Schwester Josefine Schwitalla hat im Kloster ihr Zuhause gefunden. © Orden
Berufung gefunden

Leben im Kloster: Schwester Josefine (33) aus Selm findet ihr Glück

Sie hatte Job, Wohnung, Freunde. Ausgefüllt hat das Anne Schwitalla aber nicht. Inzwischen hat die Selmerin alles eingetauscht gegen ein Leben im Kloster - und ist glücklich.

„Schwester“ rief man sie schon lange: „Schwester Anne.“ Bis zum April 2017 hat Anne Schwitalla als gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin im Universitätsklinikum Münster gearbeitet: eine Arbeit, die sie ausfüllte, dazu eine schöne Wohnung in Münster und gute Freunde. Und doch: Irgendetwas fehlte. Die damals 29-Jährige ahnte: In ihr schlummert eine Sehnsucht, der sie Raum geben möchte. Die Sehnsucht nach Gott. Heute. Fast vier Jahre später, heißt Schwester Anne Schwester Josefine und ist Nonne. Und glücklich.

Josefine. Diesen Name hat sie selbst vorgeschlagen, wie sie im Zoom-Interview kurz vor Weihnachten erzählt. Wegen des heiligen Josef: Zimmermann, Ziehvater Jesu und Schitzpatron der Arbeiter – ein Macher. Während der ersten Monate im Kloster hatte sie erfahren, dass sie für praktische Dinge ein Händchen hat – mehr als sie selbst vorher gedacht hatte. Tatsächlich hat die Priorin des „Klosters der Benediktinerinnen von der ewigen Anbetung zu Osnabrück“, ihr am 10. Februar 2018 diesen Namen gegeben. Dabei steht die praktische Arbeit in einem kontemplativen Orden nicht im Mittelpunkt, sondern etwas anderes.

Ordensregel ist 1500 Jahre alt

Benediktinerinnen gehören zu einem der ältesten Orden der christlichen Welt. Bis heute gültig ist die 1500 Jahre alte Forderung von Benedikt von Nursia an alle seine Brüder und Schwestern: „Nichts soll (…) dem Gottesdienste vorgezogen werden“. Mechtilde de Bar, die Gründerin der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament, bekräftigte das im 17. Jahrhundert und prägte das „Leben in der Anbetung“, das bis heute Bestand hat.

Das Kloster der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament in Osnabrück: Hier lebt Schwester Josefine Schwitalla.
Das Kloster der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament in Osnabrück: Hier lebt Schwester Josefine Schwitalla. © Orden © Orden

Schwester Josefine lächelt in die kleine Video-Kamera des Laptops. Sie ahnt, dass das schwer zu verstehen ist – insbesondere für Menschen, die nicht gläubig sind. Dass ihnen ein Leben in Gehorsam, klösterlichem Lebenswandel und Beständigkeit wie das Gegenteil erscheint von Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlstand. Schwester Josefine weiß es besser.

Trend zu Einkehr: Kontemplative Orden sind gefragt

Sie hat erfahren, dass ihr die Ordensregeln Orientierung geben, und der Verzicht Freiheit schenkt: ein radikal anderer Lebensentwurf, den nicht einmal mehr 20.000 andere Ordensleute in Deutschland teilen: ein Promille aller Katholiken in Deutschland. Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK), unter deren Dach sich die christlichen Ordensgemeinschaften zusammengeschlossen haben, zählte zum Stichtag 31.12.2019 genau 3.568 Ordensmänner und 13.448 Ordensfrauen. Wenn es Neueintritte gibt – 2019 immerhin 51 – gibt es einen Trend zu zurückgezogener Einkehr: Jede dritte Novizin wählt eine kontemplative Gemeinschaft.

„Natürlich“, sagt Schwester Josefine, „legen wir nicht nur unsere Hände zum Gebet gefaltet in den Schoß“. Die 16 Frauen ihrer Gemeinschaft – die jüngste ist 28, die älteste 92 – erwirtschafteten ihren Lebensunterhalt selbst. Sie betreiben eine Hostienbäckerei, eine Kerzenwerkstatt und eine Paramentenstickerei, in der liturgische Gewänder in Handarbeit hergestellt werden. Und dann gibt es noch die Alltagsarbeiten: Kochen, Spülen, Waschen, pflegebedürftige Mitschwestern unterstützen – alles, was anfällt. Und das ist eine Menge in einem so großen Haus wie dem Kloster in der Osnabrücker Innenstadt. Entscheidend sei aber, zu wissen, dass das nicht alles ist. Und erst recht nicht die Hauptsache.

