Sie ziehen sich an den Haaren, sie treten, und sie beschimpfen selbst die Erwachsenen: Aggressive Kinder sind ein Phänomen, das es häufiger gibt als früher. Auch in Selmer Schulen.

Selm

, 22.02.2019, 13:41 Uhr / Lesedauer: 7 min

Der Drittklässler ist sauer. Die OGS-Mitarbeiterin hat ihm gerade verboten, draußen zu spielen. Und zwar, weil er seinen Kumpel gerade übel getreten hat. Der Neunjährige macht seiner Enttäuschung Luft. Ziemlich deutlich. „F... dich ins Knie!“, schreit er sie an, und spuckt ihr vor die Füße. So ist es an einer Wittener Grundschule passiert.

Eine andere Schule, eine andere Situation: Zwei Kinder prügeln sich. Und hören nicht auf, als die Mitarbeiterin dazwischengeht, um die Kinder zu trennen. Die Frau bekommt tiefe Kratzer am Unterarm ab. Ähnliche Vorfälle haben sich in der OGS Selm zugetragen.

Mitarbeiterinnen der OGS werden tätlich angegangen - von Kindern

Es ist in einer Ausschusssitzung Mitte September 2018, als sich die Vorsitzende des Vereins Ganz Selm, Christiane Damberg, zu Wort meldet. Der Verein ist Träger der Offenen Ganztagsschule in Selm, die aktuell insgesamt 276 Kinder aus allen Selmer Grundschulen betreut.

Die Vorsitzende berichtet über mehrere Fälle, in denen Mitarbeiterinnen tätlich angegangen wurden. Und zwar von Kindern.

Christiane Damberg ist ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins Ganz Selm.

Christiane Damberg ist ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins Ganz Selm. © Tobias Weckenbrock

Die Herausforderungen bei der Ganztagsbetreuung seien geprägt durch fehlende Räumlichkeiten, fehlende Fachkräfte und durch Kinder, die in ihrem Verhalten auffälliger würden: „Kinder greifen Erwachsene täglich an. Sie beißen, schlagen, treten“, sagt Damberg während der öffentlichen Schulausschusssitzung.

„Man fängt schon mal unfreiwillig einen Schlag ab, der für ein anderes Kind bestimmt war“

„Man wird selbst als Erwachsener übelst beschimpft.“
CHRISTINE JÜCKER (50), OVERBERGSCHULE

Diese Entwicklung können die Leiterin der Selmer Overbergschule Christine Jücker und die dortige OGS-Leiterin Ellen Smolnik nur bestätigen.

„Grundsätzlich denke ich, dass es sich bei den extremen Fällen um Einzelfälle handelt. Doch tätliche Angriffe auf Mitarbeiterinnen haben auf jeden Fall zugenommen“, sagt die 52-jährige Ellen Smolnik.

Natürlich komme es vor, dass eine Mitarbeiterin dazwischengehen müsse, wenn Kinder sich untereinander „in die Haare kriegen“.

„Wenn das so ist, fängt man schon mal unfreiwillig den Schlag ab, der eigentlich für das andere Kind bestimmt war. Das ist mir auch schon selbst passiert“, beschreibt Smolnik. „Denn unser erstes Ziel ist dann, die Kinder auseinanderzubekommen.“

Ellen Smolnik leitet die OGS an der Overbergschule.

Ellen Smolnik leitet die OGS an der Overbergschule. © Miriam Instenberg

Solche Blessuren seien normal, sagt sie ganz ruhig und wie selbstverständlich. Und auch gezielte Angriffe auf Erwachsene, sagt Smolnik, kämen vereinzelt vor.

Wenn Kinder das Gefühl haben, nicht dazuzugehören, macht ihnen das Angst

Nicht nur nachmittags in der OGS gibt es dicke Luft. Auch im ganz normalen Schulalltag im Vormittagsbereich, sagt Christine Jücker (50), seien verbale Attacken öfter an der Tagesordnung. „Man wird selbst als Erwachsener übelst beschimpft; da gibt es wirklich Probleme mit dem Respektverhalten.“

„Angst zieht Aggression nach sich.“
CHRISTIAN LÜDKE (58), PSYCHOTHERAPEUT

Ist ein solches Verhalten normal oder nicht? „Kinder reagieren halt körperlich. Beißen oder kratzen ist allerdings eher die Ausnahme“, sagt Christian Lüdke. Der 58-Jährige ist approbierter Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut sowie Verhaltenstherapeut aus Lünen und zweifacher Vater.

