Krach vor der Haustür und Rasenmäher im Gemeinschaftsraum: Senioren beschweren sich

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Die Seniorenwohnungen an der Münsterlandstraße sind seit 2014 das Zuhause von 17 Mietparteien. Den Lebensabend haben sich die Bewohner aber anders vorgestellt. Das liegt nicht nur am Lärm.

Selm

, 20.02.2019, 08:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf ihrem Balkon, sagt Annemarie Darda, habe sie noch nie gesessen. Nicht im vergangenen Super-Sommer. Und auch nicht an dem zurückliegenden frühlingshaften Wochenende. „Hören Sie selbst“, sagt die Frau und öffnet die Balkontür. Augenblicklich erfüllt Straßenlärm das Wohnzimmer: Lkw, die die Baustelle am Campus ansteuern und wieder wegfahren, Motorradfahrer, die hinter dem Kreisverkehr aufdrehen. „Das geht schon morgens um 6 Uhr los“, sagt Annemarie Darda. Anderen Nachbarn gehe es noch schlechter.

Im Gemeinschaftsraum parkt der Rasenmäher

Im Treffpunkt „Ehrenamt Rat und Tat“ in der Altstadt sitzen fast alle Mieterinnen und Mieter der Seniorenwohnungen hinter der Seniorenresidenz einmal im Monat zusammen. Sie trinken Kaffee und tauschen sich aus: auch über ihren Kampf gegen den Lärm, den sie schon seit mehr als zwei Jahren führen, bislang ohne Erfolg.

„Die denken wohl, dass sich bei uns Senioren die Sache früher oder später von selbst erledigt“, sagt eine Frau und lacht bitter. „Aber nicht mit uns“, ergänzt Roswitha Omlor, die neben ihr sitzt. Eigentlich, so Omlor, würden sie gerne zu Hause im Gemeinschaftsraum der Wohnanlage sitzen: ein barrierefrei zugänglicher Raum mit bodentiefen Fenstern und angrenzendem WC. Dort parkt aber jetzt ein Rasenmäher und stehen Gartengeräte. „Weil wir es nicht anders wollten, heißt es.“


Ortstermin mit Vertretern von Bauverein und Mohring

Drei Wochen später: Dieses Mal sitzen die Senioren nicht an der Kaffeetafel in der Altstadt, sondern stehen vor der Haustür - gleich neben dem zweckentfremdeten Gemeinschaftsraum. Unter ihnen: Lars Podchull vom Bauverein zu Lünen, der 2014 die Seniorenresidenz mit 80 Pflegeplätzen und die 17 Wohneinheiten dahinter errichtet hatte, und Tatjana Alderdott von den Senioreneinrichtungen Mohring, dem Unternehmen, das die beiden Einrichtungen betreut. Warum alle draußen stehen und nicht statt des Rasenmähers drinnen sitzen, versucht Alderdott zu erklären.

Krach vor der Haustür und Rasenmäher im Gemeinschaftsraum: Senioren beschweren sich

Beim Ortstermin am Dienstag mit Vertretern vom Bauverein zu Lünen und von Mohring. © Sylvia vom Hofe

„Durch die Nutzung des Raumes würden Betriebskosten entstehen, die Sie nicht bereit sind zu zahlen“, sagt Alderdott den Umstehenden. „Wir waren nicht bereit, 30 Euro pro Mietpartei und Monat zu zahlen“, stellt Roswitha Omlor klar.

30 Euro im Monat extra für den Gemeinschaftsraum

Bei 17 Parteien wären das 510 Euro im Monat: eine stolze Summe für einen rund 30 Quadratmeter großen Raum, der nur gelegentlich genutzt würde. „5 Euro extra würden wir aber zahlen.“ Ob Mohring mehr durch die Nutzung als exklusive Gartenhütte einnimmt? Und ob es nicht doch einen Kompromiss geben könnte? Tatjana Alderdott schüttelt mit dem Kopf. „Da muss ich mich informieren.“

Für eine 70 Quadratmeter große Wohnung zahlen die Mieter laut Alderdott 800 Euro - inklusive Betriebs- und Heizkosten. „Ein gutes Angebot“, wie sie findet. Wenn nicht diese Ärgernisse wären, meinen die Senioren. Sie bringen unter anderem überfüllte Mülltonnen zur Sprache und den Parkplatzärger direkt vor dem Fenster. Mitarbeiter des Altenheims parkten jeden Zentimeter auf dem schmalen Schulze-Weischer-Weg zu.

Hausmeister hatte das Parkchaos gezügelt

„Als es hier vor Ort noch einen Hausmeister gab, hat der dafür gesorgt, dass die Leute woanders parken“, sagt ein Mann. Seit einem halben Jahr sei der Hausmeister aber in Dortmund ansässig, „und hier steht alles voll“.

Krach vor der Haustür und Rasenmäher im Gemeinschaftsraum: Senioren beschweren sich

Die Parksituation auf dem Schulze-Weischer-Weg. Wo jetzt Autos stehen, war noch vor einigen Monaten ein Rasenstreifen. © Sylvia vom Hofe

Das Ärgerlichste von allen: der Straßenlärm von der Münsterlandstraße. „Sie kannten ja die Lage des Hauses“, sagt Lars Podchull vom Hauseigentümer, dem Bauverein zu Lünen. „Stimmt“, bestätigt Walther Darda, der bald 90 wird. Aber damals sei noch nicht absehbar gewesen, welch eine große Baustelle auf der anderen Straßenseite entstehen würde, sagt er mit Verweis auf den neuen Campus-Platz, den Auenpark und das benachbarte Neubaugebiet.

Anstatt die ganze Erde, die dort gerade ausgebaggert wird, abzufahren, könnte sie für einen kleinen Wall vor dem Haus aufgeschüttet werden. „Und der ließe sich dann mit Sträuchern bepflanzen.“ Notfalls würde es auch eine Strauchreihe ohne Wall tun. Bürgermeister Mario Löhr ist da wenig optimistisch.

Bürgermeister schon 2017 eingeschaltet

Bereits im Juni 2017 hatten sich die Senioren an Löhr gewandt, allen voran das Ehepaar Darda, das eigens aus Dortmund nach Selm gezogen war, um einen ruhigen Lebensabend im Grünen zu genießen. Schon damals, so Löhr am Dienstag, habe er ihnen gesagt, dass die Situation schwierig sei und die Stadt nicht Herr des Verfahrens.

Die Stadt Selm hatte das Grundstück an den Bauverein zu Lünen verkauft. „Es ist aber der Landesbetrieb Straßen NRW, der etwas gegen eine Bepflanzung hat“, so Löhr. Das habe damit zu tun, dass die Münsterlandstraße eine Bundesstraße sei und damit, dass die Wohnungen „außerhalb geschlossener Ortschaft“ lägen. Die Straßenbehörde mit Sitz in Bochum war am Dienstag nicht zu erreichen.

Klärung innerhalb der nächsten vier Wochen

Immerhin: Der Betreiber Mohring und der Eigentümer Bauverein zu Lünen wollen in den nächsten Wochen prüfen, was sie tun können - für Strauchwerk als Sicht- und Schallschutz, für einen Gemeinschaftsraum und gegen überquellende Mülltonnen. In vier Wochen melden sie sich mit möglichen Ergebnissen.

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