Risse in der Fassade machen Nachbarn der abgerissenen Lutherschule Angst

mlzLutherschule Selm

Erst hatte ihre Hausfassade keinen Schaden. Jetzt ziehen sich Risse durch den Klinker. Dazwischen liegt der Abbruch der Lutherschule. Die Lunaus sehen da einen Zusammenhang, andere nicht.

Selm

, 29.03.2019, 16:47 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie sind von weitem kaum erkennbar: feine Zickzacklinien durch die Fugen der braunen Klinkersteine. Kleine Haarrisse, wie Fachleute sagen. Aber alles andere als eine Kleinigkeit für Wolfgang und Jutta Lunau. „Wir wissen ja nicht, wie schlimm der Schaden für unser Haus wirklich ist“, sagt die Frau. „Und was noch kommen wird, wenn die Bauarbeiten gegenüber erst beginnen“, ergänzt ihr Ehemann.

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Das, was sich auf der anderen Seite der Schulstraße tut, ist für die beiden der Anlass der Risse - und ihrer wachsenden Sorgen. Dabei hatten die Lunaus schon von Anfang an Bedenken. Noch bevor die Abbruchbagger damit begannen, das mehr als 100 Jahre alte Schulgebäude dem Erdboden gleich zu machen, hätten sie sich bei der Stadt gemeldet. „Man muss ja nicht vom Fach sein, um zu befürchten, dass die Erschütterungen durch die schweren Maschinen Auswirkungen haben könnten auf ein nahe stehendes Haus“, sagt Jutta Lunau. Zunächst fühlte sie sich auch noch ernst genommen.

Erstbeweissicherung bescheinigt „augenscheinlich keine Schäden“

Das Planungsbüro Platt hat im Auftrag der UKBS eine Bestandserfassung gemacht. Die Fachleute aus Bochum haben sich dafür 16 Häuser angeschaut auf der Schulstraße der Körnerstraße und auf dem Lutherwegs, auch das Haus Schulstraße 19 der Lunaus. „Erstbeweissicherung“ heißt das in der gutachterlichen Stellungnahme die die Lunaus zusammen mit dem gesamten übrigen Briefwechsel zum Thema Risse abgeheftet haben: inzwischen ein ganzer Ordner.

Das Ergebnis ist kurz und knapp: „Am Gebäude außen augenscheinlich keine Schäden.“ Das Schreiben datiert vom 27. August 2018. Gut zwei Wochen später adressiert das Ehepaar Lunau einen handschriftlichen Brief an die Unnaer Kreis-, Bau- und Siedlungsgesellschaft.

„Das kann doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet jetzt die Risse aufgetreten sind.“
Jutta Lunau

„Hiermit müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass in unserer Fassade durch die täglichen spürbaren Erschütterungen Risse aufgetreten sind“, ist dort zu lesen. Vor dem Abriss der Lutherschule seien sie noch nicht dagewesen. Genau für einen solchen Fall, sagt Jutta Lunau später, dachte sie gut vorbereitet zu sein. Ein Irrtum, meint sie inzwischen.

Schäden auf vier Quadratmeter Klinkerfläche festgestellt

Wieder kommen Gutachter von dem bereits bekannten Unternehmen Platt. Sie bestätigen, dass Schäden aufgetreten seien: verschiedene Risse auf einer Klinkerfläche von vier Quadratmetern. Mehreren Fotos dokumentieren das. Die Schlussfolgerung fällt aber anders aus als von den Eigentümern des Zechenhauses erwartet: „Davon ausgehend, dass der Abbruch einschließlich der Baubeschreibung behördlich genehmigt und der Abbruch den technischen Regeln entsprechend ausgeführt wurde dürften Schäden am Gebäude bei dem großen Abstand nicht entstehen.“ Für sie höre sich das etwas so an wie „was nicht sein darf, das kann nicht sein“, meint Jutta Lunau.