Wenn Kinder das Gefühl haben, nicht dazu zu gehören, könne das Aggressionen hervorrufen: „Die Kinder fühlen sich hilflos. Das führt zu Angst, Angst wiederum zieht Aggression nach sich.“

Es könne dann zu sogenannten Übersprungshandlungen kommen: Ein Wutstau bricht sich Bahn. „Selbst ein weggenommener Bauklotz kann dann der Auslöser für eine Reaktion sein, die dazu in keinem Verhältnis steht.“

Dr. Christian Lüdke ist Verhaltenstherapeut und spezialisiert auf Kinder und Jugendliche.

Dr. Christian Lüdke ist Verhaltenstherapeut und spezialisiert auf Kinder und Jugendliche. © Liane Metzler

Die Pädagogen betonen, dass soziale Hintergründe keine Rolle spielten. Ob das Kind aus einer bildungsfernen Familie stammt oder die Eltern Ärzte sind, ob die Familie wenig oder viel Geld zur Verfügung hat - all das sei unbedeutend.

Diese Beobachtung teilt auch Lüdke. „Den Kindern fehlt es eigentlich an nichts. Aber was sie brauchen, das kriegen sie in vielen Fällen nicht: Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Wenn das Kind dann merkt, ich werde nicht wahrgenommen, und ich werde nicht geliebt, dann will ich wenigstens gehasst werden. Ganz drastisch.“

Die Stadt steht in Gesprächen mit dem Trägerverein

Gibt es in Selm genug Mitarbeiter? „Es gibt keine gesetzliche Betreuungsquote für die Selmer OGS“, erklärt Lothar Kirchner, der Pressesprecher von Ganz Selm. Der 65-Jährige bietet in der OGS Computerkurse an.

„Wir haben aber immer zwei Mitarbeiter als Minimum in einer Kindergruppe; in der Regel sind es mehr.“ Der Betreuungsschlüssel sei aber abhängig von den räumlichen Gegebenheiten und dem Tagesangebot. „Wenn Kurse stattfinden, betreuen an dem Tag ja die Kursleiter die Kinder mit“, erklärt Kirchner.

Christine Jücker und Ellen Smolnik sind sich dagegen einig: Der Betreuungsschlüssel sei eigentlich noch zu niedrig, wenn sich im Offenen Ganztag zwei Mitarbeiter um 25 Kinder kümmern. „Manche Kinder machen Hausaufgaben, andere spielen draußen, wieder andere sind im Betreuungsraum. Man kann nicht überall gleichzeitig sein“, sagt Ellen Smolnik.

Die Mitarbeiterinnen der Selmer OGS sind geschult, besuchen regelmäßig Fortbildungen und Deeskalationskurse. Doch was ist zu tun, wenn wieder eine Situation eskaliert ist? Zunächst wird das Kind für diesen Tag von den Eltern abgeholt.

Ein Gespräch findet statt: „Wir stehen in engem Kontakt mit den Eltern. Und die meisten Eltern versuchen schon, diesem Verhalten entgegenzuwirken“, sagt Jücker. „Aber wenn sich solches Verhalten wiederholt und andere Kinder unter einem speziellen Kind leiden müssen - dann muss man andere Wege gehen.“

Dann würde der Vertrag mit der OGS auch durchaus aufgelöst. In einzelnen Fällen sei das in Selm bereits geschehen.

Christine Jücker, Leiterin der Overbergschule.

Christine Jücker, Leiterin der Overbergschule. © Theo Wolters

Lothar Kirchner glaubt, dass der Kontakt zwischen Eltern, Lehrern und OGS-Mitarbeitern grundsätzlich sehr gut und intensiv sei. „Es gibt bei uns regelmäßige Gesprächsrunden.“

Ein Mutter-Kind-Verhältnis zwischen Erzieherin und Kind funktioniert nicht

Reden ist also gut - doch die ersten Gundlagen werden zu Hause gelegt. Christiane Damberg registriert in der Ausschusssitzung Erziehungsdefizite im Elternhaus, die sich in der Schule nur bedingt aufarbeiten ließen: „Bei uns kann es kein Mutter-Kind-Verhältnis zwischen den Mitarbeiterinnen und den Kindern geben, sondern ein professionelles Verhältnis. Sonst funktioniert das nicht.“

Stadtsprecher Malte Woesmann sagt auf Anfrage: „Wir sind zur Zeit in Gesprächen mit dem Trägerverein der Offenen Ganztagsschule und auch mit den Schulen selber. Hier geht es um allgemeine Themen und die konzeptionelle Ausrichtung. Dort wollen wir erfragen, inwieweit dies wirklich ein Problem in Selm darstellt.“ Diese Gespräche finden, kündigt Woesmann an, in den kommenden Wochen statt.

