Vor ein paar Monaten ist die kleine Mathilda in Cappenberg als spontane Hausgeburt auf die Welt gekommen. Ihr Vater war der Geburtshelfer - die Hebamme schaffte es nicht rechtzeitig.

Cappenberg

, 01.09.2018, 06:11 Uhr / Lesedauer: 6 min

Ganz ruhig und entspannt liegt die kleine Mathilda in ihrem Stillkissen. Ab und an bewegt sie mal die kleinen Ärmchen, ballt die Hand zur Faust oder kneift die Augen fest zusammen – alles in allem macht das Baby, das gerade ein paar Monate alt ist, aber den Eindruck völligen Friedens. Kaum vorstellbar bei diesem Anblick: Bei ihrer Geburt Anfang Juni hat Mathilda noch ganz andere Charaktereigenschaften gezeigt. Da hatte sie es nämlich plötzlich so eilig, dass ihre Eltern Stephanie und Christian Happe noch nicht einmal mehr Zeit hatten, ins Geburtshaus nach Werne zu fahren. Mathilda kam – mit einiger Aufregung – spontan zu Hause in Cappenberg zur Welt. So war das eigentlich ganz und gar nicht geplant gewesen. Eigentlich.

Hebamme konnte nicht rechtzeitig kommen

Tatsächlich aber hatten Christian und Stephanie Happe in der Nacht des 9. Juni nicht viel Zeit, über eigentlich Geplantes nachzudenken. Als um kurz vor 3 Uhr die Wehen immer stärker wurden, riefen sie zwar noch bei ihrer Hebamme an und sagten, dass sie sich nun bald auf den Weg ins Geburtshaus nach Werne machen werden. Wenige Minuten später war aber klar: Daraus wird nichts. „Mein Mann war nur kurz bei unseren Ältesten und hat ihm das Telefon gegeben“, erinnert sich Stephanie Happe (37). „Als er zu mir ins Badezimmer kam, platze die Fruchtblase – und der Kopf schaute schon raus“, sagt die 37-jährige Mutter von nun vier Kindern.

Was folgte, waren kurze knappe Anweisungen, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. „Der Kopf, der Kopf“, habe sie immer wieder gesagt. „Und da wusste ich dann schon, wo die Reise hingeht“, erzählt ihr Mann, der sich innerhalb der nächsten Minuten zum Geburtshelfer mauserte. Zwar versuchte er noch mal, bei der Hebamme anzurufen. Die telefonierte aber gerade mit ihrer Schülerin, um diese von der anstehenden Geburt zu informieren, und war deshalb nicht erreichbar.

Kurzum: Die Happes waren auf sich allein gestellt. „Ich dachte die ganze Zeit: Hoffentlich fällt sie mir gleich nicht aus der Hand“, sagt Christian Happe. Aber es ging alles gut – und schon nach zwei weiteren Wehen und zehn Minuten schrie die kleine Mathilda in den Armen ihres Vaters.

Plötzlich war Mathilda da: Die Geschichte einer ungeplanten Hausgeburt


Allein schon durch die Art ihrer Geburt ist die eilige Mathilda etwas Besonderes: Nur noch sehr wenige Kinder kommen in Deutschland als Hausgeburt – zumal als ungeplante Hausgeburt – zur Welt. Ganz genaue Zahlen dazu gibt es allerdings nicht, wie Claudia Key vom Statistischen Landesamt it.NRW erklärt. Die Zahl der Hausgeburten in Deutschland wird von keiner Stelle genau erfasst. Allerdings gibt es die Möglichkeit, die Zahl der in einer Klinik geborenen Kinder von der Gesamtzahl der geborenen Kinder abzuziehen.

2017 und 2018 nur sechs Hausgeburten in Selm

Das tut die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe regelmäßig. Seit 1999 – so ist es in dieser Rechnung abzusehen – ist die Zahl der außerklinisch zur Welt gekommenen Kinder sehr gering und liegt bei ein bis zwei Prozent. Die Stadt Selm geht diesen Trend mit: Auch hier kommen verhältnismäßig wenige Kinder zu Hause zur Welt. Sechs Hausgeburten gab es in den Jahren 2017 und 2018 laut Stadtsprecher Malte Woesmann bisher insgesamt.

Warum sind Hausgeburten so selten? Auf diese Frage hat Jaqueline Stratmann (30) eine Antwort. Sie ist gleich in zweierlei Hinsicht Expertin: Die Selmerin arbeitet in der Hebammenpraxis von Annette Höning – und sie hat vor ein paar Monaten ihre kleine Tochter Rieke zu Hause zur Welt gebracht. Anders als die Familie Happe hatten sie und ihr Mann das aber ganz genauso auch geplant.


„Es gibt viele Vorurteile gegenüber Hausgeburten. Man gilt leicht als risikofreudig und verantwortungslos“, sagt

Jaqueline Stratmann. Aus ihrer Sicht sind solche Ansichten aber unbegründet. „Wenn es sich um eine ganz normale Schwangerschaft handelt, wo bei Frau und beim Kind von vorne bis hinten alles normal ist, dann ist eine geplante Hausgeburt genauso sicher wie eine Klinikgeburt. Heutzutage versprechen sich viele von der Medizintechnik eine Sicherheit. Das ist aber nicht immer unbedingt so“, sagt sie. Klar: Bei Schwangerschaften, bei denen aus unterschiedlichen Gründen ein Risiko vorliegt, sehe das natürlich anders aus. „Es gibt einen Riskokatalog. Nicht jede Frau ist für eine Hausgeburt geeignet“, erklärt Jaqueline Stratmann.

Von den Vor- und den Nachteilen einer Hausgeburt

Vieles, so sagt es die Hebamme weiter, entscheiden sich wegen der Eins-zu-Eins-Betreuung für eine Hausgeburt, bei der ein Schichtwechel wie im Krankenhaus keine Rolle spielen. „Bei einer Hausgeburt habe ich außerdem Hausrecht - und damit die Kontrolle über das Setting.“ Wer dabei ist, welche Musik im Hintergrund läuft, was es am Tag danach zu Essen gibt: Das könne die Mutter dann alles selbst bestimmen.

Hebammen dürfen allerdings keine Schmerzmittel geben. Das, so sagt es Jaqueline Stratmann, ist auch ein Grund, warum sich sehr viele Frauen gegen eine Geburt zu Hause entscheiden. „Opiate oder eine PDA sind bei einer Hausgeburt nicht möglich“, sagt sie. Natürlich sei es bei plötzlichen medizinischen Notfällen - Mutter oder Kind betreffend - auch besser, wenn in der Klinik sofort eingegriffen werden kann. „Allerdings besteht ja auch bei jeder Hausgeburt immer die Möglichkeiten, sie abzubrechen und ins Krankenhaus zu fahren, wenn etwas nicht in Ordnung ist.“ Konkrete Nachteile einer Geburt lassen sich nicht über den Daumen brechen, sagt Jaqueline Stratmann. „Aber es muss schon ein ganz bestimmter Typ Frau sein, der sich für diese Art der Geburt entscheidet. Insgesamt ist die Nachfrage nach Hausgeburten in Selm sehr, sehr gering“, erklärt sie weiter.

Plötzlich war Mathilda da: Die Geschichte einer ungeplanten Hausgeburt

In anderen Ländern sehe das ganz anders aus. „In den Niederlanden zum Beispiel: Risikofrauen gehen direkt in die Klinik. Und bei den anderen Frauen ist es immer die Hausgeburt. Das sind zwei Drittel der Schwangeren“, sagt sie Selmer Hebamme. Und auch in Deutschland - das zeigt ein Blick in die Geschichte - ist es noch nicht besonders lange so, dass die Klinikgeburt die „normale“ ist.

Noch in den 50er-Jahren waren Hausgeburten der Normalfall

Erst in den 50er- und 60er-Jahren begann die Geburtenkultur in Deutschland sich langsam zu ändern. Davor - ob in Antike, Mittelalter oder Früher Neuzeit - war es eigentlich die Regel, dass Frauen ihre Kinder mit der Hilfe einer Hebamme in ihrem Zuhause zur Welt brachten.

