Besinnlich wird das Weihnachtsfest 2020 auch bei Familie Andrews in Selm. Gefeiert wird im kleinsten Kreis. Für den Musiker und Komponisten war das Coronajahr auch sonst sehr viel ruhiger als ursprünglich geplant. © Andrews
Interview

Pop-Star aus Selm: Corona bremste Chris Andrews „von 100 auf Null“

Eigentlich hatte Chris Andrews es aufgegeben „in Ruhestand zu gehen“. Corona zwang den Wahl-Selmer zu einer Vollbremsung. Aber es gibt auch gute Nachrichten für seine Fans.

Musiker und Künstler hat die Pandemie besonders hart getroffen. Die meisten Konzerte und Veranstaltungen mussten 2020 abgesagt werden. Der Pop- und Schlager-Star und Komponist Chris Andrews lebt zusammen mit seiner Frau Alexandra seit Jahren in seiner Wahlheimat Selm.

Im Interview mit unserem Reporter Matthias Stachelhaus erzählt der weltbekannte Künstler von einer erzwungenen Vollbremsung im Krisenjahr, was ihm gegen den Corona-Blues hilft und von Plänen für Nachholkonzerte, auch in Olfen und für Selmer.

Sie haben 2018 im Gespräch mit meiner Kollegin Marie Rademacher mal gesagt, dass Sie den Versuch „in Ruhestand zu gehen“ aufgegeben haben. Das sei so langweilig. Wie haben Sie das Jahr 2020 erlebt? Das war ja quasi eine erzwungene Vollbremsung, für die gesamte Gesellschaft, besonders auch für Künstler und Musiker.

Ja, genau, das habe ich gesagt. Seit ich 11 Jahre alt bin, stehe ich auf der Bühne, bin im Studio oder komponiere. Ich konnte mir nie vorstellen, das eines Tages nicht zu machen. Jetzt wurde ich Anfang des Jahres, wie viele andere auch, dazu gezwungen und das war anfangs schlimm.

Sonst sind wir 80.000 Kilometer im Jahr und mehr zu den Auftritten und zurück gefahren. Und wenn wir zu Hause waren, war ich im Studio und wir haben uns auf den nächsten Gig vorbereitet.

Dann durfte man beim ersten Lockdown und auch jetzt nur wenige Leute treffen, geschweige denn, mal eben nach England fahren. Ich wusste zunächst gar nicht, was ich mit der Zeit anfangen sollte. Das ist für alle nicht einfach. Dennoch habe ich durch Corona auch gelernt, einmal einen Gang runter zu schalten und auch mal ganz abzuschalten und das, was wichtig ist, zu genießen.

Nun stand ich fast ein Jahr nicht mehr auf der Bühne. Ich habe gelernt, den Garten zu genießen, in Ruhe und ohne Stress zu komponieren, was ja eigentlich mein Hauptberuf ist, und meine Frau mit der Reittherapie zu unterstützen.

Der Druck, ständig unterwegs und auf der Bühne sein zu müssen, ist einfach weg. Und ich habe gelernt, mich auch mal auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das hätte ich vor Corona nicht gedacht. Aber die Fans und das Glücksgefühl auf der Bühne fehlen mir manchmal schon.

Wir müssen trotzdem vorsichtig und zuversichtlich sein. Die Gesundheit geht vor. 2020 war für viele Leute im Showgeschäft eine Katastrophe. Nicht nur für die Künstler, sondern auch für Techniker, Veranstalter, Agenturen, Hallen, Designer – die die Poster und Karten erstellen – und viele mehr. Natürlich auch in vielen anderen Branchen.

Ich hoffe, wenn der Lockdown und der Winter vorbei ist, die Temperaturen steigen – was ja Corona weiter eindämmen soll – und der Impfstoff da ist, dass wir zumindest einige Gigs als kleinere sichere Veranstaltungen Open Air nachholen können.

Sie sind eigentlich viel international unterwegs. Auch das war 2020, wenn überhaupt, nur eingeschränkt möglich. Werden sie das, wenn die Pandemie vorbei ist, nachholen?

Dieses Jahr sind wir von 100 auf Null gefahren. Seit Februar haben wir keinen einzigen Auftritt wahrnehmen können und bis Februar 2021 sind natürlich international auch alle weiteren Auftritte abgesagt. Das tut mir und uns allen natürlich auch fürs Publikum sehr leid.

Und für die Veranstalter. Poster und Karten, sowie Werbungs-Kosten wurden zu Hauf ausgegeben. Monatelange Vorbereitungen und nichts kann stattfinden. Einige Veranstaltungen werden neu geplant und es wird versucht, Ersatztermine zu finden.

Zum Beispiel das große Open Air mit Sweet, Suzi Quatro und mir im Sommer 2021 im Schwarzwald. Ich hoffe, dass so eine Großveranstaltung dann wieder stattfinden kann. Bei kleineren Gigs sehe ich nicht das Problem, wenn die Sicherheit und genug Platz gegeben sind.

