Zufrieden und dankbar nach dem letzten Arbeitstag, Selmer Friseur muss schließen. Birgit Piter (links unten) verabschiedet sich zusammen mit ihren Töchtern. © Friseur Haardys
Laden schließt

Friseur in Selm schließt: Trotz Rückschlägen bereut Birgit Piter nichts

Über ein Jahrzehnt hat Birgit Piter ihren Friseursalon betrieben, jetzt muss sie schließen und schaut voller Stolz auf die Zeit zurück und erinnert sich an längst vergangene Haar-Trends.

Corona, Straßensperrungen und die Veränderungen im Markt haben Birgit Piters Friseursalon den Rest gegeben. Am 15.12. haben sie und ihre Töchter den Salon geschlossen. Birgit Piter: „Wir haben auf Facebook etliche Nachrichten bekommen von Leuten, die uns Glück wünschen und traurig über die Schließung sind.“

Friseur Haardys am Sandforter Weg hatte es in den letzten Jahren nicht leicht, berichtet die Inhaberin: „Zuerst haben die uns hier immer wieder die Straße gesperrt, das war 2018. Wir waren von Selm abgeschnitten und wurden vergessen. Das Leben hat sich nur noch in die Innenstadt verlagert.“ Im Februar 2020 seien sie endlich wieder obenauf gewesen und hätten mit einem blauen Auge nach vorne schauen können, doch dann kam Corona. Als dann klar wurde, dass das Ladenlokal Ende des Jahres verkauft werden soll, sei das das Zeichen gewesen aufzuhören. Birgit Piter: „Ich habe zwölf Jahre lang einen Salon gehabt, davon sieben Jahre am Sandforter Weg.“

Die Hilfen werden zur Belastung

Schon vor Corona hatte Birgit Piter alle fünf Mitarbeiter, bis auf ihre Töchter entlassen müssen: „Ich bin froh, dass ich meine beiden Töchter in der Corona-Zeit flexibel einsetzten konnte, so wie es gerade beim Geld gepasst hat.“ Die Schließung im Frühling hat das Friseurgewerbe in der wichtigsten Zeit getroffen: „Über Ostern macht man heute das neue Weihnachtsgeschäft. Alle Hochzeiten, Kommunionen und Abibälle sind dieses Jahr weggefallen, das sind Einnahmen von denen ein Friseur sonst das ganze Jahr zehren kann, die auch eine Rücklage sind.“ Als sie ihre Karriere vor zwölf Jahren begonnen hat, wäre Weihnachten noch deutlich wichtiger gewesen: „Auch die wichtige Woche vor Weihnachten wäre dieses Jahr weggefallen.“

Sie hatte in Folge der Corona-Krise eine Unterstützung beantragt, eine schlechte Entscheidung aus heutiger Sicht: „Nachdem alles neu berechnet wurde, muss ich 2500 Euro schon wieder zurückzahlen. Jetzt muss ich schauen, wie ich die auftreiben kann.“ Sie kann nur davon abraten, die Unterstützungen in Anspruch zu nehmen: „Das ist für mich ein Fake, da denkt man schon nach, ob man überhaupt Hilfe beantragen will. Ich würde es nicht noch mal machen.“

Wenn Birgit Piter auf ihre Zeit in der Haarbranche zurückschaut, haben sich die Wünsche der Kunden auf ihrem Friseurstuhl in den vergangenen Jahren verändert: „Die Mädchen wollen alle nur noch lange Haare haben, nur Spitzen schneiden, die sind sich dadurch alle sehr ähnlich.“ Trends würden in den letzten Jahren von den Jungen gesetzt: „Die kommen viel regelmäßiger, probieren mal was aus.“ Über die Jahre seien auch bei den Älteren die Frisuren verändert: „Während sich früher viele blond gewünscht haben, tragen sie heute grau und kurz.“

Auch im punkto Färben habe sich einiges entwickelt: „Man spürt die Konkurrenz durch die Drogerien, die da viel zum selber färben im Angebot haben. Wir dürfen bei Jugendlichen unter 18 ja auch gar nicht mehr färben. Das ist richtig so, die sind noch im Wachstum.“ Immer wieder haben sie seit dem verunglückte Selbstversuche junger Mädchen und Frauen gerettet. Dennoch seien sie beim Färben eine gute Adresse gewesen: „Wir waren immer vorne mit dabei, vor allem weil wir kreativ waren und neue Sachen gemacht haben.“

Weiter im Friseurhandwerk

Nach der Schließung von Friseur Haardys geht es für Birgit Piter trotzdem mit Schere und Kamm weiter: „Ich werde mein Gewerbe in ein Kleingewerbe ummelden und nach Bedarf arbeiten.“ Zu Hause hat sie auch einen „Trockenhaarschneideplatz“, an dem sie weiterhin einige Kunden in Form schneiden wird. Für ihre Töchter sei noch nicht klar, wo die Reise hingehen wird, sie stünden immer noch ein wenig unter Schock. Der letzte Tag im eigenen Salon war traurig und voller Glück zugleich: „Wir waren sehr gestresst, es war Hardcore.“ Im Halbstundentakt hat sie mit ihren beiden Töchtern bis zuletzt alle Kunden bedient. Zwischendurch seien auch mal Tränen geflossen: „Wir haben nicht mit all den Geschenken und guten Wünschen gerechnet. Wir haben Sekt und Blumen bekommen. Es war ein toller Abschluss.“

Nach dem letzten Tag bleiben dutzende gebrauchte Handtücher, Geschenke von Kunden und viel Dankbarkeit.
Nach dem letzten Tag bleiben dutzende gebrauchte Handtücher, Geschenke von Kunden und viel Dankbarkeit. © Friseur Haardys © Friseur Haardys

Mit Blick auf die Zukunft vermutet sie, dass sie nicht der letzte Friseur sein wird, der schließen muss: „Es gibt in der Branche einen unglaublichen Konkurrenzkampf zwischen Qualität und Quantität.“ In vielen Insiderforen liest sie von Läden, die durch Corona immer näher an den Abgrund kommen. Birgit Piter: „Die meisten Friseure machen das mit Herzblut. Selbstständigkeit heißt eben nicht bergeweise Geld scheffeln, sondern Verantwortung tragen.“ Vor allem in den großen Städten könnten sich kleinere Betriebe die hohen Mieten in den Innenstädten kaum noch leiste.

Trotz Schließung und den Strapazen der vergangenen Jahre ist Birgit Piter zufrieden: „Ich habe alles erreicht, war Unternehmerin des Jahres, habe meinen beiden Töchter durch die Ausbildung bekommen, immer ein tolles Team gehabt und bis es hart wurde einen erfolgreichen Laden betrieben. Es war immer lustig und locker untereinander, wir haben unseren Traum zu unserer Arbeit gemacht. Ich bereue nichts.“

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
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Nora Varga

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