Selmer nehmen nächtliches Eis-Bad im Ternscher See

Aus Tradition

0.30 Uhr in der Nacht zu Dienstag, minus 7 Grad Lufttemperatur, die Temperatur des Ternscher Sees gerade im Plusbereich - da haben zwei Selmer erstmal ein Bad genommen. Dahinter steht kein Leichtsinn, keine Wette, kein außergewöhnliches Hobby - sondern eine Tradition. Was die mit Sünden zu tun hat, erklären wir hier.

SELM

, 19.01.2016, 20:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Es war ziemlich kalt“, gibt auch Viktor Knaub zu. Trotzdem ist er mit seinem Freund baden gegangen. Tradition ist eben Tradition. Am 19. Januar wird in Russland ein Fest gefeiert, das wörtlich übersetzt „Taufe“ heißt. Es erinnert an die Taufe Jesu. Wohl hunderttausende Menschen orthodoxen Glaubens steigen dabei in eisige Gewässer.

Geistliche haben ab Mitternacht alle Gewässer gesegnet. Das gilt wohl auch für den Ternscher See, vermuten Knaub und sein Kumpel. Ein Bad in den eisigen Fluten soll von allen Sünden reinwaschen. „Das machen in Russland alle orthodoxen Christen“, sagt der 24-Jährige.

Tradition von Eltern übernommen

Er und Andreas Maul sind zwar in Selm aufgewachsen, haben die Tradition aber von ihren Eltern übernommen. Seit ein paar Jahren steigen sie an diesem Tag kurz nach Mitternacht in den Ternscher See.

In Russland wird dazu meist ein kreuzförmiges Loch mit einer Motorsäge ins Eis gesägt. Von kurz nach Mitternacht bis 1.30 Uhr in der nächsten Nacht können die Menschen sich dann von ihren Sünden reinwaschen.

"Beim dritten Mal willst du nur noch raus"

Am Ternscher See hatten es die beiden Selmer da leichter. Der war in den vergangenen Jahren nie bis zum Rand zugefroren. Keine Säge nötig. Etwas Überwindung kostet es aber schon. Denn abgetaucht wird nicht etwa im Neoprenanzug. Drei mal muss man untertauchen mit dem Kopf unter Wasser, erklärt Viktor Knaub. Nach jedem Untertauchen bekreuzigen sich die Gläubigen. „Beim zweiten Mal kannst du eigentlich schon nicht mehr“, sagt Andreas Maul. Das kalte Wasser tut weh. „Beim dritten Mal willst du nur noch raus“, erzählt Knaub.

Das haben die beiden dann auch schnell gemacht. Nach dem Eisbad müsse man sich nur schnell abtrocknen und dann wieder anziehen. Füße und Finger seien dann ziemlich kalt, aber der Körper werde ganz schnell ziemlich heiß, erzählt Viktor Knaub.

Schnell ins warme Auto

Erkältet haben sich die beiden vom eisigen Bad noch nie, erzählen sie. Und das, obwohl die Russen das Eisbaden meist vorher üben, um sich abzuhärten. Die beiden Selmer belassen es bei einem Eisbad im Jahr. Höchstens nach einem Saunagang ginge es unter die kalte Dusche, sonst bleibt die lieber warm.

Nach der eisigen Taufe im Ternscher See ging es für die beiden Selmer schnell ins warme Auto und nach Hause – von allen Sünden reingewaschen und mit gutem Gefühl, wie Viktor Knaub erzählt. „Man schläft eigentlich ziemlich gut.“

Hintergrund
Das christliche Fest "Epiphanias" bzw. "Epiphanie" ("Erscheinung des Herrn") ist bei uns besser als "Heilige Drei Könige" bekannt. In den Ostkirchen wird das Fest jedoch als Tag der Taufe Jesu und Offenbarung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit begangen. Durch unterschiedliche Kalender wird dieser Tag dort auch nicht am 6. Januar, sondern am 19. Januar gefeiert. In slawisch geprägten Ländern gibt es dann Prozessionen zu einem Gewässer, das zunächst geweiht und in das anschließend gestiegen wird.
Wie das genau aussieht, verdeutlicht dieser . 

 

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