Selmerin findet ihr Glück in der weiten Welt

Auswanderin auf Heimaturlaub

SELM. Einst radelte Uschi „Dee“ Grahn durch Selm und Umgebung, Wasserfarben und Zeichenblock im Korb, und brachte die Schönheit der Natur zu Papier. Heute ist Neuseeland ihre Heimat und die ganze Welt ihr Atelier. Die Auswanderin ist zurzeit auf Heimaturlaub und blickt zur+ck auf ein bewegtes Leben, das sie auch nach Afghanistan führte - als Model.

SELM

von Arndt Brede

, 26.08.2017, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Dee Shireman hat einst Selm verlassen und ist in die Welt gezogen. Jedes Jahr besucht sie in Selm ihren Vater. Um dann wieder in ihre jetzige Heimat Neuseeland zurückzukehren. RN-Foto/Repros Brede

Dee Shireman hat einst Selm verlassen und ist in die Welt gezogen. Jedes Jahr besucht sie in Selm ihren Vater. Um dann wieder in ihre jetzige Heimat Neuseeland zurückzukehren. RN-Foto/Repros Brede

Dies ist die Geschichte einer mutigen, talentierten, positiven und gläubigen Frau. Das Gespräch mit dem RN-Reporter läuft dort, wo sie sich am liebsten aufhält: inmitten der Natur. Das war ihr Wunsch. Also: Gesprächstermin im Schlosspark Cappenberg. „Ich bin hier in Selm zur Schule gegangen, in die damalige Hermannschule“, erzählt sie. „Eine schöne Jugend. Wir haben Ausflüge unternommen, waren im Ternscher See schwimmen, gingen zu Harri Jakobi in die Disco. Ich liebe die ländliche Umgebung, die engen Straßen, Burgen und Schlösser.“

Dann kam die Zeit der Beatles mit Love, Peace and Flower-Power, das Ziel Indien. Dee kaufte sich ihr erstes Auto, einen VW-Käfer, Baujahr 1957 („Für 80 Mark“). „Meine Reise ging nach Indien. Ich war gerade mal zwanzig und meine Eltern wollten mich eigentlich nicht allein losfahren lassen. Deshalb war ich ganz überrascht, als sie mir dann doch lächelnd winkend ihren Segen gaben.“ Viele Jahre später erfuhr sie, warum. „Mein Vater hatte den Käfer zu einem Bekannten in die Inspektion gegeben, und der hat gesagt: Keine Angst, mit der alten Kiste kommt sie aus Deutschland nicht raus. In ein paar Tagen ist deine Tochter wieder zu Haus!“ Von wegen – der Käfer tat, was er laut Werbeslogan tun sollte: Er lief und lief und lief. „Über Berge, durch Täler und Überschwemmungen, durch Wüste und sogar in einem Wirbelsturm, über Buckelpisten ist er gefahren, bis Indien“, berichtet Dee und lacht.

Wie sie sich finanziert hat? „Ich habe mir Taschengeld als Model verdient, wurde durch ganz Afghanistan gefahren, um in traditioneller Kleidung fotografiert zu werden. Meinen 21. Geburtstag habe ich in Bamyan bei den riesigen Buddhas gefeiert. Auch habe ich Kontakte geknüpft mit einheimischen Frauen, die nach meinen Entwürfen handbestickte Kleider schneiderten, die ich, als ich schließlich in Kanada landete, in meiner kleinen Boutique in Vancouver verkaufte.“

Wenige Jahre später, 1977, traf sie in Vancouver auf eine Handvoll junger Leute, deren Idee war, Wege zu finden, um Wale zu retten. Das Motto war „Save the whales“. „Wir machten uns also auf nach L.A. und mieteten die erste Greenpeace-Adresse. Mein kleiner Beitrag war, Wale zu zeichnen für die ersten Poster und Briefköpfe und das Konzept in Hawaii vorzustellen. Wie es das Glück wollte, fand dort gerade ein Surfwettbewerb statt und die Poster konnten gut verteilt werden. The rest is history.“ In der Tat: Der Rest ist Geschichte. So kam es, dass aus dem Häufchen derer, die Wale retten wollten, die weltumspannende Organisation Greenpeace entstehen konnte.

Dee hat es dann weiter in die Welt gezogen: „Ich bin nach Neuseeland ausgewandert.“ Warum? „Weil mein Kindheitstraum war, auf einer warmen Insel zu wohnen.“ Und so lebt sie seitdem auf Waiheke Island, 30 Minuten mit der Fähre von Auckland entfernt. „Es ist eine interessante kleine Insel, mit multi-nationalen Bewohnern, darunter Künstlern, Musikanten, Maoris und Millionären. Mit sandigen Buchten, Weingütern und Oliven-Plantagen. Noch ohne Hotels! Wir vermieten unsere Gästezimmer an Touristen.“ Ihre Mailadresse: waihekedelmar@gmail.
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Auf dieser kleinen Insel baute sie sich ein neues Leben auf, eröffnete wieder eine Modeschule („In meinem Wohnzimmer“), ist vor und hinter der Kamera zu finden, liebt ihren Garten, renoviert Häuser und malt, malt, malt.

Aber woher hat Dee, die einst aus dem kleinen Selm wegzog, diese Lust, die weite Welt zu sehen? „Von meinen Eltern. Sie sind anfangs mit ihrem Motorrad, mit mir und meinem Bruder im Beiwagen, los in die Natur. Später hatten wir ein Auto und fuhren jedes Wochenende irgendwo hin und haben gezeltet, am Lagerfeuer gesessen und Volkslieder gesungen. Eine wunderbare Zeit.“

Was Neues sehen, was Anderes sehen, offen sein, das Leben genießen: Was die Eltern in ihr Herz gesät haben, erntet Dee heute. „Ich bin glücklich; ich habe mein Paradies auf meiner kleinen Insel gefunden“, sagt sie. Ihre Augen strahlen.

Sie strahlen, wie die Bilder, die sie malt. Auch so ein Talent, das ihre talentierten und handwerklich begabten Eltern ihr quasi in die Wiege gelegt haben. Dees Bilder haben bunte Farben. Was sie aber auch haben: Tiefe. Und zwar aus jeder Perspektive. Wie man sie auch betrachtet, quer hängend oder hochkant. „Deshalb signiere ich meine Bilder auch nicht. Man kann sich selbst aussuchen, welche Seite man am liebsten mag.“

Da ist er also irgendwie: der Begriff der Freiheit. Diese Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden, lässt sie auch den Betrachtern ihrer Bilder. Bilder, die sie malt, wo sie gerade ist. Jetzt, während ihres jährlichen Aufenthaltes in Selm bei ihrem Vater, hat sie auch wieder Bilder gemalt. Wie Wolken. Wie Ozeane. Motive mit dieser gewissen Weite, die sie so liebt. Vier dieser Bilder zeigt sie Anfang September im Atelier des Olfener Künstlers Heino Blum. „Es ist mir eine Ehre, und ich bin sehr dankbar, dass Heino Blum mir erlaubt, vier meiner neuen Bilder zusammen mit seinen wundervollen lyrischen Kunstwerken während seiner Ateliertage auszustellen.“ Und zwar am Samstag, 2. September, und Sonntag, 3. September, jeweils von 11 bis 17 Uhr im Atelier Neustraße 9 in Olfen.

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