Wer den Wanderweg A4 benutzt, läuft aus dem Wald kommend auf die Straße Baltimora. Neben den beiden Neubauten soll rechts ein weiteres Haus entstehen. © Sylvia vom Hofe (A)
Konflikt

Hausbau am Cappenberger Wald: Nachbar und Naturschützer protestieren

Direkt neben dem Cappenberger Wald will die Stadt Selm einen Hausbau zulassen: auf einer Wiese, die bislang als landwirtschaftliche Fläche gilt. Nicht nur der Nachbar protestiert.

Groß ist das Grundstück nicht: gerade einmal 420 Quadratmeter. Der Ärger, für den es gerade sorgt, ist umso größer. Denn auf dieser Fläche direkt am Rand des Naturschutzgebietes Cappenberger Wald soll gebaut werden dürfen – auf einer Wiese, die bislang als landwirtschaftliche Fläche gilt. Eine Änderung des Forstrechts hat das möglich gemacht. Und ein besonderer Blick auf die Landschaft, den nicht alle teilen.

Die vielen Spaziergänger und Jogger, die regelmäßig auf dem Rundwanderweg durch den Cappenberger Wald in Richtung Baltimora unterwegs sind, sehen in der Fläche zumeist eine Lichtung: einen grünen Puffer zwischen der Bebauung entlang der Straße Baltimora und dem Wald, aus dem sie gerade treten. Der Weg führt direkt entlang der Grundstücksgrenze, die auch der sprudelnde Gerlingsbach passiert. Die Verantwortlichen der Selmer Stadtverwaltung sehen in der Fläche etwas anderes: eine Baulücke. Sie zu schließen sei „unter stadtplanerischen Gesichtspunkten sinnvoll und erforderlich“: ein Perspektivwechsel.

Forstamt hat den Mindestabstand zum Wald reduziert

Laut des alten Bebauungsplans von 2008 durfte das Grundstück für eine Bebauung gar nicht in Frage kommen – wegen seiner Lage neben dem Wald. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Bäume sind seitdem eher noch etwas gewachsen. Neu ist aber eine Festsetzung im Forstrecht. Danach braucht der Mindestabstand zwischen Bebauung und Wald nicht mehr mindestens 35 Meter zu sein. Es reichen bereits 30 Meter: gerade genug für den geplanten Hausbau tief im Grünen.

„Die von uns wahrgenommene Reaktion weiterer Nachbarn auf die

Überraschung des Planvorhabens reicht von Unverständnis, über Erschrecken bis zu Empörung“, hat ein Anwohner der Stadt geschrieben. Bei ihm selbst ist der Ärger besonders groß. Denn als er nebenan gebaut hatte, war er noch – gestützt vom Bebauungsplan, der nichts anderes zuließ – davon ausgegangen, auf Dauer in den Wald blicken zu können und nicht auf ein äußerst eng heranrückendes Nachbarhaus. Die aktuellen Baupläne bedeuteten eine erhebliche Wertminderung der Immobilie, wie er in der öffentlichen Stellungnahme zur geplanten Bebauungsplanänderung schreibt: etwas, was die Stadtverwaltung nicht teilen möchte.

Ausschuss muss am Donnerstag abwägen

Ohnehin: „Ein dauerhafter Anspruch auf eine unbebaute Nachbarschaft besteht nicht“, heißt es in dem Abwägungsvorschlag, den die Mitarbeiter des Bauamtes den Mitgliedern des Ausschusses für Stadtentwicklung, Mobilität, Umwelt- und Klimaschutz für Donnerstag (10. 6., 17 Uhr) zur Entscheidung vorlegen. „Vielmehr ist es unerlässlich“, so heißt es da weiter, „in Zeiten erhöhter Nachfrage nach Wohnraum zusätzliche Wohnbauflächen auszuweisen“.

Die Straße Baltimora gilt als die schönste Sackgasse der Stadt Selm. Und die teuerste, wie ein Blick auf BORIS NRW, das zentrale Informationssystem der Gutachterausschüsse und desOberen Gutachterausschusses für Grundstückswerte im Land, zeigt: Der Bodenrichtwert 2021 betrug dort durchschnittlich 225 Euro pro Quadratmeter. © Vanessa Trinkwald (A) © Vanessa Trinkwald (A)

Diesen städtischen Planungsdruck vermag der Nachbar nicht zu erkennen. Er sieht in dem Bau eines zweigeschossigen einzelnstehenden Wohnhauses in exklusiver Lage – am Ende von Selms schönster Sackgasse – keinen Beitrag gegen allgemeine Wohnungsnot, sondern nur ein freundliches Entgegenkommen der Stadt, um Einzelinteressen zu befriedigen. „Dem möchte ich hiermit auch in Kenntnis der Wege der möglichen Gerichtsbarkeit nachdrücklich widersprechen.“

So weit wollen die Selmer Grünen nicht gehen. Sie geben aber zu Bedenken, dass erhebliche Beeinträchtigungen der Natur angesichts der extremen Waldrandlage „nicht mit Sicherheit auszuschließen“ seien. Beim Cappenberger Wald Handele es sich um ein nach der sogenannten Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie ausgewiesenes europäisches Schutzgebiet. Zur weiteren Klärung des Sachverhaltes sei eine förmliche FFH-Verträglichkeitsprüfung erforderlich. Eine Sorge, die die Stadtverwaltung nicht teilt: „Störungen des Biotops ,Cappenberger Wälder‘ oder gar direkte Beeinträchtigungen der Tier- und Pflanzenarten (…) sind durch die Neubebauung nicht zu erwarten“, heißt es aus dem Amtshaus. Schließlich sei der Waldabstand ausreichend – anders als noch 2008.

BUND kritisiert das Vorhaben scharf

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gehört ebenfalls zu den vehementen Kritikern der Bebauung. Anders als von der Stadt behauptet, handele es sich nicht um Innenentwicklung, sondern um ein Vorhaben im Außenbereich. „Da im Stadtgebiet Selm andere Baugrundstücke verfügbar sind, hat hier der Erhalt der landwirtschaftlichen Fläche Vorrang.

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Von Seiten der Behörden gibt es keine Einwände gegen das Bauvorhaben, über das die Politik am Donnerstag zu entscheiden hat. Weder der Kreis Unna, noch der Regionalverband Ruhr oder die Bezirksregierung haben Kritik geäußert. Der Kreis Unna weist lediglich auf den hohen Grundwasserstand der Feuchtwiese hin. „Für dauerhafte Grundwasserabsenkungen mit Einleitungen in das Kanalnetz

kann für Gebäudedrainagen keine Erlaubnis in Aussicht gestellt werden.“ In die Reihe derer, die keine Bedenken haben, reiht sich auch das Forstamt ein, das durch seine Anstandsänderung überhaupt erst die Planung möglich gemacht hatte: „Die Belange des Waldes werden weder mittel- noch unmittelbar von dem Verfahren betroffen.“

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Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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