Selms Schulen arbeiten enger zusammen für gute Förderung und gegen Abwanderung

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70 Selmer Viertklässler sind 2018 auf eine weiterführende Schule außerhalb Selms gewechselt. Mit Angeboten, die es nur in Selm gibt, wollen Gymnasium und Sekundarschule den Exodus stoppen.

Selm

, 29.01.2019, 05:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Manche Viertklässler und Eltern kennen es schon. Andere werden es spätestens zum Halbjahreswechsel am 8. Februar kennenlernen: das neue Selmer Übergabeprotokoll, ein mehrseitiges Papier, das detailliert die Qualifikationen des jeweiligen Kindes in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch aufzeigt.

Selmer Lehrerinnen und Lehrer sowohl der örtlichen Grundschulen als auch der weiterführenden Schulen haben es entwickelt – als Hilfestellung sowohl für die Eltern bei der Schulwahl als auch für die aufnehmende Schule bei der der Förderung der Neuankömmlinge. Das sei „ein echtes Alleinstellungsmerkmal“ für die weiterführenden Schulen in Selm, sagt Ulrich Walter, Schulleiter des Städtischen Gymnasiums.

Neu ist auch die noch intensivere Zusammenarbeit zwischen Gymnasium und Sekundarschule, die Ulrich Walter und seine Kollegin Karin Vogel, Leiterin der Sekundarschule, dem Schulausschuss in seiner jüngsten Sitzung vorgestellt haben. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten dazu zusammengestellt.

? Welche weiterführenden Schulen gibt es überhaupt in Selm? Das 1989 gegründete Städtische Gymnasium und die 2014 eröffnete Selma-Lagerlöf-Sekundarschule: eine Ganztagsschule, deren Träger ebenfalls die Stadt ist. Neben dem Abitur können Jugendliche damit auch alle Schulabschlüsse der Sekundarstufe I in Selm erwerben. Die Hauptschule und Realschule laufen in diesem Jahr aus.

? Müssen sich die Eltern von Grundschulkindern schon jetzt entscheiden, ob ihr Kind einmal Abitur machen soll oder nicht? Wenn sie ihr Kind zum Gymnasium schicken, ist der geplante Bildungsabschluss damit vorgegeben: Abitur. Wenn sie sich für die Sekundarschule entscheiden, bedeutet das aber nicht, dass das Abi ausgeschlossen ist. Im Gegenteil. Neben der frühen Berufsorientierung gilt die Vorbereitung auf die gymnasiale Oberstufe als ein Schwerpunkt der Selma-Lagerlöf-Schule. Die möglichen Bildungswege bleiben dort nur länger offen. In den Jahrgängen 5 und 6 sind alle Kinder noch gemeinsam im Klassenverband unterwegs. Erst danach beginnt schrittweise die Differenzierung. Ab der neunten Klasse lernen Jugendliche, die sich für die Hochschulreife interessieren, die Kooperationsschule besser kennen, das Städtische Gymnasium, zu dem sie nach der zehnten Klasse wechseln können.

? Wie ist der Übergang geregelt von der Sekundarschule zum Gymnasium? Erfahrungswerte gibt es noch nicht. Die ältesten Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule sind gerade erst in der neunten Klasse. Rund 60 von ihnen – und damit knapp die Hälfte des Jahrgangs – hatten Ende des Jahres an Informationsveranstaltungen über die gymnasiale Oberstufe teilgenommen. Bei diesem einmaligen Austausch wird es nicht bleiben.

? Wie wollen die weiterführenden Schulen konkret enger zusammenarbeiten? Wie Ulrich Walter und Karin Vogel dem Schulausschuss mitteilten, gibt es bereits regelmäßige Treffen der Fachlehrer der beiden Schulen. „Die Schüler müssen sich auch besser kennenlernen“, so Walter: Hospitationen, gemeinsame Projekte der Schülervertretungen, aber auch Arbeitsgemeinschaften sollten den Kontakt verbessern. Gedacht sei unter anderem an eine Rechstkunde-AG, eine Sport-AG, die Polnisch-AG der Lagerlöf-Schule werde sich für Gymnasiasten öffnen und Sekundarschüler könnten am bilingualen Gymnasium, das den Status einer Europa-Schule hat, schon für international anerkannte Sprachprüfungen büffeln. Und sich vertraut machen mit den Anforderungen des neuen Leistungskurses im Fach Sport. „Es geht aber nicht nur darum, dass sich Schüler, Eltern und Lehrer auf Sachebene mehr austauschen können“, so Walter. „Ich wünsche mir mehr gelebtes Miteinander.“