Zu einem solchen Gespräch hat sich auch Schulamtsdirektorin Bettina Riskop vom Schulamt für den Kreis Unna zur Verfügung gestellt. Die Äußerungen aus der Jugendhilfeausschusssitzung von Christiane Damberg, erklärt Riskop, seien ihr nicht bekannt, „und haben im Nachgang der Sitzung auch zu keiner konkreten Problemanzeige bei der Schulaufsicht geführt.“

Konflikte, führt die Schulamtsdirektorin auf Anfrage unserer Redaktion aus, gehörten „ebenso zum Lernprozess wie der Umgang mit Konsequenzen bei nicht regelkonformem Verhalten“.

VBE sieht ein größeres Problem auf Landes- und Bundesebene

Stefan Behlau ist Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Nordrhein-Westfalen. Auf Landesebene sieht er schon ein größeres Problem. „Der Tonfall ist rauer geworden. Diese Negativentwicklung macht leider nicht vor Grundschulen halt.“

Der VBE habe deshalb im vergangenen Jahr eine Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben. Zum Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ waren 1200 Schulleiter in Deutschland befragt worden.

„Eine funktionierende Partnerschaft von Schule und Elternhaus ist unabdingbar.“
Stefan Behlau (44), Verband bildung und erziehung nrw

„Mehr als die Hälfte der Schulleitungen in NRW (55 Prozent) gibt an, dass es an der Schule in den letzten fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt gab, also Fälle, bei denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden“, heißt es.

35 Prozent der NRW-Schulleitungen berichten von Fällen direkter psychischer oder körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte. In NRW gibt es anteilig mehr Fälle als im Bundesgebiet insgesamt (48 Prozent).

Auch an Grundschulen gab es Fälle psychischer Gewalt (46 Prozent) und körperlicher Gewalt (32 Prozent) gegen Lehrkräfte.

„Viele waren überrascht. Die meisten konnten sich nicht vorstellen, dass das auch Grundschulen betrifft“, sagt VBE-Pressereferent Alexander Spelsberg.

Landesvorsitzender Stefan Behlau glaubt, dass eine „funktionierende Erziehungspartnerschaft von Schule und Elternhaus“ unabdingbar sei. Die Schulen benötigten zudem eine stärkere Unterstützung:

„Prävention muss deutlich im Vordergrund stehen. Ohne ausreichend Zeit und Personal kann sich die Lage kaum bessern. Flächendeckende Schulsozialarbeit ist ein essentieller Baustein, über den seit rund 40 Jahren alle Parteien diskutieren, ihn aber nicht finanzieren. Kurz gesagt: Lehrermangel und fehlende Schulsozialarbeit verhindern an vielen Standorten die nötige Gewaltprävention“, bemängelt der 44-Jährige.

Stefan Behlau ist Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) NRW.

Stefan Behlau ist Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) NRW. © Sybille Ostermann

Deshalb fordert der Verband, die nötigen Ressourcen für präventive Maßnahmen bereitzustellen.

Landeselternschaft: „Selm ist kein Einzelfall“

Auch die Landeselternschaft Grundschulen NW e.V. mit Sitz in Bochum fordert in einem Positionspapier Ende September 2018 kleinere Gruppengrößen (20 Kinder) und einen verbindlichen Personalschlüssel für Ganztagsgrundschulen.

Die Leitung der Geschäftsstelle der Landeselternschaft hat Birgit Völxen. Sie sagt: „Ich denke, dass Selm definitiv kein Einzelfall ist.“

Die Offenen Ganztagsschulen seien „komplett überfüllt“, man „hinke mit Qualität und Quantität hinterher“. Platzmangel sei ein Problem, aber auch Lärmschutz sei oft nicht gegeben. „Lärm macht aggressiv. Das ist nicht nur für die Kinder, sondern auch für das gesamte Personal unerträglich.“

