Selmer Arzt: „Für die Fehler der Politik vor deren Karren gespannt“

Impfung

Allgemeinmediziner Dr. Frank Vorspohl ist mit der Impfstrategie, die der Bund vorgibt, nicht einverstanden. Unnötig riskant sei das. Damit spricht er vielen seiner Kollegen aus der Seele.

Selm

, 18.05.2021, 19:35 Uhr / Lesedauer: 2 min
Dr. Frank Vorspohl fühlt sich als "Spielball der Politik".

Dr. Frank Vorspohl fühlt sich als "Spielball der Politik". © Vorspohl

Ab dem 7. Juni soll sich jeder, unabhängig von der bisherigen Priorisierung, impfen lassen können. Die Hausärzte, die dem zu erwartenden Ansturm gerecht werden sollen, würden zum „Spielball der Politik“, sagt Dr. Frank Vorspohl, Allgemeinmediziner mit Praxis an der Ludgeristraße. „Die Politik sagt impfen, impfen, impfen, aber aktuell fehlt es einfach an geeignetem Impfstoff dafür.“

Das Problem: Biontech, das zurzeit unter den in Deutschland verfügbaren Impfstoffen am besten abschneidet, sei nicht in ausreichender Menge vorhanden. Zwar bekam Vorspohl für seine Praxis in der vergangenen Woche 46 Impfdosen, darunter 36 mit dem Impfstoff Biontech, geliefert (der Rest enthielt Astrazeneca), doch der soll nun für die Zweitimpfung der priorisierten Impflinge verwendet werden. Für alle anderen Impfwilligen bleibt Astrazenca. Und das wiederum sollte, zumindest gemäß der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), nur an Menschen, die älter als 60 Jahre sind, verimpft werden.

Risiko für Jüngere

Denn: „Nach der Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff sind Fälle von Blutblättchenarmut in Kombination mit thrombotischen Ereignissen aufgetreten“, heißt es auf einem aktuellen Informationsblatt des Robert-Koch-Instituts. Aufgefallen seien vor allem Hirnvenenthrombosen. Mit Stand vom 15.4. sind die bei 59 von von 3,7 Millionen Geimpften aufgetreten. „Einige davon sind tödlich verlaufen“, heißt es. Und: 95 Prozent der gemeldeten Nebenwirkungen traten bei Personen unter 60 Jahre auf.

Deswegen hatte sich Vorspohl mit seinen Selmer Ärztekollegen auf einen Mittelweg zwischen der Empfehlung der Politik und der der Impfkommission geeinigt: Astrazeneca-Impfung nur für Über-40-Jährige.

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Bitte um Geduld

Durch den Kurs der Politik, Astrazeneca für alle freizugeben, erhöhe sich das Risiko unnötig, so Vorspohl. Und dass die Nachfrage durch diesen Kurs steigt, sei klar:„Viele wollen ja nicht aus Angst vor Covid geimpft werden, sondern weil sie reisen oder in den Biergärten sitzen wollen“, sagt er. „Aber das vertretbare Risiko sollten die Fachleute, also die Stiko, entscheiden und nicht die Politik. Die Stiko-Sichtweise sollte über die der Politik gestellt werden. Wir werden dann nämlich für die Fehler der Politik vor den Karren gespannt.“

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Die Politik mache Versprechungen, die die Ärzte dann halten sollen. Impfen um jeden Preis und das mit kürzeren Abständen, das sei in diesem Maße einfach nicht vertretbar.

An seine Patienten appelliert Vorspohl, ihm weniger Druck zu machen und bittet um mehr Geduld. Die flächendeckende Impfung brauche eben ihre Zeit. „Provoziert von der Politik werden die Bitten um Impfung aber immer dringender und drängender“, sagt er.

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