„Ich helfe gern“: Warum Schüler ihren Freitagnachmittag im Seniorenheim verbringen

mlzEhrenamtliches Engagement

Schüler der Selmer Sekundarschule engagieren sich seit vergangenem Jahr in der Ehrenamts-AG. Warum sie ihre Freizeit investieren, um mit Senioren Spiele zu spielen, haben sie uns erzählt.

Selm

, 06.04.2019, 16:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ursula Vahle ist begeistert. Zusammen mit einigen Schülern der Ehrenamts-AG der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule spielt sie ein Spiel, bei dem es darum geht, Lieder anhand einiger Worte zu erraten und das Lied dann zu vervollständigen. Ursula Vahle erkennt das gerade vorgelesene Lied sofort und singt dann gleich einige Verse. Sie sitzt zwar im Rollstuhl, doch sie erzählt den Schülern, dass man auch mit einem Rollstuhl super tanzen könne. Neulich hat sie das gemacht. „Ich war hin und weg“, schwärmt die Bewohnerin der Selmer Seniorenresidenz.

Diese Nachmittagsaktivitäten sind Teil der Ehrenamts-AG, die es seit dem Schuljahr 2018/2019 an der Sekundarschule gibt. Dies ist also das zweite Halbjahr, in dem die Schüler diese AG belegen können. „Erst wussten die Schüler noch nicht, was sie erwartet“, erzählt Lehrerin Stephanie Conrad, doch im 2. Halbjahr seien sogar so viele Anmeldungen für die AG gekommen, dass sie einigen Schülern absagen musste. Und das, obwohl es sich um eine freiwillige AG handelt - die Schüler hätten ihre Zeit also auch genauso gut zu Hause verbringen können. Was an einem Freitagnachmittag wie diesem sicherlich für einige auf der Hand liegt.

„Ich helfe gern“: Warum Schüler ihren Freitagnachmittag im Seniorenheim verbringen

Martin Mischkowsky mit Liederkarten, bei denen die Senioren Liedzeilen ergänzen sollen. © Sabine Geschwinder

„Ich war letztes Jahr schon dabei“, erklärt zum Beispiel der elfjährige Lukas, „ich finde es toll, dass man in verschiedene Bereiche reinschnuppern kann.“ Die Schüler haben in der AG zum Beispiel die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) kennengelernt, an Gruppenstunden des Tierschutzvereins Selm und Umgebung teilgenommen, und haben anschließend Spenden für den Verein gesammelt. Und nun sind sie zum vierten Mal in der Seniorenresidenz an der Ludgeristraße zu Gast. Die verschiedenen Themen, an denen sie ehrenamtliches Engagement kennenlernen, haben die Schüler sich selbst ausgesucht.

Jeder lernt vom Anderen

An diesem Tag spielen sie Spiele zusammen mit den Senioren und Seniorinnen. Sie durften aber auch schon mal einen Rollstuhlführerschein machen und sind danach mit den Senioren Eis essen gegangen. „Dabei haben sie getetstet, wie barrierefrei Selm ist und haben festgestellt, dass eine Ladentreppe manchmal Schwerstarbeit bedeuten kann“, erzählt Sozialpädagoge Martin Mischkowsky von der Seniorenresidenz. Er freut sich auf jeden Fall über die AG und die Besuche der Schüler. „Generationsübergreifende Angebote sind wichtig“, sagt er.

Das finden auch die Senioren. „Jeder lernt vom Anderen“, sagt Ruth Nübel, 83 Jahre alt. „Wir waren uns alle fremd, aber es macht Spaß, Kontakte zu knüpfen.“ Sie findet: „Es ist wichtig, dass die Generationen nicht auseinanderdriften.“

„Ich helfe gern“: Warum Schüler ihren Freitagnachmittag im Seniorenheim verbringen

Die beiden Lehrerinnen Stephanie Conrad (links) und Teresa Hellermann betreuen die Ehrenamts-AG. © Sabine Geschwinder