Hätte Stephanie Happe so zum Beispiel in den 1920er-Jahren gelebt, wäre die Hausgeburt vermutlich nicht spontan gewesen, sondern von vornherein so vorgesehen. Und vermutlich wäre es die Cappenberger Hebamme Wilhelmine Richter gewesen, die der kleinen Mathilda auf die Welt geholfen hätte. In den Jahren 1884 bis 1946 war sie bei über 2000 Geburten in Cappenberg dabei, wie ihre Tagebücher, die im Selmer Stadtarchiv liegen, belegen. Auch in ihrer Zeit war es eigentlich selbstverständlich, dass sie die Frauen zu Hause betreute. Zu Fuß ging sie zu den werdenden Müttern - und hatte auch unter den Ärzten bald ein Ansehen. Bei ihrer letzen Geburt im Oktober 1946 verlangte ein Gynäkologe sogar explizit nach der damals 87-Jährigen. „Holt Frau Richter hierher“, soll er gesagt haben, als die Geburt losging.

„Notarzt hätte da auch nichts machen können“

Die Hausgeburt war damals eine alltägliche Szene in einer Großfamlie. Heute ist das anders, wie die Geschichte von Mathilda zeigt.

Bei der Familie Happe aus Cappenberg ist der Adrenalinspiegel mittlerweile wieder gesunken - immer noch strahlen die stolzen Eltern aber, wenn sie von der außergewöhnlichen Geburt der kleinen Mathilda sprechen. Ein schlimmes Erlebnis, so sagen sie, war die spontane Hausgeburt für sie absolut nicht. Dass die Stephanie Happe vor ihrer jüngsten Tochter schon drei Kinder zur Welt gebracht hat, sei für die Situation bei Mathildas Geburt aber natürlich ein Vorteil gewesen. „Wenn sie unser erstes Kind gewesen wäre, hätten wir bestimmt den Notarzt gerufen oder so“, sagt die 37-Jährige. Das sei ihr in der Nacht aber jetzt gar nicht erst in den Sinn gekommen.

Christian und Stephanie Happe sind die Eltern von der kleinen Mathilda. Bei der spontanen Hausgeburt wurde der Familienvater zum Geburtshelfer.

Christian und Stephanie Happe sind die Eltern von der kleinen Mathilda. Bei der spontanen Hausgeburt wurde der Familienvater zum Geburtshelfer. © Marie Rademacher

„Warum auch?“, fragt Edina Lippe-Borrmann, die Hebamme der Happes vom Geburtshaus in Werne. Ein Notarzt sei in so einer Situation sowieso nicht der richtige Helfer gewesen. Sondern eben sie als Hebamme. „Uns kann man Tag und Nacht anrufen“, sagt sie. Selten gehe es ja so schnell wie bei den Happes. Vielleicht einmal im Jahr, so schätzt sie, erlebt sie einen solchen Fall.

Im Geburtshaus in Werne gehören auch geplante Hausgeburten zu den angebotenen Leistungen. Nur vier bis fünf Frauen, so erklärt sie weiter, entscheiden sich durchschnittlich im Jahr für diese Art der Geburt. Auch Edina Lippe-Borrmann sagt: „Es sind ganz bestimmte Frauen, die sich dazu entscheiden.“

Hinzu kommt, dass es gar nicht mehr so viele Hebammen gibt, die überhaupt die Betreuung einer Hausgeburt anbieten. Die beiden Selmer Hebammenpraxen - die Hebammerei in Bork und die Parxis von Annette Höning - haben sie zum Beispiel nicht im Angebot. Für die Hebammen, so erklärt Jaqueline Stratmann, sei das oft nicht drin. Der hohe Beitrag zur Haftpflichtversicherung, der dann anfiele, die ständige Erreichbarkeit, die schlechte Planbarkeit von Freizeit und Urlaub seinen die Hauptgründe, warum sich Hebammen dagegen entscheiden.

