Ein Bild aus besseren Zeiten - vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Joachim Horn in seinem Reisebüro in Selm. © Marie Rademacher
Corona-Krise

Reisebüros doch geschlossen: Joachim Horn verärgert über 180-Grad-Wende

Muss die Ladentür geschlossen bleiben, oder können er und sein Team weiter persönlich für die Kundinnen und Kunden da sein? Reisebürochef Joachim Horn hatte sich schon zu früh gefreut.

Dass der Lockdown an diesem Mittwoch (16.12.) in Kraft tritt, hatten Kanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs bereits am Sonntag erklärt. Das Öffentliche Leben soll zum Schutz der Menschen vor Ansteckung möglichst zum Erliegen kommen. Die Tücke liegt aber im Detail: Wer darf sein Geschäft geöffnet halten und wer nicht? Die Antwort darauf stellte sich als kompliziert heraus, wie Joachim Horn erfahren musste.

Horn führt sowohl das Depart-Reisebüro an der Kreisstraße in Selm als auch an der Graf-Adolf-Straße in Lünen. Außerdem ist er Vorstandsmitglied des Deutschen Reiseverbandes, der führenden Vertretung der deutschen Reisewirtschaft. Genauso wie seine Kolleginnen und Kollegen aus der Branche war für ihn die Frage entscheidend, ob Reisebüros vom Lockdown betroffen sein würden oder nicht. Es gab gleich zwei Antworten innerhalb von 24 Stunden: erst nein dann ja.

Stadt Lünen gab nur weiter, was das Land schrieb

Bei der Stadt Lünen trafen die beiden sich widersprechenden Antworten jeweils nachts ein, wie Lünens Stadtsprecher Dr. Benedikt Spangardt sagt: „In der Coronaschutzverordnung, die uns am Dienstag um 1.15 Uhr erreicht hat, heißt es in § 11 („Handel, Messen und Märkte, Alkoholverkauf“) im Absatz 2: ,Der Betrieb von nicht in Absatz 1 genannten Verkaufsstellen des Einzelhandels ist untersagt […]“ In einer überarbeiteten Fassung der Coronaschutzverordnung in der Nacht zu Mittwoch ist die entsprechende Stelle geändert: „(2) Der Betrieb von nicht in Absatz 1 genannten Verkaufsstellen des Einzelhandels sowie von Einrichtungen zum Vertrieb von Reiseleistungen ist untersagt […]“

Dass sich die Betroffenen darüber ärgern, „heute eine andere Auskunft zu bekommen als gestern.“ könne er verstehen, sagt Spangardt. Er bittet aber gleichzeitig um Verständnis für die Stadtverwaltung: „Wenn die Kolleginnen und Kollegen Auskünfte geben, dann tun sie das immer nach dem ihnen vorliegenden aktuellen Stand.“ Nicht nur die Reisebüros waren von der 180-Grad-Wende durch das Gesundheitsministerium betroffen, sondern auch die Sonnenstudios.

Horns Mitarbeiter beraten weiter

Horn und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter- in Lünen drei, einschließlich eines Auszubildenden, in Selm fünf, alle seit März in Kurzarbeit – halten jetzt die Türen geschlossen. Für die Menschen seien sie aber nach wie vor da, sagt der Inhaber: „Online, per Telefon, per Videochat.“ Sie registrierten an den Anfragen der Menschen ein Bedürfnis wegzufahren, aber gleichzeitig auch eine große Buchungszurückhaltung.

Sowohl der größte deutsche Reiseveranstalter TUI als auch die Lufthansa hatten im Dezember von einem sprunghaften Anstieg der Buchungen von Flügen nach Übersee, aber auch ins europäische Ausland berichtet, ohne aber konkrete Zahlen zu nennen. Horn relativiert das. Jede Steigerung messen sich an dem vorherigen Niveau, sagt er. „Und da war die Reisebranche jetzt nahe am Nullpunkt angekommen.“

Branche befürchtet Pleitewelle

Die Frühbucher bleiben aus, der klassische Winterurlaub fällt flach, Weihnachtsurlaub sowieso. Es gibt zwar kein grundsätzliches Reiseverbot, die Deutschen werden jedoch angehalten, von nicht zwingend notwendigen Reisen im Inland und in das Ausland bis zum 10. Januar abzusehen. Wenn sich Menschen in Horns Reisebüros überhaupt nach Reisen erkundigten, dann sei das für den Sommer oder Herbst. Buchungen seien aber eher unwahrscheinlich: „Keiner kann sagen, ob und unter welchen Umständen in die verschiedenen Länder gereist werden kann“, sagt Horn.

Im August hatte das Handelsblatt über eine drohende Pleitewelle bei den Reisebüros berichtet. Danach gaben bei einer Umfrage des Deutschen Reiseverbands (DRV) mehr als 60 Prozent der Reisebüros an, dass sie sich unmittelbar von der Insolvenz bedroht sehen. Joachim Horn spricht zwar auch von erheblichen Einschränkungen, „aber ich bin mir sicher, dass wir mit unseren Reisebüros in den nächsten Jahren auch weiterhin für unsere Kunden da sind“.

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Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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