Zum Lachen ist Gabriele Redemann, der Inhaberin von "Pe-Ga Moden" an der Kreisstraße, derzeit nicht zumute. Wenn sie nicht Ende Januar öffnen kann, wird sie auf einem Großteil der Winterware sitzen bleiben. © Daniel Claeßen
Corona-Krise

Lockdown-Folgen: Einzelhändler in Selm zwischen Hoffnung und Genickbruch

Telefon, E-Mail, Facebook: Die Selmer Einzelhändler sind auch im Lockdown erreichbar. Das scheint jedoch im Gegensatz zum vergangenen Frühjahr noch nicht bei jedem angekommen zu sein.

Seit 36 Jahren führt Gabriele Redemann „Pe-Ga Moden“ in Selm. Nach dem Anfang in der Brückenstraße ist das Geschäft seit 29 Jahren an der Kreisstraße 26 zuhause. In dieser Zeit hat Gabriele Redemann viel erlebt, wie sie sagt. „Aber noch nie so etwas wie jetzt.“ Während des Gesprächs mit unserem Reporter klingelt ihr Handy – es ist ein Kollege, mit dem sie normalerweise ihre Messe-Besuche plant. „Mal sehen, ob wir dieses Frühjahr überhaupt eine Messe haben werden.“

Wenn sie denn stattfinden würde, könnten Gabriele Redemann und viele andere Modehändler dort aktuelle Ware sichten und bestellen. „Und zwar die Kollektion für den nächsten Winter.“ Womit ihr Dilemma deutlich wird: „Als wir im vergangenen Februar auf der Messe waren, hat doch noch niemand an Corona gedacht.“

Massiver Preissturz im WSV

Und nun sind ihr Laden und ihr Lager voll mit Mode, die niemand zu Gesicht bekommen kann – denn ihr Geschäft muss wie so viele andere geschlossen bleiben. „Gleichzeitig können Supermärkte öffnen und lustig Hosen und Hemden verkaufen“, ärgert sich die Selmerin über eine ihrer Meinung nach ungleiche Behandlung. „Ein paar Meter weiter stehen die Leute dicht gedrängt an der Fleischtheke, während ich in meinem Laden locker den Abstand einhalten könnte.“

Aber noch darf sie keine Kunden reinlassen. „Hoffentlich lassen sie uns Ende des Monats wieder öffnen.“ Dann könnte der „reguläre“ Winterschlussverkauf den Umsatz zumindest noch etwas steigern. „Pullover für 70 Euro gehen dann für 39 Euro weg“, nennt sie ein Beispiel, wie extrem der Preisverfall in diesem WSV sein wird. „Verkaufe ich die Ware nicht, bleibe ich drauf sitzen. Und das wird mir dann nach 36 Jahren das Genick brechen.“ Aber weiter einkaufen müsse sie, um überhaupt als Geschäft zu überleben.

Nicht ganz so pessimistische Töne kommen schräg gegenüber aus der Marktbuchhandlung am Willy-Brandt-Platz. „Hoffnung muss man immer haben, sonst macht das alles keinen Sinn mehr“, lautet die Devise von Inhaber Christian Kokesch. Wobei ihn die aktuelle Situation verwundert: „Im ersten Lockdown war den Leuten klar, dass wir trotzdem noch da sind und man bei uns Bücher kaufen kann.“ Das scheint nun in der „zweiten Runde“ nicht mehr bei jedem präsent zu sein. „Viele rufen auf gut Glück an und wundern sich, dass wir da sind.“ Dabei sei die Marktbuchhandlung auf allen Kanälen – Facebook, Twitter, Instagram – präsent.

Eine Mögliche Erklärung für die Zurückhaltung der Leute sieht Kokesch in den strengeren Regeln des neuen Lockdowns: „Vielleicht meinen deshalb viele Leute, dass die Geschäfte komplett zu sind.“ Ein weiterer Faktor könnte der Monat Januar sein: „Da ist es ja immer etwas ruhiger, weil die Leute ihre Bücher alle zu Weihnachten gekauft haben.“

Gesellschaftsspiele und Yoga-Matten

Ein Phänomen, das auch Lisa Sandmann von „Spielen und Träumen“ an der Südkirchener Straße 1 beobachtet: „Es ist deutlich ruhiger, die Leute kaufen im Januar weniger.“ Ihr Bastel- und Spielzeugladen ist sowohl telefonisch als auch über Facebook erreichbar. „Das Interesse der Kundinnen und Kunden geht tatsächlich querbeet“, schildert sie ihre Lockdown-Erfahrungen. Neben Bastelutensilien sind Gesellschaftsspiele und Spielzeug gefragt. „Alles natürlich kein Vergleich dazu, wenn wir regulär geöffnet hätten.“

Dem stimmt Christian Angersbach vom gleichnamigen Sportgeschäft an der Ludgeristraße 92 zu. Dennoch steht Sport während des Lockdowns hoch im Kurs: „Yoga-Matten sind der Renner, und Hanteln sind nachgefragt. Da ist momentan auch alles ausverkauft.“ Liefern muss er nicht, die Kunden holen die bestellte Ware im Laden ab – wie schon im ersten Lockdown: „Die Leute rufen ganz normal an und wissen, dass wir da sind.“

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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