Die Arbeit in der Stadtverwaltung geht weiter, auch wenn verdiente Mitarbeiter in den Ruhestand verabschiedet werden. Aber wer macht anschließend deren Job? Die Antwort kann einfach sein.

Selm, Bork, Cappenberg

, 19.02.2020, 21:39 Uhr / Lesedauer: 4 min

Gerhard Werminghaus: Urgestein der Selmer Stadtverwaltung. Jahrzehntelang hat er maßgeblich daran mitgewirkt, dass in Selm Bau- und Straßenprojekte umgesetzt wurden, die die Politik beschlossen hatte. Seit Dezember 2017 ist er in Rente.

Aber statt den Ruhestand zu 100 Prozent zu genießen, arbeitet er. Nicht unbedingt, wie andere Rentner, nur noch im Garten, im Keller oder im Haus. Sondern zusätzlich im Amtshaus. An dem Ort also, den er eigentlich beruflich für immer verlassen hatte. Warum? Das wollten wir wissen.

Nicht in einem Satz zu erklären

Gerhard Werminghaus schmunzelt, als die Redaktion die Frage nach dem Sinn des Arbeitens im Ruhestand stellt: „Das ist nicht in einem Satz zu erklären.“ Und dann erzählt er im Gespräch mit der Redaktion, wie es kam, dass er einen Teil seiner eigentlichen Freizeit im Büro verbringt.

„Ich lerne immer mehr Leute kennen, die Gleiches tun wie ich. Es scheint, als ob die Lebensarbeitszeit Monat für Monat, Jahr für Jahr weiter nach oben geht. Das Ende mit 67 wird nicht das Ende sein.“ Die Politik starte ja immer mal wieder Versuchsballons, länger als bis 67 arbeiten zu lassen.

Am Tag, als Verkehrsplaner Gerhard Werminghaus offiziell in den Ruhestand verabschiedet wurde, erhielt er das Schild, das der ADAC der Stadt Selm als Dank für die Aktion „(K)ein Schild“ übergeben hatte.

Am Tag, als Verkehrsplaner Gerhard Werminghaus offiziell in den Ruhestand verabschiedet wurde, erhielt er das Schild, das der ADAC der Stadt Selm als Dank für die Aktion „(K)ein Schild“ übergeben hatte. © Mario Bartlewski

Ende Februar 2017 blickte Gerhard Werminghaus nach Ausbildung und Studium sowie seiner langen Dienstzeit auf 47 Arbeitsjahre zurück. „Es war ein erfülltes Arbeitsleben“, sagt der Mann, der lange als Verkehrsingenieur städtebauliche Konzepte in Selm vorangetrieben hat. Doch dieses erfüllte Arbeitsleben war für ihn zu diesem Zeitpunkt noch nicht beendet: „Ich habe dann noch zehn Monate dran gehängt, um einige Projekte selbst abschließen oder halbwegs geordnet übergeben zu können.“

Rentner in der Probezeit

Diese zehn Monate seien noch mal mit hohem Arbeitsaufkommen belegt gewesen: „Bürgermeister Mario Löhr hat eine hohe Schlagzahl in der Stadtentwicklung vorgegeben.“ Gerhard Werminghaus - nach eigenen Worten in den zehn Monaten quasi „Rentner in der Probezeit“ - ging dann mit 66 Jahren, im Dezember 2017, offiziell in den Ruhestand.

„Die Freude darüber war groß“, erinnert sich Gerhard Werminghaus. „Ich hatte endlich mehr Zeit für meine Familie und für mich. Ich konnte plötzlich zu meinen Kindern und Enkelkindern nach Berlin und in die Pfalz fahren, ohne im Kalender zu blättern. Ich konnte spazieren gehen und Rad fahren, ohne auf die Uhr zu schauen. Ich habe Dinge, die ich auf die lange Bank geschoben hatte, einfach machen können. Es war mehr Zeit da, um mit Freunden länger zu verweilen.“

Noch nicht an einer pathologischen Grenze angelangt

Alles das habe er sehr zu schätzen gelernt. „Es war aber nach einem langen Berufsleben harte Arbeit, mal nichts zu tun“, sagt Werminghaus und lacht. Und dann sei etwas passiert, „womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte“, erzählt er. „Einerseits habe ich mich über die neu gewonnene Freiheit gefreut, die ich auch nicht mehr missen möchte. Andererseits habe ich mir auch immer wieder die Frage gestellt: Wenn man seinen Beruf zwangsläufig an den Nagel gehängt hat, gehört man dann auch bald zwangsläufig zum Kreis derer, die intellektuell nicht mehr ganz so bewaffnet sind?“ Er habe dann für sich entschieden: „Allein aufgrund meines Alters - ich war inzwischen 67 - bin ich für die Berufswelt noch längst nicht an einer pathologischen Grenze angelangt.“

Gerhard Werminghaus hat in den vergangenen Jahren viele Radverkehrsprojekte bearbeitet.

Gerhard Werminghaus hat in den vergangenen Jahren viele Radverkehrsprojekte bearbeitet. © Mario Bartlewski (A)

Täglich, so berichtet es Werminghaus, sei ihm all das, was er beruflich gemacht hatte, im Straßenverkehr begegnet. „Dann habe ich überlegt: Du bist jetzt aber nicht mehr dabei.“ Genau in dieser Zeit gedanklicher Auseinandersetzung habe er Bürgermeister Mario Löhr getroffen, der ihn mit seiner Begeisterung für die städtebauliche Entwicklung Selms angesteckt habe. „Da habe ich erst mal realisiert, dass ich an vielen Sachen, die entstanden sind, im Vorfeld mitgearbeitet habe.“ Und als Löhr ihm noch die Projekte genannt habe, die er noch vorhabe, zu realisieren, sei in ihm der Wunsch gereift, in irgendeiner Weise daran mitzuwirken. Denn Themen wie Radverkehrsentwicklung hatte Werminghaus auch vor seinem offiziellen Ruhestand schon maßgeblich bearbeitet.

30 Stunden pro Monat

Der Wunsch von Gerhard Werminghaus ist Realität geworden. Ausgestattet mit einem Arbeitsvertrag, arbeitet er 30 Stunde pro Monat für die Stadtverwaltung. „Das ist das, was ich leisten kann, ohne meine Freiheit völlig durcheinander zu bringen.“ Seit März 2019 sei er schwerpunktmäßig mit der Verbesserung des Radverkehrs an der Seite von Julia Schmidt, die verantwortlich für den Bereich Umwelt und Mobilität bei der Stadtverwaltung Selm ist, betraut.

Handwerkskoffer voller Wissen und Erfahrung

Werminghaus ist ins Amt zurückgekehrt in einer Zeit, in der das Thema Mobilität an Bedeutung auch in Selm gewinnt. Dabei könne er seinen Handwerkskoffer wieder öffnen, sagt Gerhard Werminghaus schmunzelnd. Und in diesem Koffer seien Wissen und Erfahrung. Er nehme die Herausforderungen gern an, habe Spaß an der Arbeit. Und er übernimmt wieder Projekte, die er bereits kannte. Zum Beispiel die für Herbst avisierte Ertüchtigung der jetzigen Bedarfsampel an der Einmündung B236/Gutenbergstraße. Planungen dazu seien nach seinem Eintritt in den Ruhestand offenbar liegengeblieben.

Zusammen mit Julia Schmidt zukunftsweisende Projekte

Werminghaus und Julia Schmidt haben aber auch andere Projekte, die zukunftsweisend sind: Fahrradstraßen zum Beispiel.

