Raser vor der Haustür: Wie eine rätselhafte Kiste genervten Anwohnern Gehör verleiht

mlzGeschwindigkeitsmessungen

„Hier wird gerast.“ Das sagen Anwohner des Cappenberger Damms regelmäßig. Gehör fanden sie lange nicht, bis sie das Problem jetzt selbst in die Hand genommen haben.

Cappenberg

, 19.07.2019, 18:42 Uhr / Lesedauer: 2 min

Was ist das? Es ist klein, grau und unscheinbar und hängt neben dem Stamm eines Straßenbaums am Cappenberger Damm: ein rechteckiger Kasten aus Metall, der einem Schlüsselkasten nicht unähnlich ist. Nur eine winzige Aufschrift verrät, das es sich um etwas Anderes handelt - um die lang ersehnte Rettung für genervte Anlieger.

Werner Strabel ist einer von ihnen. Seit fünf Jahren wohnt er in Cappenberg: in der Häuserreihe zwischen Emtingsweg und Immenbrock. Eigentlich eine schöne Wohnlage - wenn der Verkehr nicht wäre.

Polizei sieht keine „deutlichen Ausreißer“

„Die donnern hier entlang“, sagt er: „Tagsüber und nachts.“ Das sei eine echte Lärmbelästigung. Und eine große Gefahr - nicht nur für die vielen Kinder, die dort wohnen, sondern auch für all die anderen, die den Sportplatz besuchten.

„Ich tippe darauf, dass viele sogar 80 Stundenkilometer auf dem Tacho haben“, meint Strabel. Wissen kann er das nicht. Denn Belege fehlen - bislang. Laut Thomas Röwekamp, dem Sprecher der Kreispolizeibehörde, hätten gelegentliche Messungen der Polizei zwar auch Übertretungen zu Tage gebracht, „aber keine deutlichen Ausreißer“. Die glaubt Werner Strabel dagegen täglich zu beobachten. Und zu hören.

Wer kann helfen? Strabel bespricht sich mit seinen Nachbarn und geht zum Amtshaus in Bork. „Das sagte man mir, die Stadt sei nicht zuständig.“ Der Cappenberger Damm sei schließlich eine Landstraße (L810). Strabel geht zum Kreishaus in Unna, der Ordnungsbehörde in Sachen Verkehr. Dort erfährt er, dass es oft einen Unterschied gebe zwischen gefühlter Geschwindigkeit und echter. Eine belastbare Datengrundlage sei nötig. Strabel geht nicht eher nach Hause, bis er die Zusage hat, dass die nötigen Messungen erfolgen.

Impactor misst unauffällig

Eine Woche lang, vom 11. bis zum 18. Juli, hat der Kreis ermittelt, welche Fahrzeuge - Pkw oder Lkw - in welcher Anzahl und mit welchem Tempo über den Cappenberger Damm gefahren sind. Viele Fahrerinnen und Fahrer haben das gar nicht bemerkt - nicht nur, weil sie dafür zu schnell unterwegs waren.

Der Impactor, wie der kleine graue Kasten am Baum heißt, sieht eben gar nicht so aus wie ein herkömmliches Tempomessgerät. Es ist auch nicht darum gegangen, Knöllchen zu verschicken, sondern die Situation besser zu beurteilen. Und Strabel und seinen Nachbarn endlich Glauben zu schenken.

Überraschend deutliches Ergebnis: 26 Prozent zu schnell

„Tatsächlich sind die Fahrzeuge auf der Straße überdurchschnittlich schnell unterwegs“, bestätigt Constanze Rauert, Sprecherin des Kreises Unna. Alle Details der am Donnerstag beendeten Messung lagen ihr am Freitagmorgen noch nicht vor, aber das entscheidende Ergebnis: „26 Prozent aller Fahrzeuge waren schneller als 58 Stundenkilometer unterwegs.“ Erlaubt sind lediglich 50 Stundenkilometer.

Verkehrsexperten sprechen laut Rauert von einer V85-Messung. Dass sich 100 Prozent aller Verkehrsteilnehmer an die Regeln halten, ist ein frommer Wunsch, aber unrealistisch. 85 Prozent sollten sich aber schon daran halten. Das heißt: Wenn bis zu 15 Prozent zu schnell fahren, gilt das noch als normal. „Wenn es aber mehr als 15 Prozent sind, müssen wir handeln“, sagt die Kreissprecherin. In Cappenberg sind es sogar 26 Prozent.

Offen ist noch, wie gehandelt werden wird: vermutlich mit weiteren - dann für die Temposünder - teure Messungen. Vielleicht mit einem stationären Blitzer. Vielleicht mit baulichen Einengungen. Die Fachbehörde im Kreishaus sei dabei, Maßnahmen zusammenzustellen.

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