Immer weniger Hebammen und Geburtsstationen

Der zusätzliche allgemeine Mangel an Hebammen, über den zuletzt die Krankenkasse AOK in einer Studie festgestellt hat, und das Schließen vieler kleinerer Geburtsstationen hat nach Ansicht von Jaqueline Stratmann zudem eine politische Dimension. Gerade auch mit Blick auf die Häufigkeit von ungeplanten Hausgeburten wie bei den Happes in Cappenberg.

Mathilda ist nicht das erste Kind in der Cappenberger Familie Happe. Elias (10), Anna (8) und Jonas (3) sind ihre stolzen Geschwister.

Mathilda ist nicht das erste Kind in der Cappenberger Familie Happe. Elias (10), Anna (8) und Jonas (3) sind ihre stolzen Geschwister. © Stepahnie Happe

„Ich glaube ehrlich gesagt, dass es – wenn die Politik nichts dagegen tut – demnächst häufiger zu ungeplanten Hausgeburten kommt. Die Entfernungen zu den Kliniken werden einfach immer weiter. Die ganzen kleinen Abteilungen – jetzt zum Beispiel in Haltern, Lüdinghausen, Werne, Dülmen sind alle schon länger geschlossen. Alles, was unter 700, 750 Geburten liegt, lohnt sich finanziell nicht. Dann bleiben irgendwann nur noch die großen Kliniken und die sind in der Regel etwas weiter weg. Beim ersten Kind hat man meistens noch Zeit – beim zweiten, dritten oder vierten Kind kann es aber so schnell gehen, dass dieser Weg zu weit sein könnte. Das wird irgendwann echt ein Problem werden“, sagt sie.

Edina Lippe-Borrmann sieht das ein bisschen anders: „Das ist eher in Bayern ein Problem. In NRW noch nicht wirklich.“

Die eilige Mathilda jedenfalls hat alles gut überstanden und schläft immer noch ruhig, als ihre Mutter sie hochnimmt und zärtlich im Arm wiegt. Eine echte geborene Cappenbergerin ist sie. Und das können nicht viele von sich behaupten.

Zur Geschichte der Geburtenkultur in Deutschland

  • Über die Geburtenkultur in Antike und Vorzeit ist wenig bekannt.
  • Die historische Forschung zeigt aber, dass Heilkunde im Allgemeinen und die Geburtshilfe im Besonderen im Mittelalter und noch bis ins 19. Jahrhundert Frauensache war. „Frauen waren insbesondere in der Geburtshilfe und Frauenheilkunde aktiv tätig, zu der männliche Ärzte und Chirurgen aus Gründen der Scham im Normalfall jahrhundertlang keinen Zutritt hatten“, schreibt der Historiker Rainer Pöppinghege.
  • Das begann sich erst durch Aufklärung und Urbanisierung zu ändern - aber sehr langsam. Die Weichen für eine Medikalsisierung wurden gestellt. Außerdem bildeten sich verschiedene Facharztrichtungen erhaus.
  • In der Geburtshilfe tauchen Ärzte aber erst vergleichsweise spät auf. „Die Geburt mi Hilfe einer Hebamme war weit bis ins 20. Jahrhundert der Regelfall, erst nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine zunehmende Hospitalisierung zu beobachten“, so Pöppinghege.
  • Im 18. Jahrhundert entstanden auch sogenannte Accouchiranstalten, also Gebäranstalten. Aber: „Frauen, die die Wahl hatten, entschieden sich fast immer für die Hausgeburt, bei der ihnen Hebammen oder andere Frauen halfen, da ide ersten Geburtshäuser aufgrund der hohen Sterberate einen schlechten Ruf genossen.“
  • Seit den 1930er-Jahren tauchen in der deutschen Geschichten vermehrt Gynäkologen auf. Und im Laufe der 50er- und 60er-Jahre hat sich die Medizin dann endgültig in die Geburtshilfe gemischt. Eindeutige Zahlen gibt es nicht, aber die Klinikgeburt ist seit den 70er-Jahren in Deutschland der Normalfall.

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