 1961 von 1964 als Kaplan in Werne tätig war, und gegen Pfarrer Theo Wehren, von 1966 bis 1969 Kaplan in St. Josef in Selm, haben in beiden Fällen mehrere Opfer schwere Vorwürfe erhoben.

Beide Pfarrer sind schon verstorben. Sie für ihre Taten zu bestrafen – das ist insofern nicht mehr möglich. Aber: Das Bistum Münster arbeitet seit dem vergangenen Jahr an der Aufarbeitung der beiden Fälle. Um alle Missbrauchsfälle im Bistum aufzuklären, ist seit September 2019 ein Team aus Wissenschaftlern der Westfälischen Wilhelm-Universität Münster im Einsatz. Anfang Dezember hat das Team einen ersten Zwischenbericht der Forschungen vorgestellt.

„Nicht überraschend, aber doch erschreckend“: So beschreibt Peter Frings, der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, die ersten Ergebnisse der Forscher. Vor allem durch einen Punkt: „So haben die Forscher deutlich gemacht, dass es auch im Bistum Münster zahlreiche Fälle gibt, in denen die Bistumsleitungen der Vergangenheit von Missbrauchsfällen wussten, aber die Täter weder anzeigten noch aus der Seelsorge entfernten. Für die Verantwortlichen war die Fortführung der priesterlichen Existenz und das Bild der Kirche nach außen offenbar die oberste Leitschnur ihres Handelns. Das bleibt für uns heute unverständlich und lässt uns fassungslos zurück. Eine der Fragen, die zu beantworten sein wird, ist: wie konnte es dazu kommen, dass man die vom Missbrauch Betroffenen so ganz aus dem Blick gelassen hat?“, wird er in einer Pressemitteilung des Bistums zitiert.

Anfang 2022 soll der gesamte Bericht erscheinen. Bis dahin wühlen sich die Wissenschaftler weiter durch die Akten. Bernhard Frings, ein Mitglied des fünfköpfigen Forscherteams, erklärt die Arbeit der Gruppe auf Anfrage der Redaktion so: „Im Rahmen unserer vollkommen unabhängigen Untersuchung können wir auf umfangreiches, vor allem im Bistumsarchiv Münster archiviertes Quellenmaterial (zum Beispiel auch Personalakten) zugreifen. Zudem haben wir Zugang zu Akten, die sich noch in der Bistumsverwaltung befinden. Darüber hinaus sammeln wir im Rahmen von Interviews Informationen, die sich in den Akten nur ansatzweise oder gar nicht niedergeschlagen haben. Unter höchster Wahrung des Persönlichkeitsschutzes führen wir sowohl Interviews mit Betroffenen als auch mit Verantwortungsträgern und anderen Mitarbeitern des Bistums sowie mit weiteren Zeitzeugen.“

„Oft nicht oder nur unzureichend in den Personalakten“

Außerdem, so erklärt es der wissenschaftliche Mitarbeiter, läuft die Informationssuche darüber hinaus weiter: „Wir sind bei den Betroffenen darauf angewiesen, dass sie mit uns Kontakt aufnehmen, wozu auch schon mehrfach über die Medien aufgerufen wurde. Dies ist umso wichtiger, als nach den bisher gemachten Erfahrungen Missbrauchsfälle oftmals gar nicht oder nur unzureichend in den Personalakten dokumentiert sind. Manche Geschehnisse und Abläufe erschließen sich daher erst im Zusammenspiel mit den an anderer Stelle (zum Beispiel in den Interviews) gewonnenen Angaben.“

Dass das Forscherteam unabhängig arbeitet, betonen sowohl das Bistum als auch Bernhard Frings aus dem Team. „Diese Vorgehensweise sind wir insbesondere den Betroffenen sexuellen Missbrauchs schuldig“, so Peter Frings.

Sollte es weitere Betroffene geben, bittet das Bistum diese, sich bei den Ansprechpersonen für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs zu melden. Kontakt: Bernadette Böcker-Kock, Tel. (0151) 63404738, und Bardo Schaffner, Tel. (0151) 43816695.

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Marie Rademacher

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