Johnson und Johnson bietet die Chance, nach nur einer Impfung den vollen Impfschutz zu haben. © picture alliance/dpa
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Hausarzt aus Selm: „Ich impfe Johnson & Johnson nur Über-60-Jährigen“

Nur ein Pieks, und die Sache mit der Corona-Impfung ist durch: ein Vorteil des Vakzins Johnson & Johnson. Es gibt aber auch Nachteile. Die Selmer Ärzteschaft geht damit unterschiedlich um.

Die erste Woche, seitdem die Impfreihenfolge aufgehoben ist, neigt sich dem Ende zu. Menschen jeden Alters haben sich in Arztpraxen auf Wartelisten setzen lassen und fiebern seitdem dem erlösenden Anruf entgegen: der Einladung zum Impftermin. Welcher Impfstoff es ist, der da gerade zur Verfügung steht, ist nicht jedem wichtig – trotz der Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). Die Selmer Ärztinnen und Ärzte haben allerdings ein gemeinsames Vorgehen abgesprochen.

Astrazeneca und Johnson & Johnson werden in Selm nicht an Menschen unter 40 Jahren verimpft. Darauf haben sich die Medizinerinnen und Mediziner aus Selm geeinigt, sagt Dr. Michael Stockmann. In anderen Städten gibt es solche selbst definierten Altersbeschränkungen nicht. Dort erhalten nach entsprechender ärztlicher Aufklärung auch schon Mittzwanziger Johnson und Johnson: ein fragwürdiges Vorgehen, wie Stockmann meint. Er selbst hält das in seiner Praxis an der Kreisstraße noch strenger.

Nur einmal impfen: Bei einer Gruppe ist das besonders sinnvoll

„Ich impfe nur Menschen über 60 mit Johnson und Johnson oder Astrazeneca“, sagt Stockmann. Genauso, wie es die Stiko auch empfohlen hat Anfang Mai, nachdem Fälle von seltenen Thrombosen im Gehirn aufgetreten waren. Die USA und auch andere Länder hatten die Impfungen mit dem Vektorimpfstoff aus den USA zwischenzeitlich ausgesetzt. Dabei hat J&J einen entscheidenden Vorteil. Das Vakzin muss nur einmal verimpft werden und bietet daher schneller als alle anderen zugelassenen Präparate einen hohen Schutz vor einer schweren Covid-19-Erkankung. Bei einer Gruppe würde Stockmann deshalb von der Empfehlung der Stiko abweichen.

„Bei obdachlosen Menschen“, sagt der Arzt. Für sie sei es schwierig, einen zweiten Impftermin einzuhalten. Um auch ihnen vollen Impfschutz zu ermöglichen, sei das US-Präparat eine ideale Lösung – vorausgesetzt, gesundheitliche Gründe würden nicht dagegen sprechen. Die Stadt Essen hatte das anders entschieden. Sie hatte aus Sicherheitsgründen kurzfristig die schon lange ausgemachte Impfung von 200 Obdachlosen und Flüchtlingen unter 60 Jahren abgesagt – in Absprache mit der dortigen Uniklinik und dem Impfzentrum. Damit hatte sie der kritischen Diskussion über den Impfstoff neue Nahrung geliefert.

Arzt impft Ältere nicht mit Biontech, weil es sonst fehlt

„Das Grundproblem ist nach wie vor der Mangel an ausreichenden Impfdosen“, sagt Dr. Stockmann. Daraus resultierten die langen Wartezeiten. Dass er und seine Kolleginnen und Kollegen die zur Verfügung stehenden Dosen gerecht verteilten, müssten alle den Ärztinnen und Ärzten zugestehen. Stockmann hält es so: „Je kränker, desto früher.“ Und: Die Jüngeren kriegen das überaus gefragte Biontech, die Älteren ab 60 Astrazeneca und Johnson und Johnson. Das gefällt nicht jedem, wie der Hausarzt zugibt. Er fordere dann aber gesellschaftliche Solidarität ein.

„Die Jüngeren haben auch lange Solidarität mit den Älteren geübt“, sagt er. Schließlich hätten sie lange warten müssen, bis sie überhaupt ein Impfangebot bekommen haben. Sie impft Stockmann jetzt mit dem beliebten Biontech. Jeder ältere Patient, der den Impfstoff auch haben will, nehme ihn einem Jüngeren weg. Dabei seien die beiden Vektorimpfstoffe Astrazeneca und Johnson und Johnson ausdrücklich für die Altersgruppe der Über-60-Jährigen empfohlen.

Bundesweit gilt Johnson und Johnson eher als Ladenhüter. Nur 47 Prozent aller Impfdosen sind zuletzt verspritzt worden. In NRW lag der Anteil laut dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) etwas höher: immerhin 52 Prozent. Astrazeneca – ebenfalls mit einem schlechten Image behaftet – schneidet deutlich besser ab. Zu 84 Prozent wurde es bundesweit verimpft. Und Biontech sogar nahezu komplett (99 Prozent).

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Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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