Großer Stellenwert in Selm

Auch für die Stadt Selm ist ehrenamtliches Engagement, wie das der Schüler, wichtig. „Das ehrenamtliche Engagement nimmt in der Stadt und für die Stadtverwaltung einen großen Stellenwert ein“, sagt Stadtsprecher Malte Woesmann. „Es ist eine der tragenden Säulen des bürgerschaftlichen Miteinanders. Viele Angebote wären ohne ehrenamtliches Engagement von Vereinen oder auch Einzelpersonen nicht möglich.“ Deshalb richtet die Stadt zum Beispiel einmal im Jahr den Ehrenamtstag aus, um das Engagement der Ehrenamtlichen zu würdigen. Außerdem gibt es die Ehrenamts-Karte, die sich engagierte Selmer unter bestimmten Voraussetzungen ausstellen lassen können. Mit der Karte gibt es in Selm und anderen Städten besondere Angebote, zum Beispiel beim Einkaufen.

Wieviele Ehrenamtliche es in Selm gibt, lasse sich nicht beziffern, aber: „Aus Gesprächen mit Vereinsvertretern verfestigt sich jedoch die Einschätzung, dass es immer schwieriger wird, Menschen für die Arbeit im Verein zu finden“, so Malte Woesmann.

Mehr engagierte Bürger als vor 15 Jahren

Der Eindruck, dass sich Menschen in Deutschland weniger engagieren, lässt sich aber zumindest auf Bundes- und Länderebene nicht bestätigen. Die Studie „Freiwilliges Engagement in Deutschland“ vom Bundesfamilienministerium aus dem Jahr 2014 zeigt auf, dass sich in NRW 41 Prozent der Bürger gesellschaftlich engagieren. Das sind deutlich mehr als noch 15 Jahre zuvor. 1999 lag der Anteil nämlich bei 34,5 Prozent. Die meisten von ihnen sind im Bereich Sport (42,8 Prozent) aktiv, 18,7 Prozent im Bereich Kultur und an dritter Stelle folgt der Bereich Schule und Kindergarten mit 15,1 Prozent. Was in der Studie aber deutlich wird: Obwohl sich mehr Menschen engagieren, ist es dennoch schwierig, Menschen für Leitungsposten in Vereinen zu begeistern.

Und wieso haben sich die Schülerinnen und Schüler der Selma-Lagerlöf-Schule entschieden, ihren Freitagnachmittag zu investieren, um Teil der Ehrenamts-AG zu sein? „Wir wollen ein bisschen Spaß haben und neue Sachen lernen“, sagt die 11-jährige Lea, ihre Freundin Joyce, 12 Jahre alt, stimmt zu und ergänzt: „Ich habe erwartet, dass man anderen Leuten hilft, das macht mir Spaß.“

Lust, zu helfen

„Wir wollen helfen“, sagt auch die 11-jährige Laura. Und der ebenfalls 11-jährige Lukas ergänzt: „Ich engagiere mich schon ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk, das kriegt man gut unter einen Hut.“ Lukas glaubt, dass das auch kein Problem ist, wenn man erwachsen ist. „Man muss sich einfach Zeit dafür nehmen, weil es wichtig ist“, findet er.

Noch ein bisschen Zeit vergeht auch, bis die Schüler der Ehrenamts-AG wieder zusammenkommen. Sie sehen sich erst in drei Wochen, nach den Osterferien wieder. Dann aber mit einem besonderen Termin. Dann kommen die Senioren der Seniorenresidenz in ihrer Schuler vorbei. Sie haben eine Einladung zum Waffelessen von den Schülern erhalten.

Ansprechpartner zum Thema ehrenamtliches Engagement
Wer sich in Selm ehrenamtlich engagieren möchte, kann sich bei Brigitte Althoff-Rörig melden. Sie ist die Ehrenamtsbeauftragte der Stadt, kümmert sich aktuell um die Belange der Ehrenamtlichen und organisiert unter anderem den Ehrenamtstag. Sie ist unter (02592) 69204 erreichbar, oder per, E-Mail an b.althoff-roerig@stadtselm.de, zu erreichen.
Informationen gibt es auch auf der Website der Stadt Selm.
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