Justin aus Selm ist transsexuell - und stolz auf das Statement des kanadischen Schauspielers Elliot Page. © Privat
Transgender

„Ich bin stolz“: Transmann Justin aus Selm zu Statement von Elliot Page

Das Statement von Elliot Page auf Instagram hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Der Star aus dem Film „Juno“ hat sich als transsexuell geoutet. Ein Schritt, den Justin aus Selm schon vor einigen Jahren gegangen ist.

Stolz. Mit diesem einen Gefühl beschreibt Justin aus Selm, wie er sich gefühlt hat, als er am 1. Dezember das Statement von Elliot Page (33) bei Instagram gesehen hat. „Hi friends“, steht da. „Ich möchte mit euch teilen, dass ich trans bin.“ Der Star dem Film „Juno“ und der Netflix-Serie „The Umbrella Academy“ hat damit zum ersten Mal seine Transsexualität öffentlich bekannt gegeben.

Und Justin aus Selm war stolz. Stolz über den Mut seines Lieblingsschauspielers. Stolz, weil er selbst vor einigen Jahren in einer ähnlichen Situation war. Da hat er seinen Freunden, seiner Familie, seinen Arbeitskollegen Schritt für Schritt gesagt, dass er sich mit dem weiblichen Geschlecht, mit dem er auf die Welt gekommen ist, nicht identifizieren kann und will. Dass er ein Mann ist. Dass sein Name Justin ist.


Auch mit den Ruhr Nachrichten hat er damals gesprochen, sich hinausgewagt. Er hat erzählt, dass er sich schon in der Kindheit oft als Junge ausgegeben hat. Dass er geweint hat, als er zum ersten Mal seine Tage bekommen hat. Er hat den Streit beschrieben, der er mit sich selbst geführt hat. Und das befreiende Gefühl, als er zum ersten Mal eine Testosteron-Spritze bekam. „Ich möchte, dass allen klar ist, dass das keine Krankheit ist“, hatte er im Gespräch mit der Redaktion gesagt. Auch ohne mit seiner Geschichte eine Weltöffentlichkeit zu erreichen: Das war ein Schritt, der ihm sehr viel Mut abverlangte. So erklärt sich vielleicht der Stolz, den er jetzt empfindet, wenn die Welt über Elliot Page berichtet.

„Ich weiß halt selber, wie die Situation ist“, sagt Justin. Freude und Angst: Beides spielt dabei eine Rolle. „Meine Freude ist echt, aber sie ist auch zerbrechlich“, schreibt Elliot Page. „Die Wahrheit ist, dass ich – obwohl ich gerade zutiefst glücklich bin und weiß, wie privilegiert ich bin – auch Angst habe.“ Angst vor dem Hass, vor den „Witzen“, vor der Gewalt. Denn die Diskriminierung von Menschen, die transsexuell sind, gehört zur gesellschaftlichen Realität. Das kann ganz unterschiedliche Ausprägungen haben – auch ein Mangel an Akzeptanz und Anerkennung ist Symptom davon. Gerade natürlich, wenn man so stark in der Öffentlichkeit steht, wie Elliot Page.

„Die Bewohner dort schauen nach dem Menschen – nicht nach dem Geschlecht“

Aber auch im Alltag von Justin gab es diese Momente. Wobei: „Es ist für mich eigentlich jetzt viel, viel besser als noch vor ein paar Jahren“, sagt der 22-Jährige. „Das ist schon viel passiert – auch in den erwachsenen Köpfen“, sagt er. Zum Beispiel erlebt er das auch viel bei der Arbeit. Justin ist Altenpfleger in der Ausbildung. Lange hat er auf einer Station gearbeitet, auf der ältere Menschen mit Demenz leben. Wer denkt, dass bei dieser Generation das Verständnis für Transsexualität oder die Akzeptanz von Justins Entscheidung nicht so groß war, der täuscht sich. „Da bin ich einfach Justin. Die Bewohner dort schauen nach dem Menschen – nicht nach dem Geschlecht“, erklärt er. Auch das hätte ihm immer viel Kraft gegeben.

Justins Weg zu sich selbst ist auch noch nicht zu Ende: Es stehen noch mehrere geschlechtsangleichende Operationen an. Wäre dieses Jahr nicht das Jahr der Corona-Pandemie gewesen, hätten sie auch schon stattgefunden. Die Eingriffe sind angesichts der Krise allerdings verschoben worden. Wenn er nächstes Jahr seine Ausbildung abschließt, so Justins Plan, sollen sie dann aber stattfinden.

Für ihn ist das ein notwendiger Schritt, sagt er. Einer, vor dem er keine Angst hat.

Wie es genau für Elliot Page jetzt weitergeht, weiß er genauso wenig wie die meisten seiner über vier Millionen Instagram-Follower. Über drei Millionen Nutzer haben sein Statement mit einem Herz als „gefällt mir“ markiert. „An alle trans Menschen, die jeden Tag schikaniert werden, die mit Selbsthass, Schmähung und der Androhung von Gewalt umgehen: Ich sehe euch, ich liebe euch und ich werde alles tun, was ich tun kann, um diese Welt zum Besseren zu verändern“, scheibt Elliot Page. Einer der Sätze, die Justin stolz gemacht haben.

„Deadnaming“ wird als verletzend empfunden

„Nachdem ich das von Elliot Page gelesen hatte, habe ich direkt bei Netflix geschaut. Da ist der Name direkt geändert worden. Das fand ich richtig schön“, erzählt Justin. Von Menschen, die trans sind, wird es in der Regel als unangenehm und verletzend empfunden, wenn man sie mit dem Namen anspricht, den sie mal getragen haben, mit dem sie sich aber nicht mehr identifizieren. Oder wenn man diesen Namen in Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit verwendet. „Deadnaming“ nennt man das in der Szene. Nach dem Statement von Elliot Page hat es viel Kritik für Medien gegeben, die seinen Deadname immer noch benutzt haben.

Und auch wenn Justins Operationen in diesem Jahr ausgefallen sind, eine Art Meilenstein hat es für ihn in diesem Jahr dennoch gegeben. Und der hat mit seinem Vater zu tun. Für diesen, so erzählt es Justin, war es anfangs nicht so leicht, mit der Situation umzugehen. Er hat Justin so zum Beispiel auch nach seinem Outing noch mit dem Namen angesprochen, den er einst seiner Tochter gegeben hatte. „Aber seit einem Jahr“, sagt Justin hörbar bewegt, „nennt er mich nur noch Justin.“

Über die Autorin
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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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