2020 spielte Andrews nicht auf vielen Bühnen, sondern meist zu Hause am eigenen Flügel.
2020 spielte Andrews nicht auf vielen Bühnen, sondern meist zu Hause am eigenen Flügel. © Marie Rademacher (A) © Marie Rademacher (A)

Um mal etwas mehr in ihre Wahlheimat Selm zu schauen: Der Osterbeat oder auch das „Stars for Christmas“ in Selm konnten und können nicht stattfinden. Hat sie das besonders betroffen gemacht?

Beide Konzerte sind bei Fans sehr beliebt. Selbstverständlich hat das mich und die eingeladenen Künstler sehr betroffen gemacht. Flüge waren schon gebucht, Karten und Flyer gedruckt.

Die Veranstaltungen hier sind immer ein Dankeschön an die Fans, weil sie, bedingt durch die Größe des Saals und weil wir es hier so möchten, sehr persönlich und intim sind. Fast jeder kennt jeden. Die Künstler sind nah dran und immer zu einem Plausch oder für ein Foto bereit. Es fühlt sich sehr familiär an. Künstler, Techniker sowie Publikum durch die Verschiebung auch hier enttäuschen zu müssen, tut natürlich besonders weh.

Ende November hatten Sie auf ihrer Facebook-Seite geschrieben, dass sie einen neuen sicheren Termin im Mai planen. Diesmal als Open-Air-Konzert. Gibt es hier Neuigkeiten?

Ja, die gibt es! Wir haben lange überlegt, welcher Termin wohl der Beste ist. Welche Location die Sicherste ist und wo eine Veranstaltung stattfinden kann, ohne sie wieder verschieben zu müssen. Wir wollen nicht wieder in enttäuschte Gesichter schauen müssen, wenn man beim Einkaufen jemanden trifft, der eine Karte gekauft hat und auf eine positive Antwort hofft.

Alex und ich sind mit Familie Pilica zu dem Entschluss gekommen, dass wir am 28. Mai ein kleines und sicheres Open Air Konzert auf dem Gelände des Hotel Restaurants zum Steverstrand in Olfen bieten können. Da gibt es eine tolle Atmosphäre, genügend feste Sitze und Platz für Abstand für alle.

Das dann wärmere Wetter ist ja anscheinend coronafeindlich. Ein Open Air mit viel Abstand und nur bis zu 200 Personen dürfte die Lösung sein. Autogramme auf Mund-Nasenschutz habe ich bis jetzt noch nicht gegeben, vielleicht wird das eine Premiere sein. Die Künstler, Techniker, alle Helfer und natürlich auch wir scharren schon mit den Hufen und wir freuen uns wirklich auf diesen Tag. Also alle Kartenbesitzer: streicht euch den 28. Mai rot im Kalender an!

Die fehlende Bühne und der Kontakt zu den Fans ist das eine. Aber die Pandemie hat auch wirtschaftliche Auswirkungen. Viele Künstler kämpfen um ihre Existenzen, weil ein wichtiger Teil der Einnahmen ausbleibt. Machen sie sich Sorgen um die Szene? Wie sieht es für Sie persönlich aus?

Viele Leute aus dem Showgeschäft hat es hart getroffen, zehn Monate nicht einen einzigen Job zu haben. Nervlich und auch finanziell. Das kann sich, glaube ich jeder vorstellen und ich mache mir natürlich Sorgen, wie es mit allem weitergehen soll.

Ich habe das Glück, dass ich als Sänger zwar auf der Bühne stehe, aber ich bin auch Komponist. Ursprünglich sogar. Ich bin also nicht nur von den Auftritten abhängig und dankbar dafür.

Was hilft Ihnen gegen den „Corona-Blues“? Vielleicht haben Sie ja einen Tipp um schlechte Laune zu vertreiben.

Fenster auf, frische Luft, Musik laut stellen und mitsingen! Nein im Ernst, mir persönlich hilft Musik wirklich in jeder Lebenslage. Und die Natur. Wir haben das Glück, dass wir ländlich leben, einen schönen Garten und auch unsere Islandpferde haben. Die müssen natürlich neben der Reittherapie auch bewegt werden. Da kommt man oft an die frische Luft, das macht den Kopf frei und man kommt auf andere Gedanken. Auch dafür bin ich dankbar.

Auch für das Weihnachtsfest müssen wir mit Einschränkungen leben. Welche Pläne haben sie für das Weihnachten mit ihrer Familie?

Normalerweise wird Weihnachten bei uns groß gefeiert. Nun ist das nicht möglich und wir hoffen, die Feiertage im engsten Kreis mit unserer Nichte zu verbringen. Sie ist acht Jahre alt und ein Weihnachtsfest mit leuchtenden Kinderaugen ist doch das Schönste.

Über den Autor
Beruflicher Quereinsteiger und Liebhaber von tief schwarzem Humor. Manchmal mit sehr eigenem Blick auf das Geschehen. Großer Hang zu Zahlen, Statistiken und Datenbanken, wenn sie denn aussagekräftig sind. Ein Überbleibsel aus meinem Leben als Laborant und Techniker. Immer für ein gutes und/oder kritisches Gespräch zu haben.
Zur Autorenseite
Matthias Stachelhaus

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt