Manche Kunden möchten einen Haarschnitt, obwohl die Salons geschlossen sind. Symbolbild. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Corona und Schwarzarbeit

Friseure fühlen sich bedrängt: Kunden laden zu Kaffee mit Schwarzarbeit

Seit fünf Wochen sind Friseursalons geschlossen. Manche Kunden wollen so dringend eine neue Frisur, dass sie zum Kaffee mit Schwarzarbeit einladen. Eine Friseurin aus Selm fühlt sich bedrängt.

Die Anfragen, die eine Friseurmeisterin aus Selm und ihre Mitarbeiterinnen erhalten sind immer freundlich – aber ihr Ziel ist klar. „Möchtest du nicht mal auf einen Kaffee vorbeikommen und vielleicht deine Schere mitbringen?“ heißt es dann so oder so ähnlich in den Nachrichten, die von Kundinnen und Kunden kommen.

Was auch unter normalen Umständen ein Angebot zur Schwarzarbeit wäre, ist in der Corona-Pandemie noch mehr. Es ist die Aufforderung, gegen die Corona-Schutzverordnung zu verstoßen. Kein Kavaliersdelikt, schließlich sind dann Strafen zwischen 2500 Euro und – bei Mehrfachverstoß – 25.000 Euro fällig.

Salon-Schließung seit dem 16. Dezember

„Man will den Kunden ja helfen“, sagt die Friseurmeisterin am Telefon. Sie möchte ihren Namen in diesem Artikel lieber nicht preisgeben, schließlich möchte sie ihre Kunden und Kundinnen auch nicht verprellen, aber sie wünscht sich mehr Rücksichtnahme für die Situation der Friseursalons. „Eine Angestellte hat mir gesagt, ‚ich kann bald nicht mehr’“, erzählt sie. Ständig erhalte die Frau solche Einladungen für einen „Kaffee mit Schere.“

Ein Rückblick: Friseursalons konnten im so genannten Lockdown Light im November im Gegensatz zu Gastronomiebetrieben noch geöffnet bleiben. Mit den Verschärfungen kurz vor Weihnachten, kam dann aber auch die Schließung für die Salons am Mittwoch, 16. Dezember. Die zwei Tage vorher durften die Salons noch geöffnet bleiben. Viele nutzten das für lange Öffnungszeiten. So war es auch in dem Selmer Salon. Von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends habe der Salon an den beiden Tagen offen gehabt. „Da hätten sie uns anstoßen können, wir wären umgefallen“, erzählt die Friseurmeisterin über diese Tage. Aber sie und ihr Team hätten es gerne gemacht.

Schwarzarbeit? „Das machen wir nicht“

Außerdem hätten sie kurz vor dem Lockdown auch eine Abmachung getroffen: Schwarzarbeit „das machen wir nicht.“ Man schleppe ja sonst das Virus von Haus zu Haus, sagt die Friseurmeisterin. Gerade jetzt, wo es Mutationen gebe. Sie steht voll hinter den Maßnahmen und ist skeptisch, ob es überhaupt wieder möglich sein wird, Mitte Februar zu öffnen. Sie wünscht sich aber von den Kunden mehr Solidarität: „Wir würden ja gerne wieder arbeiten und den Leuten helfen. Aber die Leute sollten sich vor Augen führen, dass wir gerade ein Berufsverbot haben“, sagt sie. Außerdem könne man es ja auch sehen, wenn jemand mit einem frischen Haarschnitt ankomme.

Wie viele andere Friseure auch, bietet sie kleine Leistungen an: Farbe zum Beispiel kann man bei ihr kaufen und sich liefern lassen oder abholen. „Das ist mir ja lieber, als wenn sich die Kunden Farbe in der Drogerie kaufen und dann aussehen wie Möhren“, sagt die Frau. Man könne ihren Salon wie viele andere auch bei Facebook kontaktieren. Sie wäre dann auch bereit, Tipps zu geben, zum Beispiel, wie man selbst einen Pony schneidet. Und das würde sie sogar kostenlos tun. Hauptsache die Kunden verzichten auf Schwarzleistungen.

Auch Friseure lassen ihre Haare wachsen

In genau diese Richtung schlägt auch die Friseurinnung Unna, zu der Selm gehört. Unter dem Stichwort HairRetter wirbt die Innung zum Beispiel mit einem jungen Mann, der lange, wilde Haare hat. „Mach‘s wie Lars, warte auf den Profi“, steht dann zum Beispiel darunter. Genauso wie in der Kampagne macht es auch Björn Barthold, der Obermeister. „Ich lasse meine Haare wachsen“, sagt er. Auch seine Frau verzichtet auf Haarfarbe, obwohl das Ehepaar – auch sie ist vom Fach – diese Aufgaben problemlos gegenseitig erfüllen könnte.

Doch Barthold möchte solidarisch sein und darum bittet er auch Kundinnen und Kunden sowie Kolleg*innen. Er könne nur alle Kunden aufrufen, nicht schwarz zum Friseur zu gehen und alle Kolleginnen und Kollegen, sich auf solche Deals nicht einzulassen. Er macht darauf aufmerksam, dass die Strafzahlungen schließlich nicht nur die Friseure betreffen, die gegen das aktuell geltende Recht verstoßen, sondern auch die Kunden.

Die Situation sei für die Friseursalons gerade ohnehin sehr angespannt: „Wir stehen im Moment ziemlich mittellos da“, sagt Barthold aus Sicht des gesamten Friseurhandwerks. Denn die von der Landesregierung in Aussicht gestellten Überbrückungshilfen für den Dezember und den Januar sind nicht nur noch nicht auf den Konten, die Anträge können aktuell noch gar nicht gestellt werden.

Doch trotz der Not kann Barthold nur appellieren: „Es nützt doch nichts, wenn wir drei Wochen aufmachen und dann wieder schließen müssen.“ Und: Das Schlimmste wäre doch, wenn sich jetzt jemand eine Infektion bei so einem schwarzen Schneide-Termin einfangen würde, sagt er. Wenn die Öffnung wieder möglich sei, ist sich Barthold sicher, dass die Friseure auch wieder verlängerte Öffnungszeiten anbieten werden. So lange sollten die Kundinnen und Kunden bitte warten. Immerhin ist ihm der Humor noch nicht vergangen: „Es ist ja Gott sei Dank Winter, da kann man wenigstens ne Mütze aufsetzten.“

Über die Autorin
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Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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