Ex-Fokus-Chef Michael Reckers genießt den Ruhestand, wird aber weiter den Fokus unterstützen und auch ehrenamtlich tätig sein. © Arndt Brede
Interview

Ex-Fokus-Chef Michael Reckers: „Ruhestand hat wenig mit Ruhe zu tun“

Fast 30 Jahre hat Michael Reckers verantwortlich zunächst für die Volkshochschule Selm, später auch für den Fortbildungs-, Kultur- und Sportbetrieb gearbeitet. Nun ist er im Ruhestand. Was jetzt?

Mit Michael Reckers ist ein Mann in den Ruhestand gegangen, der die Entwicklung der Volkshochschule bis zum heutigen Fortbildungs-, Kultur- und Sportbetrieb inklusive eben jener VHS, der Musikschule und der Stadtbibliothek maßgeblich mitbestimmt hat. Wie hat er die Entwicklung wahrgenommen? Was waren bewegende Momente? Was wird er in Zukunft machen? Das und mehr haben wir den 66-Jährigen im Interview gefragt.

Die meiste Zeit Ihres beruflichen Lebens haben Sie in Selm gearbeitet. Wenn Sie die Anfänge in der VHS betrachten und mit dem Fokus jetzt vergleichen. Wie hat es sich entwickelt?

Mit Fertigstellung des Bürgerhauses war in den 1990er-Jahren der Auftrag, das Bürgerhaus mit attraktiven Veranstaltungen zu füllen, den Menschen die häufig kritisierte Architektur näherzubringen und das Haus erleben zu lassen. Das ist, glaube ich, ganz gut gelungen. Es ging aber auch darum, das traditionelle VHS-Angebot auszudehnen. Es ging um Kulturexkursionen, um den Ausbau des EDV-Angebots, um politische Bildung. 1994 ist die Alte Synagoge in Bork der Öffentlichkeit übergeben worden. Insofern waren jüdische Themen – wie heute wieder – ein Schwerpunkt unseres VHS-Programms.

Wie ging es weiter?

Anfang des neuen Jahrtausends erteilte der Rat der Stadt Selm den Auftrag, einen kommunalen Kultur- und Weiterbildungsbetrieb zu planen und zu gründen. Das war Neuland für Selm und die Region, bis auf ein ähnliches Vorhaben in Schwerte. Es war eine sehr weitsichtige und aus meiner heutigen Sicht immer noch richtige Entscheidung. So konnte all das zusammengeführt werden, was zusammen gehört. Was vorher inhaltlich, räumlich, organisatorisch auf unterschiedlichen Ebenen in Selm und Bork angesiedelt war, bei verschiedenen Fachämtern, das wurde zu Fokus. Rund um den Willy-Brandt-Platz angesiedelt, fanden VHS, Musikschule, Kulturbüro, Sportbüro und Bibliothek unter dem Fokus-Dach ein neues Betätigungsfeld. Bevor die sprichwörtlichen Synergien erzielt werden konnten, war viel Arbeit notwendig.

Sind die gewünschten Synergien erreicht worden?

Durch spartenübergreifende interne Kooperationen konnte eine höhere Effizienz erzielt werden. Der Gesamtetat von Fokus wurde jedes Jahr bestmöglich für Selm eingesetzt.

Fokus arbeitet auch immer im Gesamtkontext gesellschaftlicher Prozesse und Fragestellungen. Haben Sie mit Ihrem Team die Antworten geben können?

2015 sind immer mehr geflüchtete Menschen nach Selm gekommen. Für diese Menschen bestand unsere Aufgabe darin, innerhalb kürzester Zeit ein abgestuftes Sprachkurssystem zu entwickeln und das nach den hohen Vorgaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Diese sehr komplexe Aufgabe hat manche Kolleginnen und Kollegen bis an den Rand ihrer Kräfte geführt. Der Arbeitseinsatz hat sich in doppelter Hinsicht gelohnt, auch heute sind die Integrationskurse ein wesentliches Arbeitsfeld der VHS. Sprache ist die Basis jeglicher Integration, insofern verfügt dies Kursangebot über eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Diese Priorisierung geht zum Teil zu Lasten des traditionellen VHS-Angebots.

Wenn man das Angebot des Fokus nimmt, ist das ein riesiges Buffet, an dem sich die Menschen bedienen können, vorher dafür bezahlen. Wie haben Sie als Chef das Ganze im Blick halten können? Letztendlich hätten Sie ja den Kopf hinhalten müssen, wenn etwas schief gelaufen wäre.

Ich empfinde es als Privileg, in den fast 30 Jahren immer mit Menschen zusammengearbeitet zu haben, die für ihre Aufgabe gebrannt haben, ihre Aufgabe geliebt haben und das auch heute noch tun, und in einem hohen Maße eigenverantwortlich gearbeitet haben. In den einzelnen Sparten ist so viel Fachwissen vorhanden, dass ich darauf vertrauen konnte, dass die Arbeitsbereiche qualitativ hochwertig betreut worden sind. Immer dann, wenn es übergreifende Themenstellungen gab oder Schwierigkeiten, bin ich in meiner Rolle als Leiter von Fokus auch einbezogen worden.

Die Lokalpolitik bestimmt die Rahmenbedingungen. Wo haben Sie da Ihre Stellung gesehen? Als Bittsteller, Wünscheäußerer, als Initialgeber für Ideen, die dann in der Lokalpolitik diskutiert wurden?

