Matthias Schröder hofft, dass das Impftempo in Selm erhöht werden kann. © Thomas Aschwer (Archiv)
Corona-Impfungen

Hausarzt will ältere Patienten impfen: „Politik schmeißt Knüppel zwischen die Beine“

Menschen über 80 sollen als Erste gegen Corona geimpft werden. Was ist aber, wenn sie nicht oder nur schwer zum Impfzentrum Unna kommen? Es könnte so einfach sein, findet ein Borker Arzt.

Matthias Schröder, Chef der Hausarztpraxis an der Hauptstraße im Selmer Ortsteil Bork, ist sauer. Da sollen Menschen, die die 80 erreicht haben oder noch älter sind, bevorzugt gegen Corona geimpft werden. Aber wie sie nach Unna, dem für Selm zuständigen Standort des Impfzentrums, kommen sollen, ist nicht geregelt. Deshalb will er eine Initiative starten, die zum Ziel hat, es für alle Beteiligten einfacher zu machen. „Diese Patienten müssen in den Hausarztpraxen geimpft werden“, fordert er. Um das zu gewährleisten, wolle er auch die anderen Selmer Hausärzte mit ins Boot holen.

Seine Idee: Eine Praxis impft einen ganzen Tag lang jene Patienten über 80 gegen Corona. Die anderen Patienten der betreffenden Praxis, die behandlungsbedürftig sind, werden von den anderen Selmer Hausarztpraxen versorgt. Dass Bedarf an einem solchen Modell besteht, weiß Schröder aus Gesprächen: „Bei uns in der Praxis sitzen ja diese Menschen über 80 und sagen: ,Herr Doktor, ich möchte mich impfen lassen und mich schützen, aber wie soll ich bis nach Unna kommen?‘“

Kurze Wege und Wartezeiten

Dabei habe die Idee, dass in den Hausarztpraxen geimpft wird, ganz konkrete Vorteile: „Wenn Patienten in die Hausarztpraxis kommen, müssen sie nicht lange warten, die halten die Abstände ein, und sie sind schnell auch wieder draußen.“

Weitere Vorteile:

Erstens: „Ich kenne meine Patienten und sie kennen mich; das ist ein Vertrauensverhältnis“, sagt der Mediziner.

Zweitens: „Ich habe in meiner Praxis die Möglichkeit, die Impfung so zu organisieren, dass wir auch die Drei-Wochen-Regel bis zur erneuten Coronaimpfung einhalten können.“

Drittens: „Die Patienten haben kurze Wege.“

Käme aber durch die Impfungen nicht zu viel Arbeit zusätzlich auf die Hausarztpraxen zu? „Natürlich kommt mehr Arbeit auf uns zu“, gibt Schröder zu. „Aber aktuell in der Grippesaison habe ich innerhalb drei Wochen 800 Impfungen durchgeführt. In kürzester Zeit zu dritt mit meinen beiden Kollegen und Mitarbeitern, die das dürfen.“ Es wäre seiner Meinung nach überhaupt kein Problem, den Impfstoff, der ankomme, an einem Tag zu verimpfen. „Der wird morgens geliefert und an dem Tag mache ich nichts anderes als Impfungen. Da ist es keine Frage, ob ich meine Patienten mit dem Impfstoff versorgen kann, wenn wir 800 Grippeimpfungen in drei Wochen schaffen.“

Um dieses Modell auf ganz Selm auszuweiten, habe er schon mal bei den Hausärzten in der Stadt vorgefühlt. „Bisher habe ich keine negative Resonanz bekommen. Ich habe aber noch nicht von allen eine Rückmeldung bekommen.“

Lässt sich hervorragend in der Praxis organisieren

Wer auf jeden Fall dabei wäre, ist Iris Hirschberg, Medizinerin in der Altstadt: „Zu impfen, lässt sich hervorragend in der Praxis machen, wenn man das gut vorbereitet. Weil man dann vorher schon alles abgeklärt, ein Risikoprofil erstellt und die Aufklärung schon gemacht hätte.“ Und wie steht sie zur Idee von Matthias Schröder, der ja vorschlägt, dass alle Hausärzte in Selm dann mitmachen und am Tag, an dem eine Praxis impft, deren Patienten mitversorgen? „Das machen wir ja durch Vertretungen in Urlaubszeiten immer schon“, sagt Iris Hirschberg. Nun soll ja der Impfstoff, der bisher zu bekommen ist, nur begrenzt haltbar sein. „Das ist kein Problem, dann ab dem Moment, wo er da ist, muss er nur flott verimpft werden.“

NRW-Gesundheitsministerium legt Veto ein

Das klingt nach einem Impf-Modell, das machbar ist. Dieses Modell scheitert derzeit jedoch am Veto des NRW-Gesundheitsministeriums. Das Ministerium hat gegenüber unserer Redaktion erklärt: „Der derzeit zur Verfügung stehende Impfstoff ist zwar wirkungsvoll, aber in der Handhabung nicht einfach. Wir müssen in diesen Fällen leider abwarten, bis Impfstoffe zugelassen sind, die auch durch das Hausarztsystem genutzt werden können.“ Das Ministerium sei aber zuversichtlich, dass solche Impfstoffe schon bald bereitstehen werden. „Ab dann wird auch das Hausarztsystem eine wichtige Rolle in der Impfstrategie des Landes spielen“, erklärt ein Sprecher.

Sätze, die Matthias Schröder auf die Palme bringen: „Das ist keine medizinische, sondern eine politische Entscheidung. Dann werden wir Hausärzte zu Erfüllungsgehilfen des Gesundheitsministeriums.“ Dass Impfstoff rar gesät ist, das leuchtet Schröder nach eigenem Bekunden ein. „Aber die sollen doch froh sein, wenn das Impfzentrum nicht überlaufen ist und dass auf der anderen Seite flächendeckend Impfungen durch die Hausärzte, die sich jetzt anbieten, durchgeführt werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Hausärzte dazu verpflichtet werden, Impfungen durchzuführen.“

Womöglich dann, wenn ein Impfstoff kommt, der bei normalen Kühlschranktemperaturen gelagert werden kann. „Der soll irgendwann kommen und benötigt keine Temperaturen von minus 70 oder minus 80 Grad“, sagt Matthias Schröder. „Jetzt werden wir schon von uns aus aktiv, und von der Politik werden uns Knüppel zwischen die Beine geschmissen und unsere Ideen, um unsere Patienten flächendeckend zu versorgen, sind einfach nicht gewollt. Das ist peinlich.“

Wäre denn genügend Impfstoff vorhanden, dass die Hausärzte tätig werden könnten? „Das weiß ich nicht“, sagt Schröder. „Viele Pflegeheime können beliefert werden, das Impfzentrum soll jetzt beliefert werden. Irgendwo ist Impfstoff da, aber die Verteilung ist eine Katastrophe. Da sind Organisation und Logistik des Landes NRW ungenügend.“

Zwei bis drei Tage Vorbereitungszeit

Wie lange bräuchte Schröder eigentlich, um die Patienten zu informieren und dann den Impfstoff zu verimpfen? Klare Antwort des Borker Arztes: „Wir bräuchten zwei bis drei Tage, um die Patienten zu informieren, damit die am vierten Tag alle hier hin kommen.“

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Arndt Brede

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