Morgens schellt der Wecker um 5 Uhr

„Mein Wecker klingelt um 5 Uhr“, sagt Schwester Josefine. Von der Laudes an, dem Morgengebet um 6 Uhr, bis zur Komplet, dem Nachtgebet ab 19.30 Uhr, ist der Tagesablauf fest strukturiert: Viermal versammelt sich die Schwestern-Gemeinschaft dabei zum Gebet, einmal zur Messfeier. Außerdem verbringt jede Schwester eine Stunde in stillem Gebet und eine weitere mit der sogenannten geistlichen Lesung: der Auslegung der Bibel und anderer Literatur, die ins Gebet führt. Erfüllend findet sie das, „manchmal aber auch irre anstrengend“.

„Manchmal“, sagt Schwester Josefine, „gibt es auch Trockenphasen“. Wo es nicht gut läuft, auch nicht das Gespräch mit Gott. Wo Zweifel nagen. Die gebürtige Selmerin hat gelernt, nicht daran zu verzweifeln. Sie zitiert aus dem mehr als 2200 Jahre alten Buch Tobit: „Er führt hinab in die Unterwelt / und führt auch wieder zum Leben“.

Mitschwestern können auch mal auf die Nerven gehen

Als sie im April 2017 ins Kloster eintrat, hatte sie Schmetterlinge im Bauch wie beim ersten Verliebtsein. Inzwischen kennt sie auch den Alltag. Das Kloster ist kein Himmel auf Erden. Im Gegenteil: Da kann man nicht wegrennen – weder vor den anderen, noch vor sich selbst. „Manchmal gehen mir meine Mitschwestern auf die Nerven“, gibt Schwester Josefine zu. Und sie ihnen. Manchmal lastet es auf ihr, dass die Ideale, die sie begeistern, so unerreichbar erscheinen. „Dann muss du den Mut haben, weiterzugehen.“ Und dann kommt sie wieder: Die große Sehnsucht nach Gott

Dieses Foto entstand im April 2017 vor der Stiftskirche Cappenberg, kurz bevor Schwester Josefine ins Kloster in Osnabrück eintrat.
Dieses Foto entstand im April 2017 vor der Stiftskirche Cappenberg, kurz bevor Schwester Josefine ins Kloster in Osnabrück eintrat. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Schwester Josefine hat ihre Probezeit hinter sich. Am 10. Februar 2020 hat sie ihre erste zeitliche Profess abgelegt: das Versprechen, drei Jahre zu bleiben. Nach weiteren zwei Jahren wird dann die ewige Profess anstehen: lebenslänglich. Wieder dieses Lächeln. Ihr macht das keine Angst. Klar, gelegentlich fehle es ihr, einfach mal ausschlafen zu können, bummeln oder feiern zu gehen. Aber das werde weniger. „Die Beziehung zu Gott wächst. Ich entdecke so viel Neues und bin so ausgefüllt, dass ich froh bin, mir keine Gedanken machen zu müssen: Zu welcher Party gehst du? Was ziehst du an?“ Auch wenn das von außen nicht so aussehe: Langweilig ist es hier nie.“

Netflix fehlt – der Zugang zu aktuellen Informationen aber nicht

Netflix gibt es nicht. „Amazon prime auch nicht“, sagt Schwester Josefine und lacht. Die Welt bleibe aber trotzdem nicht draußen. Ob Trump, Friday`s for future, Reformbedarf in der katholischen Kirche oder natürlich Corona. Alles treibt auch die Frauen im Kloster um. „Nur dass wir das alles nicht in die Sozialen Medien tragen, sondern vor Gott.“

Auch die Sorgen vieler Menschen in der Corona-Krise gehören dazu. Die Angst, die Arbeit zu verlieren oder den Hauskredit nicht mehr bedienen zu können. „Ich kann auch verstehen, dass mancher dem Adventsmarkt hinterhertrauert und die Weihnachtsfeier mit den Kollegen vermisst.“ Schwester Josefine sieht aber auch eine Chance. Sie kennt sich schließlich damit aus, dass Verzicht Freiheit schenkt – auch die Freiheit, Weihnachten neu zu entdecken – ohne den Druck, passende Geschenke zu finden, alle Verwandten unter einen Hut bringen zu müssen und ein perfektes Mehr-Gänge-Menü zu zaubern.

Corona-Weihnachten bietet eine neue Chance

„Lasst euch vom Staunen ergreifen, wenn ihr auf das Kind in der Krippe blickt.“ Schwester Josefine, die nur noch von ihrer Familie und engen Freunden Anne genannt wird, zitiert Mechtilde de Bar. Die Ordensstifterin hatte diesen Satz vor 400 Jahren gesagt. Die junge Ordensfrau aus Selm bewegt dieser Satz immer wieder neu, nicht nur zu Weihnachten. „In dem Kind im Stall möchte uns Gott nahe kommen. Und das Beste“, unter dem weißen Schleier lächelt es wieder verschmitzt, „dabei brauchen wir alle keine Abstandsregeln einhalten. Je näher desto besser.“ Ein Glück, dem sie ihr Leben gewidmet hat.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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