Das sind (v.l.) Leah, Paul und Angelika Schmidt und Pflegesohn Elias. Eine ganz normale Familie. Eine Familie, die dank des Modells Westfälische Pflegefamilie vereint ist. © SkF
Pflegefamilie

Pflegefamilie in Selm: Der Tag, an dem Elias (2) endlich zu Hause war

Der Tag, an dem Elias (2) aufatmete, war der Tag, an dem sein schweres Schicksal endgültig eine glückliche Wendung genommen hatte, an dem er spürte, dass er endlich ein Zuhause hat.

Elias (alle Namen geändert) hat bisher ein Leben geführt, das von Unsicherheit geprägt war. Schon vor seiner Geburt hatte das Jugendamt ein besonderes Auge auf die Familie. Die Tochter war den Eltern wegen Vernachlässigung und Verwahrlosung entzogen worden. Nach der Geburt von Elias hat die Mutter den Ehemann und ihren Sohn verlassen. Der Vater versuchte, sich allein um das Baby zu kümmern. Aber auch der Vater verließ kurze Zeit später seinen Sohn. Also ist Elias in seinem ersten Lebensjahr schon zweimal verlassen worden.

Elias kam auf Betreiben des zuständigen Jugendamtes in eine Bereitschaftspflegefamilie. Das sind Menschen, die ein Pflegekind für eine gewisse Zeit aufnehmen, weil es sofort untergebracht werden muss, weil es einfach erst mal um die Versorgung geht.

Weil diese Aufnahme aber kein Dauerzustand sein würde, suchte das Jugendamt über den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Lüdinghausen eine Pflegefamilie für den kleinen Elias. Vorbereitung einer potenziellen Pflegefamilie, Vermittlung eines Pflegekindes und die Begleitung des ersten Kontaktes sowie der Pflegefamilie nach Aufnahme des Kindes – das sind Aufgaben des SkF. Der SkF ist einer der Träger nach dem Modell der sogenannten Westfälischen Pflegefamilie.

Familiären Lebensort bieten

Westfälische Pflegefamilien (WPF) sind per Definition des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) „besonders geeignete Pflegefamilien, die ihre Stärke darin sehen, besonders entwicklungsbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen einen familiären Lebensort zu bieten.“ Diese Westfälischen Pflegefamilien haben aufgrund des oft stark belasteten Lebensweges des Pflegekindes einen höheren Bedarf an intensiver Beratung.

So, wie es im Fall von Elias und seiner Pflegefamilie ist. Wie ist es aber überhaupt dazu gekommen, dass die Schmidts Elias aufgenommen haben? Angelika Schmidt und ihr Ehemann Paul – beide in zweiter Ehe verheiratet – haben mit Leah eine viereinhalbjährige Tochter. Paul hat aus erster Ehe eine 23-jährige Tochter. „Den Gedanken, ein Pflegekind aufzunehmen, hatten wir schon vor Leahs Geburt“, erzählt die 45-jährige Angelika Schmidt. Dann kam Leah zur Welt. Aber der Wunsch nach einem Pflegekind war nicht weg.

Die Büroangestellte und ihr 53-jähriger Mann waren durch ein Infoblatt auf den SkF aufmerksam geworden. Und die beiden haben sich immer intensiver mit dem Thema Pflegekind beschäftigt. Genau das erhofft sich der SkF durch die aktuell verstärkte Werbung.

Das Team, das beim Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) für das Konzept Westfälische Pflegefamilie verantwortlich ist: (v.l.) Thorsten Nagel, Andrea Rennemeier, Martina  Hollstein und Sigrid Wolsing. Martina Hollstein kümmert sich um die Familie Schmidt.
Das Team, das beim Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) für das Konzept Westfälische Pflegefamilie verantwortlich ist: (v.l.) Thorsten Nagel, Andrea Rennemeier, Martina Hollstein und Sigrid Wolsing. Martina Hollstein kümmert sich um die Familie Schmidt. © SKF © SKF

„Wir hoffen, dass es für andere Familien, Einzelpersonen, Paare, gleichgeschlechtliche Paare eine Überlegung ist, auch ein Pflegekind aufzunehmen“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Martina Hollstein. Ob sich jemand eignet, ein Pflegekind aufzunehmen, „das klopfen wir weit vorher auch vor Ort ab“, versichert sie. Was ist die Motivation, ein Pflegekind aufzunehmen? Wie ist die Familiengeschichte? Welches Kind würde in diese Familie passen und umgekehrt? Wie lebt diese Familie beziehungsweise diese Einzelperson? Sind leibliche Kinder da? Sind sie damit einverstanden, dass ein Pflegegeschwisterkind aufgenommen wird? Hat das Pflegekind ein eigenes Zimmer? Die Bewerber müssen ein Gesundheitszeugnis und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Die Existenz muss gesichert sein. Vor allem letzter Punkt soll verhindern, dass jemand aus finanziellen Gründen ein Pflegekind aufnimmt, weil der Staat Unterhaltskosten und Kosten der Erziehung zahlt.

