"Jetzt kann ich ruhen"

SELM „Es ist für mich sehr komisch, dass ich hier spreche“, begann Johanna Lore Gartenhaus ein Zeitzeugengespräch in der Alten Synagoge Bork. Die gebürtige Selmerin ist jüdischen Glaubens und floh 1939 mit ihren Eltern nach Amerika. Diese hatten 1931 in der Synagoge in Bork geheiratet.

11.09.2007, 18:43 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ihr Großvater Moritz Heumann, der 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde, hatte in Selm eine Metzgerei betrieben. Vor dem ehemaligen Geschäft Heumanns an der Kreisstraße wurde am Montag ein Stolperstein verlegt. Die heute 75-Jährige Enkelin: „Ich war 1999 das letzte Mal hier, ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal wiederkomme.“ Gespannt lauschten Schüler der Otto-Hahn Realschule sowie der Erich-Kästner Schule den mit Emotionen gepickten Ausführungen der Zeitzeugin. Noch genau erinnerte sich Johanna Lore Gartenhaus an die grausamen Vorkommnisse: Angefangen mit dem Verbot der Nationalsozialisten, in jüdischen Geschäften einzukaufen, bis hin zur Reichspogromnacht 1938, die für die Familie der damals Sechsjährigen den Ausschlag zur Flucht gab. Die Ausweise jüdischer Bürger wurden gekennzeichnet, sie erhielten einen Mittelnamen, der auf ihre Konfession verwies. Moritz Heimann erhielt den Mittelnamen Israel, dies zeigte die Enkelin den Schülern und weiteren Zuhörern anhand alter Ausweispapiere.

Geschäft aufgegeben

Sie erinnerte sich daran, nicht mehr in die Schule oder geschweige in den Park gedurft zu haben. Auch hat sie das Feuer in der Reichspogromnacht noch genau in Erinnerung. „Mein Opa und mein Vater wurden 1938 verhaftet und nach Bork ins Gefängnis gebracht. Wer zu dieser Zeit allerdings noch früh genug gesagt hat, dass er Deutschland verlassen wolle, der konnte gehen.“ Ihr Opa und Vater hatten zuvor das Geschäft aufgegeben und reisten nach Holland. Johanna Lore Gartenhaus blieb mit ihrer Mutter zurück, flohen erst sechs Monate später. „Eines Nachts kamen zwei Männer und sagten, dass mein Vater für unsere Fahrt nach Holland bezahlt hätte.“ Nichts Persönliches durften Mutter und Tochter mitnehmen. „Ich hatte, glaube ich, sieben Kleider an“, erinnerte sich Johanna Lore Gartenhaus.

Drei Nächste gefahren

Per Fahrrad fuhren sie drei Nächte Richtung Grenze. Ohne ihren Großvater setzte die Familie nach Amerika über. Johanna Lore Gartenhaus erinnerte sich noch an ihren Opa, der am Hafen stand und winkte. Von ihm hörte die Familie nur noch durch einen Brief aus dem Konzentrationslager.

Unglaublicher Zufall

Dann geschah ein unglaublicher Zufall. Ein Bauer aus Selm schickte der Familie ihre Papiere nach. „Wir waren bekannt, ich weiß aber nicht, woher er unseren Aufenthalt kannte. Die Engel waren da“, so die Zeitzeugin. Was Sie gefühlt habe, als sie von der Verlegung der Stolpersteine gehört habe? „Es hat nie eine Beerdigung für meinen Großvater gegeben. Jetzt kann ich ruhen“ Unter den Augen von Bürgermeister Jörg Hußmann trug sie sich in das Goldene Buch der Stadt ein. K wmb

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