Viel Ärger um wenig Fläche: Diese Wiese soll bebaut werden. Entlang des Cappenberger Waldes führt der Wanderweg. © Günther Goldstein
Cappenberger Wald

Hausbau am Waldrand: Selmer Politiker setzen sich hinweg über Protest

Die Proteste sind verhallt. Der Bauausschuss Selm hat beschlossen, dass eine Wiese direkt am Rand des Cappenberger Waldes bebaut werden darf - im beschleunigten Verfahren ohne Umweltprüfung.

Extensiv genutzte Grünlandflächen zählen laut Landwirtschaftskammer NRW „zu den artenreichsten Lebensräumen der Agrarlandschaft überhaupt“. Die Selmer Stadtverwaltung sieht das anders. Mit Blick auf die extensiv genutzte Feuchtwiese direkt am Waldrand des Naturschutzgebietes Cappenberger Wald urteilt sie: „ Der ökologische Wert (…) ist als mittel einzuschätzen.“ Dass diese Wiese jetzt bebaut werden soll, sei folglich auch gar nicht so schlimm: ein Eingriff in Natur und Landschaft, „der insgesamt als gering zu bezeichnen“ sei.

Kein Rederecht für den Nachbarn

Der Aufschrei der Empörung ist ausgeblieben. Bis auf die Grünen sind am Donnerstag (10. 6.) alle Mitglieder des Ausschusses für Stadtentwicklung, Mobilität, Umwelt und Klimaschutz im Bürgerhaus einverstanden gewesen, dass die Wiese am Wald künftig Bauplatz sein wird.

Der Nachbar, der in dem guten Glauben gebaut hatte, das letzte Grundstück vorm Wald mit unverbaubarem Blick ins Grüne erworben zu haben, hätte bestimmt widersprochen. Doch mit sieben zu sechs Stimmen hatte eine knappe Mehrheit den Antrag der Grünen abgelehnt, ihm Rederecht einzuräumen: ein Votum, das die Verwaltung begrüßte. Der Mann habe bereits die Gelegenheit genutzt, ausführlich schriftlich Stellung zu nehmen, sagte Baudezernent Stefan Schwager. „Ich möchte auf eine Wiederholung hier verzichten.“

Beschleunigtes Verfahren verzichtet auf Prüfung

Mit anderen Zwischenrufen, die das Bauvorhaben jetzt noch bremsen könnten, ist nicht mehr zu rechnen. Denn anders als bei anderen Bauvorhaben sind weder eine Umweltprüfung, noch ein Umweltbericht und eine sogenannte naturschutzrechtliche Eingriff- und Ausgleichsbilanzierung erforderlich, bevor die Bagger anrollen. Denn die umstrittene Errichtung des Hauses mit zwei Wohneinheiten erfolgt im beschleunigten und vereinfachten Verfahren. Das Baugesetzbuch macht so etwas möglich bei Bebauungspläne der Innenentwicklung. Dass es sich bei der Fläche in Cappenberg eher um das Gegenteil handelt – also ein Eingriff in den Außenbereich statt im Innenbereich – , sehen Verwaltung und Politik anders.

Der Wendehammer am Ende der Sackgasse Baltimora erschließt die Wiese, die jetzt Baugrundstück ist.
Der Wendehammer am Ende der Sackgasse Baltimora erschließt die Wiese, die jetzt Baugrundstück ist. © Günther Goldstein © Günther Goldstein

Ob sie damit richtig liegen, werden wohl Richter entscheiden. Der Nachbar, der nicht reden durfte, hat angekündigt, die Entscheidung juristisch prüfen zu lassen. Thomas Wirth von der Stadtverwaltung beeindruckt das wenig: „Es ist das Recht eines jeden Betroffenen, Rechtsmittel einzulegen.“

Waldabstand und Flächennutzungsplan geändert

Der Nachbar und auch die anderen Anwohner der Sackgasse Baltimora mussten in der Vergangenheit aus mehreren Gründen davon ausgehen, dass die idyllisch gelegenen Fläche direkt neben dem plätschernden Bachlauf und dem Wald-Wanderweg A 4 dauerhaft das bleiben würde, was sie ist: nämlich Wiese. Erstens war sie im Bebauungsplan als Fläche für die Landwirtschaft ausgewiesen, zweitens lag sie zu nah am Waldrand. Diese Zuschreibung im Flächennutzungsplan hat jetzt die Politik aufgehoben. Den zulässigen Waldabstand hatte bereits vorher die Forstbehörde verändert: von 35 auf 30 Meter.

Warum sie einem einzelnen Bauwilligen derart entgegenkommen? Die Männerrunde im Ausschuss hat das nicht weiter erklärt. Der alte Stadtrat, der bis zur Kommunalwahl im September 2020 amtierte, habe das Verfahren bereits in Gang gesetzt, erklärte Thomas Wirth lediglich. Die Grundsatzentscheidung sei damit bereits vor zwei Jahren gefallen. „In Zeiten erhöhter Nachfrage nach Wohnraum“ sei es Aufgabe der Stadt „zusätzliche Wohnbauflächen auszuweisen“, ist dazu im Abwägungsbericht der Stadtverwaltung zu lesen.

Auch der Haupt- und Finanzausschuss berät über das Thema am Donnerstag, 17. Juni, 17 Uhr, Der Rat beschließt eine Woche später am 24. Juni. Beide Sitzungen beginnen jeweils um 17 Uhr im Bürgerhaus Selm am Willy-Brandt-Platz.

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