Lösungsvorschläge der Landeselternschaft
  • OGS-Personal und Lehrer, fordert Birgit Völxen, müssten noch viel besser geschult werden, als es zurzeit der Fall ist. „Das Personal geht nicht zu Unrecht auf dem Zahnfleisch. Wir brauchen viel bessere Konzepte und eine entsprechende Umsetzung, damit diese Menschen sich für ihren Job gewappnet fühlen.“ Anstatt einzelne Personen zu schulen, müsse es übergreifende pädagogische Tage geben.
  • Mehr Mittel sind nötig! Denn Schulungen sind teuer. Und auch von besser bezahlten Stellen für OGS-Personal sei man noch weit entfernt. „Die Trägerverbände haben mal einen Finanzierungsvorschlag gemacht“, sagt Birgit Völxen. „Das hätte eine Verdoppelung der Kosten bedeutet, und es hätte dem Ganzen immer noch nicht genüge getan.“ Die Mittel für OGSen, fordert der Landesverband, müssten „drastisch erhöht werden.“
  • Gemeinsam gegen Gewalt: Birgit Völxen nennt Modelle, nach denen einzelne Grundschulen bereits arbeiten. Das „Bensberger Mediationsmodell“ sei ein Paradebeispiel für einen kompetenten Umgang mit Konflikten. „Das Modell lässt sich in der Praxis gut umsetzen, aber alle müssen dafür an einem Strang ziehen. Lehrer und OGS-Personal, Eltern und Kinder erarbeiten diese Strategien gemeinsam. Das ist ein Pfund, mit dem jede Schule wuchern kann“, sagt Völxen.
  • In diesem Modell geht es darum, in einem strukturierten Trainingsprogramm einer Klasse oder Gruppe Regeln, Rituale, Sprach-und Handlungsmuster zu entwerfen. Mit Hilfe der „Erst-Hilfe im Streit“ und in ausführlichen Konfliktgesprächen nach einem strukturierten Leitfaden lernen Erwachsene, Jugendliche und Kinder gewaltfrei und eigenverantwortlich zu agieren.

Dass es vermehrt Probleme mit Aggressivität gibt, hat Birgit Völxen bereits von vielen Grundschulen gehört. Von Gesprächen mit Kindern, Eltern, Lehrern und Betreuungspersonal.

Und sie sagt: „Die Grundschule ist längst keine Komfortzone mehr. Ich habe von Stühlen und Tischen gehört, die gegen Personal geworfen worden sind. Bis auf Bedrohung mit einer Waffe war eigentlich schon alles dabei.“ Kurz darauf ergänzt sie: „Doch, einmal hat ein Schüler mit einer Eisenstange gedroht.“

„Die Grundschule ist längst keine Komfortzone mehr.“
Birgit Völxen, Landeselternschaft Grundschulen

Wie erklärt sich Birgit Völxen ein solches Verhalten? „Ich glaube, darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Und man darf niemandem die Schuld in die Schuhe schieben.“

Sie glaubt, dass an vielen Schulen heute Angst herrsche.

„Es ist eine andere Angst als früher. Die Eltern haben Angst, Chancen für ihre Kinder zu verpassen. Die Lehrer müssen Lehrpläne bewältigen, die völlig überfrachtet sind. Und die Kinder haben Angst, zu versagen. Dieser Druck wird dann weitergegeben.“

Schulamtsdirektorin: „Pauschale Schlussfolgerungen“ können nicht bestätigt werden

Beim Schulamt des Kreises sieht man hingegen kein Problem mit Gewalt an Grundschulen. Schulamtsdirektorin Bettina Riskop:

„Es gibt in den Grundschulen als Offene Ganztagsschulen ohne Zweifel sowohl im Vormittagsbereich/ Unterricht als auch im Nachmittagsbereich zunehmend Situationen, in denen Kinder in besonderer Weise in ihrem sozial-emotionalen Verhalten unterstützt werden müssen.

Daraus jedoch pauschal den Schluss zu ziehen, dass an den Grundschulen und hier insbesondere im Nachmittagsbereich der Offenen Ganztagsschulen Übergriffe und aggressives Verhalten von Kindern die Regel sind, kann nach Einschätzung der Schulaufsicht Grundschule hier im Schulamt für den Kreis Unna nicht bestätigt werden.“

Autsch, das tut weh. Kratzen, Beißen und Haareziehen ist in Schule und OGS oft an der Tagsesordnung.

Autsch, das tut weh. Kratzen, Beißen und Haareziehen ist in Schule und OGS oft an der Tagsesordnung. © Martina Niehaus

Das angebotene Gespräch mit der Stadt Selm und den Schulen biete die Gelegenheit, „einen breiteren Blick auf die Arbeit der Offenen Ganztagsschulen sowohl in Selm als auch im Kreis Unna zu nehmen.“

Spiele mit klaren Regeln können helfen - zu Hause und in der Schule

Noch bevor ein solches Gespräch stattfindet, handelt die Stadt Selm bereits: Das bestehende Raumproblem will die Stadtverwaltung mit einer Qualitätsoffensive mittelfristig durch einen Neubau am neuen Campus-Platz, auf dem Gelände der alten Turnhalle, lösen.

