IS-Doku eines Selmer TV-Reporters läuft nun im ZDF

"An vorderster Front"

„Befreit von den Truppen des ‚Islamischen Staates‘“: Was es wirklich bedeutet, wissen wenige. Einer ist Ashwin Raman. Als Kriegsreporter macht der 70-jährige Selmer es der Öffentlichkeit deutlich: in einem neuen Dokumentarfilm, der in der Nacht auf Mittwoch im ZDF ausgestrahlt wird.

SELM

, 11.10.2016, 13:04 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Selmer Kriegsreporter Ashwin Raman im Schneideraum.

Der Selmer Kriegsreporter Ashwin Raman im Schneideraum.

"Raman ist kein Reporter, der am Ende seiner Produktionen mit handlichen Analysen dasteht. Er trägt zusammen, was er bei Recherchen vor Ort aufstöbert, gerne auch Widersprüchliches. Raman geht dorthin, wo niemand so richtig den Überblick hat.“ Das schrieb einmal das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ über den Selmer.

Mehrfach im Krisengebiet gewesen

Ashwin Raman war mehrfach - zuletzt im Mai/Juni/Juli dieses Jahres - da, wo sich das Geschehen abspielt. „Es wird doch immer so dargestellt, dass die ISIS Territorium verlieren“, sagt Raman. „Das mag ja sein, die Informationen des Pentagon besagen ja auch, dass 12 bis 14 Posten zurückerobert wurden – aber gleichzeitig gibt es jetzt die Kämpfe um Aleppo.“

Für uns ist das schwer nachzuvollziehen: Kurden, Iraker, Syrer, Iraner, die Truppen des „Islamischen Staates“. Assads Regierungsarmee, Aufständische, Rebellen. Schiiten und Sunniten. Wer bekämpft wen?

Total verwüstet - wie leer gefegt

Plastisch macht diesen Kampf Ashwin Raman in seinem neuen Film aus dem Irak. Dafür reiste er von Selm nach Talesskef, 20 Kilometer nördlich der IS-Hochburg Mossul im Nordirak. Zuvor war es dort Einheiten der Peschmerga gelungen, diese vorwiegend von Christen bewohnte Kleinstadt vom IS zu befreien – total verwüstet, leer gefegt. 

 

Einen Einblick vom Alltag als Filmer an der Front bietet auch ein Ausschnitt, den uns Ashwin Raman aus seinem Rohmaterial zur Verfügung gestellt hat:

Film in der Mediathek
"An vorderster Front" ist in der verfügbar.

Ganz weg sind die IS-Kämpfer nicht: Raman dokumentiert einen Einsatz amerikanischer Spezialeinheiten bei einem unerwarteten Rückschlag von 200 Kämpfern. „Der erste Beleg, dass die Amerikaner nicht nur beratend und für Luftschläge eingesetzt werden“, sagt er.

Der rote Faden seines Films spannt sich um Oberstleutnant Hiwa Amin – ein Kurde, der jahrelang in Dortmund lebte. Mit ihm und durch seine guten Kontakte kommt Raman ganz nah ran an das Geschehen. Und lernt so auch etwas über die Strategie des „Islamischen Staates“: Die eigene Propaganda lässt dieses Kalifat, das seit 2014 durch seinen fanatischen Kampf und die eigene Selbstdarstellung Angst und Schrecken in die Welt gebracht hat, vielleicht mächtiger wirken, als es wirklich ist. 

Als lebende Landmine in die Luft gesprengt

Betrachtet man den blutrünstigen Kampf der Armee, sieht man aber auch: Der Fanatismus, der Kampf bis in den eigenen Tod oder sogar explizit mit dem Mittel, sich selbst zu töten, um andere mit in den Tod zu reißen, überwiegt deutlich den technischen Voraussetzungen. Die Wagen, auf denen die Kämpfer fahren, sind oft recht provisorisch gepanzerte Autos.

Ashwin Raman sah, wie ISIS-Soldaten sich in speziell aufgearbeiteten Schlafsäcken verstecken, die Wärmekameras nicht durchleuchten können. Dadurch ist es aus den Drohnen, die im Kriegseinsatz herumschwirren, nicht möglich, sie aus der Luft aufzuspüren. Denkt der Feind, die Luft sei rein und nähert sich einem solchen Mann, sprengt der sich – wie eine lebende Landmine.

Er geht dahin, wo die Kriege stattfinden

Ashwin Raman geht seit Jahren immer wieder an die Frontlinien, dahin, wo die Kriege der Welt stattfinden. Für eine Doku über die Piraten-Situation in Somalia gewann der den Deutschen Fernsehpreis. Sein letzter Film aus Afghanistan, der das 13. Jahr des Bundeswehreinsatzes dokumentiert, wurde mit dem Otto-Brenner-Journalistenpreis ausgezeichnet. Er weiß, wem er vor Ort vertrauen kann. Er weiß, wie er direkt an der Front agieren muss, um sich nicht in Lebensgefahr zu begeben. 

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Dabei hat er oft nur das Nötigste an Filmausrüstung dabei: Er ist selbst Kameramann, hat auch sonst eigentlich nur einen Rucksack dabei. Diesmal wohnte er bei kurdischen Soldaten, begleitet vom Oberstleutnant Hiwa Amin. Dessen Appell an Angela Merkel: „Bitte schick uns mehr Waffen.“ Seine eigene Kalashnikow hat er nicht etwa von der Armee; er kaufte sie selbst auf einem Markt für 1500 US-Dollar. „Wir kämpfen nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt“, sagt Hiwa Amin.         

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„Er kommt an Sachen und an Menschen ran, die für andere nicht zugänglich sind“, sagte Elmar Theveßen, Terrorexperte und stellvertretender Chefredakteur des ZDF in Mainz, in einem Interview mit unserer Redaktion. Mit ihm zusammen erarbeitete Raman seinen neuen Film. „Das ist der große Wert von Ashwin und darum macht es Spaß, mit ihm zusammenzuarbeiten“, so Theveßen. 

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