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Ob es Projekte sein werden, die Selm überregionales mediales Interesse bescheren wie im Mai 1998 die Aktion „(K)ein Schild“, bleibt abzuwarten. Damals waren in Selm, auch auf Initiative von Gerhard Werminghaus, Verkehrsschilder verhüllt worden, die nach Meinung von Experten wie dem ADAC überflüssig waren. Letztendlich hatte Selm nach der Aktion 471 Schilder weniger. Diese Aktion nennt Gerhard Werminghaus einen Höhepunkt seines Berufslebens.

Gerhard Werminghaus hat in seiner Zeit als Verkehrsplaner viele Gespräche auch mit Bürgern geführt.

Gerhard Werminghaus hat in seiner Zeit als Verkehrsplaner viele Gespräche auch mit Bürgern geführt. © Tobias Weckenbrock (A)

Aber auch die aktuellen Projekte machen ihm Freude, wie Gerhard Werminghaus zugibt. Diese Freude ist die Motivation, im Ruhestand wieder zur Arbeit zurückzukehren. Wie lange er das noch machen möchte? Antwort: „Ende des Jahres läuft mein Vertrag aus.“ Subtext: Mal sehen, was dann kommt...

Aktive Ruheständler in der Verwaltung sind offenbar unverzichtbar. Bürgermeister Mario Löhr jedenfalls sagt auf Anfrage der Redaktion zu dem Thema: „Neben den normalen Einstellungen von Auszubildenden müssen wir aufgrund des hohen Altersdurchschnitts und dem damit auch verbundenen Ausscheiden von Mitarbeitern regelmäßig Stellenausschreibungen durchführen.“

Ausfallzeiten vermeiden

Die Vielzahl der einzelnen Projekte bedeuten laut Löhr erhöhten Personaleinsatz. „Neben der Einarbeitungsphase der neuen Beschäftigten wollen wir mit den aktiven Ruheständlern Ausfallzeiten vermeiden.“

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Auch die langjährigen Erfahrungen der Mitarbeiter wolle die Stadtverwaltung weiterhin nutzen. „Die neuen Mitarbeiter brauchen auch eine gewisse Einarbeitungszeit und sie können durch die Unterstützung der Ruheständler mehr Informationen und Hilfestellungen erhalten“, führt der Bürgermeister aus.

„Bei den Besetzungen der frei werdenden Stellen ist es uns bisher immer gelungen, gutes Personal für die Stadt Selm intern oder extern einzustellen“, so Löhr. „Wir merken aber auch, dass der Personalmarkt für die technischen Berufe immer schwieriger wird und Mitarbeiter schwer zu finden sind.“

Neben Gerhard Werminghaus beschäftigt die Stadt noch zwei weitere Mitarbeiter im Ruhestand. Derzeit hat die Stadt insgesamt 197 Beschäftigte.

OECD-Studie In einer neuen OECD-Studie werden politische Anstrengungen gefordert werden, um ältere Menschen in Arbeit zu halten oder zu bringen, wie der Spiegel jüngst berichtet hat. Passiere dies nicht, könnten im Jahr 2050 auf 100 Erwerbstätige bereits 58 Ruheständler und Nichterwerbstätige im Alter „50 plus“ kommen, zitiert das Magazin aus der Studie. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 seien auf 100 Arbeitnehmer 42 Ruheständler und Nichterwerbstätige im Alter von über 50 Jahren gekommen. In der Studie werden konkrete Vorschläge genannt, um diesen Anstieg deutlich zu bremsen und Hürden abzubauen, die Menschen vom Arbeiten im Alter oftmals abhalten.
  • Arbeiten im Alter sollte demnach belohnt und Altersdiskriminierung abgebaut werden. Arbeitgeber sollten ermutigt werden, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einzustellen oder im Unternehmen zu halten.
  • Menschen, egal welchen Alters, sollten für den Arbeitsmarkt attraktiv bleiben und dazu selbst beitragen, etwa durch lebenslanges Lernen.
  • Menschen in jeder Lebensphase sollte es leicht gemacht werden, arbeiten zu gehen - etwa durch flexible Arbeitszeitmodelle, von denen oft gerade ältere Menschen und junge Mütter profitieren.
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