Christian Lüdke empfiehlt bei Stress in der OGS und zu Hause:
  • Dem Kind deutlich machen: „Das geht nicht.“ Null Toleranz zeigen und klare Regeln aufstellen, das Kind aber nicht bestrafen. Besser: Belohnungen auslassen.
  • Immer das Verhalten und die Person voneinander trennen. Nicht sagen: „Du bist schlecht“, sondern: „Was du gemacht hast, war schlecht“. Oder: „Ich mag dich, aber ich mag nicht, was du getan hast“. Aggressionen sind immer auch Verzweiflung, die Suche nach Nähe.
  • Für die Eltern: Viel kuscheln, viel vorlesen, so viel Zeit wie möglich mit dem Kind verbringen. Und das Handy dabei aus der Hand legen.
  • Gewünschtes Verhalten bestätigen: Wenn das Kind einmal einen guten Tag hatte und es keinen Stress gab, sollte man es belohnen. Ein ernst gemeintes Lob von der OGS-Mitarbeiterin oder den Eltern tut gut.
  • Miteinander reden: Alle sollten miteinander sprechen, eine Rückmeldung der OGS-Mitarbeiterinnen und Lehrerinnen an die Eltern ist in jedem Fall wichtig.
  • Oft verarbeiten Kinder traumatische Ereignisse wie Trennung, Umzug oder Tod eines Familienmitglieds stark verzögert. Dann weiß niemand mehr, dass das Verhalten mit diesem Ereignis in Zusammenhang stehen könnte. Im Zweifelsfall ruhig zum Kinderarzt gehen. Dann kann man nach dem Grund suchen.

Für die Gewinnung von Fachkräften auf dem laut Damberg „allgemein leergefegten Arbeitsmarkt“ setzt der Verein auf die Wirkung von besseren Arbeitsbedingungen und Löhnen, die so bei gewerblichen Arbeitgebern, die vielfach in anderen Städten für den Ganztagsbetrieb zuständig sind, so nicht zu finden seien: sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse statt 450-Euro-Jobs.

Ganz Selm könne sich das leisten, weil für Organisation und Verwaltung deutlich weniger Kosten entstünden als anderswo. „Vereinsmitglieder leisten viele der Aufgaben ehrenamtlich.“

In der Zwischenzeit geht der Alltag in den Schulen und der OGS weiter.

Auch wenn es für die Kinder die Möglichkeit zur Bewegung oder Ruheräume zum Ausruhen oder Lesen gibt: Den Lehrerinnen und OGS-Mitarbeiterinnen ist klar, dass die Grundschüler trotzdem auch mal an ihre Grenzen kommen.

„Die Kinder machen es ja nicht, weil sie böse sind. Die haben ja einen Grund für ihr Verhalten. Und es ist schon ein sehr langer Tag für sie“, sagt Ellen Smolnik. Christine Jücker fügt hinzu: „Man ist acht Stunden mit Menschen zusammen, mit denen man sich zurechtfinden muss. Und man kann sich nicht so gut zurückziehen wie zu Hause.“

In einer größeren Gruppe empfiehlt der Kinder- und Jugendtherapeut Christian Lüdke deshalb, mit den Kindern Spiele zu spielen, bei denen die Regeln klar und unumstößlich sind.

„Das birgt am wenigsten Konfliktpotential. Bei Mensch-Ärgere-Dich oder beim Quartett kann man nicht drumrumreden. Was der Würfel oder die Karte sagen, muss gemacht werden.“ Das gelte auch für Bewegungsspiele auf dem Schulhof. „Fangen spielen ist schön und einfach. Wen ich hab, den hab ich. Punkt.“

Der Trägerverein „GANZ Selm e.V.“ wurde im Jahr 2011 gegründet und gewährleistet neben der Betreuung der Kinder im Offenen Ganztag und der Übermittagbetreuung (Primarstufe) auch die Betreuung in der Sekundarstufe I einiger Selmer Schulen. Die Selmer Schulleitungen sind beteiligt und in die pädagogische Arbeit des Vereins eingebunden. Des Weiteren sind ehrenamtliche Bürger tätig, die sich in die Vorstandsarbeit einbringen, und auch die Stadt Selm ist im Vorstand vertreten.
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