? Wie sieht es mit dem Miteinander zwischen den Grundschulen und den weiterführenden Schulen aus? Sehr gut. Beispiel dafür: das Übergabeprotokoll, dass die Vertreterinnen und Vertreter der vier Selmer Grundschulstandorte und ihre Kolleginnen und Kollegen der beiden weiterführenden Schulen erarbeitet haben. „Das ist ein Instrument, das wirklich hilfreich ist für die Beratung“ sagt Christine Jücker von der Overberggrundschule. Eltern erhielten nicht nur eine einzelne Zensur, sondern einen differenzierten Einblick in den Leistungsstand ihres Kindes. „Und sie können erkennen, wie sich der Sohn oder die Tochter entwickelt“ ergänzt Ulrich Walter. Denn das Papier werde zum Schuljahresende erneut ausgefüllt.

? Gibt es diese Übergabeprotokolle in anderen Städten nicht? Nein, die Bewertung des Arbeits- und Sozialverhalten ist neben den Zeugnissen vorgeschrieben, das sogenannte Übergabeprotokoll habe die Selmer Lehrerinnen und Lehrer selbst entwickelt. „Klar, ist das Mehrarbeit für uns“, so Christine Jücker. Die lohne sich aber –um eine noch bessere Grundlage zu haben für das Gespräch mit den Eltern über die geeignete weiterführende Schule. Seit 2011 ist bei der Schulwahl in NRW der Elternwille und nicht mehr die Grundschulempfehlung entscheidend. Das Gymnasium steht dabei ganz oben auf der Liste: mitunter eine Überforderung der Kinder. Das Übergabeprotokoll hat aber neben den Eltern noch eine Zielgruppe: die Lehrerschaft der weiterführenden Selmer Schulen. „Wir wissen damit genau, wo wir ansetzen können mit Förderangeboten“ bestätigt Walter – ohne Zeit zu verlieren. Und es sei es möglich, im Grundschulkollegium noch nachzufragen: „Ein Vorteil der kurzen Wege in Selm.“

Kommentar von Sylvia vom Hofe:

Gemeinsam für den Standort Selm

Das ist eine der schwierigsten Entscheidungen, die Eltern von Viertklässlern in den nächsten Wochen treffen müssen. Welche weiterführende Schule ist für ihr Kind die richtige? Dabei geht es nicht nur um den Schulabschluss – Abitur, mittlere Reife oder Hauptschulabschluss – und den Schultyp, sondern auch um den Schulstandort: Selm oder lieber auswärts? Eine Hilfestellung in diesem Entscheidungsprozess ist das neue Selmer Übergabeprotokoll allemal. Auch oder gerade weil das Ergebnis nicht immer dem Elternwunsch entsprechen wird. Selmer Schulleiterinnen und Schulleiter haben dieses Papier entwickelt: ein erster Schritt zum bestmöglichen Abschluss. Der zweite Schritt: Angebote, die das Schulsystem nicht nur auf dem Papier durchlässig machen. Wer zur Sekundarschule geht, kann immer noch Abitur machen – und das in einem längst vertrauten Umfeld. Es gibt gute Gründe dafür, sein Kind nach Nordkirchen, Werne, Olfen, Lünen oder Lüdinghausen zu schicken. Eltern informieren sich darüber. Es gibt aber eben auch Gründe, in Selm zu bleiben: kurze Wege, ein engmaschiges Netz von Hilfen, das kein Kind durchrutschen lassen will und Lehrerinnen und Lehrer, die daran knüpfen – mit viel Kreativität, wie sich gerade zeigt. Dafür gibt ein dickes Weiter so, setzen.
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