Zu Beginn der Pandemie machte Kerstin Kappenberg auch Musik auf ihrer Terrasse in Cappenberg. © Sylvia vom Hofe
Corona-Krise

Freischaffende Künstler und Corona: „Ich bin in ein Arbeitsloch gefallen“

Künstler und Freiberufler haben es nicht leicht in der Corona-Krise. Auch für Chorleiterin Kerstin Kappenberg sind einige Aufträge weggebrochen.

Die Arbeit von Kerstin Kappenberg läuft im Moment ganz anders ab, als die ausgebildete Chorleiterin es eigentlich gewohnt ist. Chorprobe, das heißt für ihre beiden Chöre daChor aus Selm und TonArt aus Werne aktuell folgendes: alle sind über einen Computer-Bildschirm miteinander verbunden und Kerstin Cappenberg singt. Die anderen singen auch für sich alleine – sind aber stumm geschaltet. Anders würde es sonst mit der Zeitverzögerung durch die Internetverbindung nicht gehen. Etwas frustrierend für eine Chorleiterin, die eigentlich gerne Tipps geben und ihre Sängerinnen und Sänger hören möchte.

Nach den Proben mit viel Abstand oder im Freien, die bis zum Herbst noch möglich waren, war die Rückkehr an den Computer-Bildschirm schon ziemlich frustrierend, wie Kerstin Kappenberg zugibt: „Ich wäre fast ausgestiegen und hätte gesagt, wir proben erst nächstes Frühjahr wieder“, erzählt Kappenberg und lacht, ihre Chöre hätten sie aber darin bestätigt weiterzumachen. So schickt sie den Chormitgliedern jetzt eben MP3s mit denen sie vorher üben können, wer möchte, kann auch selbst den Song einsingen und ihn der Chorleiterin schicken – für Feedback. Außerdem kann Kerstin Kappenberg die Stimmen dann auch zu ihrer dazumischen und es klingt bei den Proben mehr nach Chor als nach Einzelsängern. Improvisation ist nach wie vor gefragt in der Corona-Krise.

Aufträge mussten auf Eis gelegt werden

Das zieht sich schon fast durch das ganze Jahr. Durch die Corona-Krise sind für Kerstin Kappenberg auch einige Aufträge weggefallen. Zum Beispiel ein Gesangsprojekt an den Grundschulen in Bork und Cappenberg, ein Musikprojekt für Geflüchtete und auch die Betreuung eines weiteren Chors. Der gerade frisch gegründete Chor „Je älter je besser“ musste sich im Mai bereits wieder auflösen – die Proben waren für die älteren Mitglieder besonders gefährlich.

„Im Sommer bin ich in ein richtiges Arbeitsloch gefallen“, sagt Kappenberg. Aber sie hätte im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern und Selbstständigen Glück. „Wenn ich meinen verbeamteten Mann nicht hätte, hätte ich ein Problem“, sagt die 37-Jährige. Sie hatte deshalb auch einen offenen Brief geteilt, den bekannte Künstler aus ganz Deutschland an die Bundesregierung gerichtet haben. Darin fordern die Unterzeichner Unterstützung, Verständnis und eine Perspektive in und nach der Corona-Pandemie: „In den letzten Monaten gaben Sie uns das Gefühl, weniger wert zu sein als Autos, Flugzeuge und Fußballspieler. Dabei gehören wir in der derzeitigen Pandemie zu den Wirtschaftszweigen, die ohnehin schon finanziell wesentlich schlechter gestellt sind als andere“, heißt es darin unter anderem.

„Keine Extrawurst“ sagt die Ministerin

Mit Schildern wie „Alle gehen schwimmen – nur die Kultur geht baden“ demonstrierten der „Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland“ (VGSD), die „Initiative Kulturschaffender in Deutschland“ (IKiD) und „Künstler! Hilfe! Jetzt!“ am 1. Dezember vor dem Bundesarbeitsministerium für mehr Hilfen.

„Allein die großen Museen, Theater und so weiter, das ist ein Drama, dass sie mit tollen Konzepten in den Lockdown mussten“, findet Kerstin Kappenberg. Sie fragt sich, wo denn der Unterschied ist, ob man im Supermarkt ist oder im Theater mit guten Hygiene-Regeln. Das sieht die zuständige Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) anders: „Die Kultur muss aufpassen, dass sie nicht immer eine Extrawurst brät“, sagte die Ministerin am Freitag im Kulturausschuss des Landtages und begründete das mit den hohen Infektionszahlen. Kerstin Kappenberg sagt: „Ich würde mir wünschen, dass die Politik es schafft, dass wir mit guten Auflagen im Januar wieder zusammenfinden.“

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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