Vorbereitung bis zur Aufnahme: neun Monate

Wie lange dauert die Vorbereitung, bis es zur Aufnahme des Pflegekindes in der Familie oder bei der Einzelperson kommt? „Ungefähr neun Monate, also so lange wie eine Schwangerschaft“, sagt Martina Hollstein lachend. Die potenziellen Pflegeeltern – im aktuellen Fall die Schmidts – haben „alles erfahren, was wir über Elias und seine Vorgeschichte wissen“. Inklusive der Information, dass Elias unter Entwicklungsverzögerung leidet und traumatisiert ist. „Danach hat der SkF uns erstmal ganz in Ruhe gelassen“, erinnert sich Paul Schmidt. „Damit wir das alles sacken lassen konnten.“ Ein paar Tage später haben er und seine Frau dem SkF mitgeteilt: „Wir können uns vorstellen, Elias aufzunehmen.“

Es begann eine intensive Zeit, in der sich die Schmidts mit Hilfe des SkF klar machten, ob ihre Entscheidung wirklich die richtige sein würde. „Wir haben uns in dieser Zeit viel besser kennengelernt“, sagt Paul Schmidt. „Ich nenne es immer super Paarberatung“, sagt Angelika Schmidt.

Alles zusammen genommen, hatte der SkF schließlich ein gutes Profil der potenziellen Pflegeeltern. Als das Jugendamt, das für Elias zuständig ist, beim SkF angefragt habe, ob es potenzielle Pflegeeltern gebe, sei der Name Schmidt gefallen, berichtet Martina Hollstein. Es folgten Gespräche mit Jugendamt und der Mutter aus der Bereitschaftspflegefamilie. „Wir bekamen so ein gutes Bild von Elias“, berichtet Paul Schmidt.

Elias behutsam kennengelernt

Schließlich war allen Beteiligten klar: Elias wird in die Familie Schmidt aufgenommen. Nur, wie vermittelt man einem Zweijährigen, dass er ein neues Zuhause bekommt? Von der Mutter verlassen, vom Vater verlassen, nun auch noch ein weiterer Umzug aus der Bereitschaftspflegefamilie zu den Schmidts. Nach und nach habe es Besuche in der Bereitschaftspflegefamilie von Elias gegeben. Immer enger getaktet waren diese Besuche. Elias lernte die Schmidts kennen. „Er wollte dann auch ab und zu mit uns spielen“, sagt Paul Schmidt.

Wo Leah hingeht, da will Elias auch mit. Die beiden sind ein Herz und eine Seele.
Wo Leah hingeht, da will Elias auch mit. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. © SKF © SKF

Dann kam Elias zu den Schmidts zu Besuch. Immer in Begleitung seiner

Bereitschaftspflegemutter. „Sie ist morgens mit ihm gekommen und abends hat sie ihn wieder mitgenommen“, erinnert sich Angelika Schmidt. Und irgendwann kam der Abend, wo er sich versteckte, nicht mehr die Schuhe anziehen wollte. „Das war das Signal, dass er bei uns bleiben wolle.“ Elias zog zu den Schmidts. Was so einfach klingt, hat sich über eine sehr lange Zeit hingezogen. Eine Zeit, die die Schmidts immer wieder in Gesprächen mit dem SkF, mit anderen Pflegefamilien darauf vorbereitet hat, die Verantwortung für Elias, den Jungen mit dem schweren Schicksal, voll und ganz zu übernehmen.

Für Elias (hinten) ist es das Größte, mit seiner Schwester Leah zu toben.
Für Elias (hinten) ist es das Größte, mit seiner Schwester Leah zu toben. © SKF © SKF

Leah, die Tochter der Schmidts, war mittlerweile informiert worden, dass Elias bei ihnen bleiben würde. Mittlerweile sind die beiden „wie echte Geschwister“. Elias hole sich zudem all die Kuscheleinheiten, die er brauche, sagt Angelika Schmidt. „Und, so ernst er am Anfang war, so herzhaft kann er mittlerweile lachen.“

Ganz tief aufgeatmet

Aber können sie sich auch angesichts seiner Vorgeschichte sicher sein, dass er dauerhaft bei ihnen bleiben will? „Elias ist noch dabei, anzukommen“, sagt seine Pflegemutter. Die Anekdote, die Angelika Schmidt erzählt, gibt aber zumindest einen Hinweis: „Wir waren zu viert drei Wochen im Urlaub in einer Ferienwohnung. Als wir zurück waren und Elias lag abends in seinem Bett in seinem Zimmer, hat er sich umgeschaut, alles wiedererkannt und ganz tief aufgeatmet.“

Zahlen – Infos – Kontakt

  • Wie hoch der Bedarf an Pflegepersonen ist, zeigen Zahlen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe rausgegeben habe, wie Martina Hollstein sagt. Aktuell leben 1748 Kinder in 1427 Westfälischen Pflegefamilien. Die Zahlen aus den Vorjahren: 2016: 1581 Kinder in 1293 WPF; 2017: 1669 Kinder in 1354 WPF; 2018: 1763 Kinder in 1422 WPF; 2019: 1816 Kinder in 1465 WPF.
  • Der SkF Lüdinghausen betreut 24 Familien mit 27 Kindern.
  • Zurzeit sind zwei Familien in der Vorbereitung und bei zwei Familien steht die Vermittlung eines Kindes an.
  • Interessierte vereinbaren einen Termin unter Tel. (02591) 2371210 oder über die Homepage www.pflegefamilienglück.de
  • Trägerübergreifend sind in Lüdinghausen 40 Pflegekinder in 35 sogenannten Pflegestellen untergebracht. In Nordkirchen sind es 4 (3), in Olfen 10 (8).
  • Angegeben sind die Fälle, die vom Jugendamt des Kreises Coesfeld betreut werden. Wie viele Pflegekinder in den Kommunen insgesamt tatsächlich untergebracht sind, könne nicht beantwortet werden. In den Kommunen können auch Pflegefamilien wohnen, die nicht vom Kreisjugendamt betreut werden.
  • In Selm sind es zurzeit 48 Pflegekinder in 46 Pflegefamilien.
Über den Autor
Redaktion Selm
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Arndt Brede

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