"Harfendoktor" verarztete Instrumente in Selm

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Frans Castermans ist Doktor. Am Donnerstag verlegte er seine Praxis in die Räume der Musikschule Selm. Gleich vier Patienten kamen dort in den Genuss einer Behandlung. Das Besondere: Seine Patienten waren nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Holz und Mechanik - denn Castermans repariert Harfen.

Selm

01.12.2016, 16:36 Uhr / Lesedauer: 1 min
Frans Castermans liebt seinen Job als Harfendoktor,

Frans Castermans liebt seinen Job als Harfendoktor,

Der 68-Jährige ist nicht irgendein Doktor, er ist Harfendoktor. Das bedeutet, er reguliert, restauriert und baut das Instrument seit 35 Jahren. „Ich prüfe gerade die sieben Pedale an der Harfe und beschmiere das darum gebundene Leder mit Babypuder, um die nötige Geschmeidigkeit zu erreichen“, erklärte der aus Maastricht stammende Orgelbauer.

Über 1500 mechanische Einzelteile

Mit ein paar Griffen hatte er zuvor die alte Filzumwicklung entfernt: „Leder ist viel weicher und von besserer Qualität.“ Gemeinsam mit Sohn Jean-Pierre nahm Castermans am Donnerstag drei weitere Harfen der Musikschule unter die Lupe.

Jeder Eingriff dauerte rund fünf Stunden, denn die OP am offenen Herzen ist komplex: Über 1500 mechanische Einzelteile verfügt eine Harfe nämlich. „Nach circa zwei Jahren verstellen sich häufig die Halbtöne. Ist das passiert, muss die Mechanik neu reguliert werden, um schiefe Töne zu vermeiden“, erklärte Verena Volkmer, Leiterin der Musikschule und wies damit auf die Wichtigkeit der Behandlung hin. Den Harfendoktor kennt sie bereits seit ihrer Studienzeit: „Er ist einfach der Beste in seinem Fach.“

Sohn Jean-Pierre soll Nachfolger werden

Über die Lebensdauer seiner Patienten konnte Castermans keine konkrete Aussage machen: „Es kommt darauf an wer, wie intensiv auf der Harfe spielt, ob nur eine oder mehrere Personen, ein paar Minuten oder gleich mehrere Stunden täglich.“ Üblich seien aber 40 bis 50 Jahre.

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Der Harfendoktor in der Musikschule Selm

Frans Castermans repariert gemeinsam mit seinem Sohn Jean-Pierre Harfen. Dafür reisen sie durch ganz Europa. In Selm schauten sie sich vier Harfen in der Musikschule an.
01.12.2016
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So sieht die Harfe ohne Fuß aus.© Foto: Anna Knopp
Das Werkzeug und Material wiegt rund 50 kg.© Foto: Anna Knopp
So sieht die Harfe ohne Fuß aus.© Foto: Anna Knopp
Franz Castermans liebt seinen Job.© Foto: Anna Knopp
Die Ansicht vom Inneren einer Harfe.© Foto: Anna Knopp
Sohn Jean-Pierre tritt in die Fußstapfen seines Vaters.© Foto: Anna Knopp
Die Pedalharfe wird generalüberholt.© Foto: Anna Knopp
Die Pedalharfe wird generalüberholt.© Foto: Anna Knopp
Franz Castermans liebt seinen Job.© Foto: Anna Knopp
Die Pedalharfe wird generalüberholt.© Foto: Anna Knopp
Dafür wird der Fuß der Harfe abgeschraubt.© Foto: Anna Knopp
Dafür wird der Fuß der Harfe abgeschraubt.© Foto: Anna Knopp
Eine abgenutzte Pedalumwicklung aus Filz.© Foto: Anna Knopp
Frans Castermans liebt seinen Job als Harfendoktor,© Foto: Anna Knopp
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Immer mit dabei: Sein persönliches Medi-Pack mit Ersatzteilen und Werkzeug, das stolze 50 Kilogramm auf die Waage bringt. „Und das ist noch längst nicht alles,“ versicherte der Harfendoktor.

Einen ebenbürtigen Nachfolger hat er schon gefunden: Sohn Jean-Pierre. „Ich bin seit sieben Jahren in dem Job tätig und es macht großen Spaß“, erzählt er. Das hindert seinen Vater aber noch längst nicht am Weitermachen: „Ich habe vor Kurzem noch einen Harfendoktor getroffen, der schon 79 Jahre alt war. Da bleibt mir also noch reichlich Zeit.“

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