Letzteres ist auf jeden Fall so. Wobei sich das Selbstverständnis der Lokalpolitik auch gewandelt hat. War es in den 1990er Jahren noch so, dass Lokalpolitik in den entsprechenden Ausschüssen bis in die kleinste Entscheidung hinein noch mitsprechen wollte, ist heute das Verständnis – und das begrüße ich sehr – so, den groben Rahmen und die Ziele vorzugeben und die Umsetzung in die Hand der Fachleute vor Ort zu geben. Insgesamt ist das Verhältnis immer auf Augenhöhe gewesen. Ich fühlte das gesamte Fokus-Team immer entsprechend gewürdigt.

Welchen Stellenwert hat Fokus bei den Menschen in Selm?

Ich glaube, dass sich bei einem Großteil der Selmerinnen und Selmer der Name Fokus positiv eingeprägt hat. Ich glaube weiterhin, dass für viele der neu zugezogenen Familien das Angebot von Fokus – all das, was im Kulturkalender steht und darüber hinaus – ein sogenannter weicher Standortfaktor war, der beeinflusst hat, dass man Selm als neuen Wohnort in Betracht gezogen hat. Das bekommen wir in unseren Veranstaltungen rückgemeldet.

Michael Reckers (M.) mit seiner Frau Lisa wurde auch von der Stadtverwaltung in den Ruhestand verabschiedet. Alles Gute wünschten Personalrätin Brigitte Althoff-Rörig (v.l.), Beigeordnete Sylvia Engemann, Bürgermeister Thomas Orlowski und Personaldezernentin Jutta Röttger.
Michael Reckers (M.) mit seiner Frau Lisa wurde auch von der Stadtverwaltung in den Ruhestand verabschiedet. Alles Gute wünschten Personalrätin Brigitte Althoff-Rörig (v.l.), Beigeordnete Sylvia Engemann, Bürgermeister Thomas Orlowski und Personaldezernentin Jutta Röttger. © Stadt Selm © Stadt Selm

Das ist Michael Reckers

  • Michael Reckers wurde in Lünen geboren, ist in Selm aufgewachsen. Nach der Bundeswehrzeit hat er Lehramt studiert. Er wechselte aber in die Erwachsenenbildung und arbeitete in Essen und Duisburg.
  • 1993 kam er mit seiner Frau Lisa zurück nach Selm, wurde stellvertretender Volkshochschulleiter. Nach dem Tod des VHS-Leiters Günter Neuhaus wurde Reckers 1997 dann VHS-Chef. 2005 wurde der Fokus gegründet. Michael Reckers wurde Fokus-Chef.
  • Michael Reckers hat mit seiner Frau zwei Söhne.

Welches sind die Momente in ihrem beruflichen Leben, an die Sie gern zurückblicken?

Es gibt eine Vielzahl von Augenblicken, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Im Bürgerhaus eine Kulturveranstaltung beispielsweise mit Götz Alsmann anzumoderieren und in 300 erwartungsvolle Gesichter zu blicken und zu wissen, dass gleich die Leute Spaß haben werden. Oder jemandem aus dem Schulabschlusskurs sein Zeugnis zu überreichen und das Glück und die Zufriedenheit zu erfahren. Wenn man in größeren Zusammenhängen denkt, fällt mir das Kulturhauptstadtjahr 2010 ein. Ein herausragendes Jahr, in dem alle kulturtreibenden Organisationen, Verbände und Vereine hier in Selm miteinander dafür gesorgt haben, dass wir ein spannendes, veranstaltungsreiches, erfüllendes Jahr hinbekommen haben.

Gibt es negative Erinnerungen?

Alle Themen, mit denen wir im Fokus uns auseinandersetzen, sind in der Regel positiv besetzt. Die Menschen, die zu uns kommen, tun dies freiwillig mit einer positiven Erwartungshaltung. In der Masse der Fälle können wir diese Erwartungshaltung auch befriedigen. Deswegen fallen mir keine negativen Erlebnisse ein. Kritik sind wir offensiv angegangen. Schwierige Zeiten, wie die Sparprozesse durch die Streichliste des Unternehmensberaters Mutter haben wir mitgetragen. Schweren Herzens, aber als Solidarbeitrag.

Werden Sie Fokus jetzt nur noch aus der Ferne betrachten?

Ganz natürlich nicht. Insofern als ich einen Bereich für das kommende Jahr zunächst weiterhin betreue: Da geht es um Beratung zu Bildungsscheck und Bildungsprämien. Ich bin donnerstags abends einmal in der Woche im Bürgerhaus, um die entsprechenden Termine wahrzunehmen. Und ich werde als Stadtführer ehrenamtlich tätig sein.

Was haben Sie jetzt, im Ruhestand, noch so vor?

Mein Ziel ist vorrangig, mehr Zeit mit meiner Frau zu verbringen. Ich werde auch weiterhin ehrenamtlich in der Bürgerstiftung tätig sein. Im Lions Club bin ich weiterhin aktiv. Und im Förderverein des Freibades auch. Ich freue mich auch darauf, mehr Zeit damit zu verbringen, aktiv Fahrrad zu fahren. Ich halte es mit Hermann Lahm: Der Ruhestand hat so viel mit Ruhe zu tun, wie der Verstand mit Stehen.

Über den Autor
Redaktion Selm
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Arndt Brede

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