„Das bloße Vorhandensein von Rissen stellt nicht zwangsläufig einen Mangel dar.“
Gutachterliche Stellungnahme vom 6. 11.2018

Richtig in Rage bringt sie und ihren Mann die abschließende Bewertung des Sachverständigen: Aus gutachterlicher Sicht bestehe „kein Zusammenhang zwischen dem Abbruch der Schule und den geringfügigen Schäden in der Fassade.“ Jutta Luna schüttelt den Kopf. 1920 wurde ihr Zechenhaus gebaut, 1981 geklinkert, 2002 haben sie und ihr Mann es gekauft. „Und die ganze Zeit passierte nichts mit der Fassade.“ Dass ausgerechnet während des Abbruchs vor der Haustür die Risse entstehen, könne doch kein Zufall sein.

Ein Problem sei das aber auch nicht, fügt der Gutachter noch in seinem Schreiben hinzu. „Das bloße Vorhandensein von Rissen stellt nicht zwangsläufig einen Mangel dar.“ Für die Lunaus allerdings schon.

Die UKBS, so Geschäftsführer Matthias Fischer, sei interessiert an einem guten Verhältnis zu ihren künftigen Nachbarn, und damit auch zu den Lunaus. Bekanntlich hatte das kreiseigene Unternehmen die ehemalige Schule der Zechenkolonie von der Stadt Selm gekauft und will dort ein Mehr-Generationen-Haus mit bis zu 30 Wohnungen errichten. „Ohne Anerkenntnis einer Schuld“, so Fischer, werde die UKBS die Risse überarbeiten. Er schlägt dafür das dritte Quartal 2019 vor, dann, wenn ohnehin die 15 Monate dauernden Rohbauarbeiten beginnen würden. Aber nicht mit den Lunaus.

Sie wollen keinen Gefallen, sondern die Zusage des in ihren Augen offensichtlichen: „Dass die UKBS verantwortlich ist für die Risse“ - und für mögliche weitere Schäden.

„Wenn es tatsächlich bei den Rissen bleibt, ist doch alles gut“, sagt Wolfgang Lunau. Die könne er notfalls selbst schließen. „Unsere große Sorge ist aber, was passiert, wenn die Risse schlimmer werden bei den bevorstehenden Bauarbeiten.“ Insbesondere der Bau der Tiefgarage lasse erneut schwere Erschütterungen erwarten. „Mir bereitet das schlaflose Nächte“, ergänzt Jutta Lunau. Sie sei chronisch krank, „und die Regulierung eines großen Schadens am Haus könnte unser Ruin sein“.

Die Lunaus fühlen sich alleine gelassen. Während der Bekanntgabe der Bebauungspläne im Januar im Amtshaus hatte das Ehepaar seine Sorgen vorgetragen. Sowohl Bürgermeister Mario Löhr als auch Matthias Fischer, Geschäftsführer der UKBS, hatten damals angekündigt, sich der Sache persönlich anzunehmen. Auf den in Aussicht gestellten Besuch der beiden wartet Jutta Lunau nach wie vor. Dafür kamen am Mittwoch erneut Mitarbeiter des Gutachterbüros Platt.

Dieses Mal hatten die Lunaus einen Fachmann dazu gebeten: Wilhelm Gryzcan-Wiese, Architekt und Stadtplaner aus Selm. Dass er auch einer der Initiatoren des Widerstands gegen den Abbruch der Lutherschule war, weiß Jutta Lunau zwar, aber das sei nicht entscheidend gewesen für sie. „Wir kennen keinen anderen“, sagt sie. Und Gryzcan-Wiese sei so nett gewesen, unentgeltlich zu helfen. Seine Anwesenheit bei dem Termin hat das Gespräch aber nicht leichter gemacht.

Ehepaar freut sich über fachliche Unterstützung

„Man hat mir gleich mitgeteilt, dass ich keine Fragen stellen dürfe“, sagt Gryzcan-Wiese im Gespräch mit den RN. Eine Lösung habe sich nicht abgezeichnet, eher ein neues Problem. Die Sachverständigen des Büros Platt hätten in Frage gestellt, ob 1981 korrekt geklinkert worden sei.

Für die Lunaus scheint die Sache noch lange nicht ausgestanden zu sein. „Wir werden uns jetzt einen rechtlichen Beistand nehmen“, sagt Jutta Lunau.

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