Tim Seiler im Quarantäne-Home-Office. Die Klasse hat sich von ihm gewünscht, das Sams vorgelesen zu bekommen. © Seiler
Digitaler Unterricht

So erlebt ein Selmer Grundschullehrer den Unterricht aus der Quarantäne

Eine besondere Schulwoche hat die Affenklasse 2a der Overbergschule Selm hinter sich. Der Unterricht lief während der Quarantäne digital weiter. Lehrer Tim Seiler ist begeistert.

Freitagmorgen: Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 2a trudeln ein. Sie begrüßen sich, sprechen miteinander, freuen sich, einander zu sehen. Und um 8.15 Uhr heißt es: Mikro aus. Wenn Tim Seiler den Unterricht beginnt, schaltet er seinen Bildschirm ein, damit die Kinder ihn sehen können. Es gibt ein Begrüßungswinken statt eines Morgengrußes, damit die Mikrofone kein Chaos verursachen.

So beginnt für die Affenklasse 2a der Overbergschule seit Montag, 16. November, der Unterricht. Seit einer Woche ist die Klasse in Quarantäne, inklusive Lehrer. Wie startet man in einen digitalen Schultag? „Nicht so anders – zumindest morgens“, sagt Seiler.

„Ich lade das Material hoch, mit dem wir arbeiten wollen, und stelle die digitalen Assistenten bereit.“ Die Kinder trudeln nach und nach ein im digitalen Klassenzimmer. Seiler ist es wichtig, einen offenen Anfang zu haben wie im normalen Unterricht, „damit die Kinder in Ruhe ankommen können“.

Nach der digitalen Begrüßung wird Unterricht gemacht

Nach der digitalen Begrüßung spricht die Klasse über die Inhalte des Unterrichts. „Das ist natürlich eine digital abgespeckte Variante“, erklärt Seiler. Ein Beispiel: Am Freitag, 20.11., ist internationaler Vorlesetag. Das setzt Tim Seiler so um: Er liest aus einem Buch vor, das die Kinder ausgewählt haben – in diesem Fall ist es „Das Sams feiert Weihnachten“ – und die Kinder können währenddessen ein Ausmalbild des Sams bearbeiten. Alle, die keinen Drucker haben, können das Sams frei aus dem Kopf malen.

Seiler spiegelt während des Unterrichts seinen Bildschirm für die Klasse, damit die Kinder ihm gut folgen können. Die Kinder erhalten Hinweise auf die weitere Arbeit und individuelle Aufgaben, denn die Pläne sind teils sehr unterschiedlich und an den Förderbedarf der Kinder angepasst. Danach können die Kinder an ihren Aufgaben arbeiten. „Eine Aufgabe zum Beispiel war, dass die Kinder ein Foto von ihrem Lieblingsobst machen sollten“, erzählt Seiler.

Während die Kinder ihre Aufgaben erledigen, vergewissert sich Tim Seiler, dass alles gut klappt. „Zuhause habe ich mehr Arbeit als sonst im Klassenzimmer, da ich mich nicht so individuell um jedes Kind kümmern kann und nicht sehe, wer gerade Hilfe braucht. Da hake ich dann einmal hinterher“ Bei Kindern, die Schwierigkeiten mit den Aufgaben haben, hört Seiler per Email oder Telefon nach, ob alles funktioniert.

Affen werden aufgeteilt in Schimpansen und Gorillas

Danach geht es in zwei Besprechungsblöcke. Die Affenklasse wird dafür aufgeteilt in die Schimpansen und die Gorillas. In jeder Gruppe bespricht Seiler zehn Minuten mit den Kindern die Aufgaben. „In kleineren Gruppen habe ich einen besseren Überblick, als wenn alle zusammen sind. Das macht die Besprechung einfacher“, so Seiler. Gern verkleinert er dann den gespiegelten Bildschirm, damit er die Kinder sehen und auch drannehmen kann, wenn sie etwas sagen wollen.

Nach der ersten Einheit gibt es eine gemeinsame freiwillige Frühstückspause – die hat Tim Seiler extra eingerichtet, damit auch das Soziale nicht zu kurz kommt. Die Kinder sind davon begeistert. „Zum Frühstück holen sich die Kinder ihr Brot aus der Küche und setzen sich vor den Bildschirm, um gemeinsam zu essen und mit ihren Klassenkameraden zu reden.“

Ist die Frühstückspause beendet, folgt ein weiterer Block, in dem Fragen und Antworten besprochen werden. Dann eine weitere Arbeitsphase von 30 Minuten und eine abschließende freiwillige Besprechung mit der ganzen Affenklasse. Um 11.20 Uhr ist dann offiziell Schluss.

Tim Seiler hat diesen Plan für die Klasse entworfen. Er zieht daraus ein Fazit: „Es sind kürzere Sequenzen, die Kinder sind dadurch selber mehr aktiv. Man kann dann fragen: Was habt ihr gemacht, woran habt ihr gearbeitet?“ Die Kinder haben die freie Auswahl zwischen ihren Fächern und können entscheiden, wann sie was erledigen wollen. Es gibt einen festen Wochenplan für Hausaufgaben und Lerninhalte. „Daran zeigt sich dann auch, wie unterschiedlich die Kinder sind“, sagt Seiler. „Manche wollen die Pflichtaufgaben zuerst erledigt haben, andere machen das ganz zum Schluss.“

Dadurch, dass die Auswahl für die Kinder so groß ist, können sie zudem auch flexibel mit ihren Materialien arbeiten. „Nicht jedes Kind hat einen Drucker zuhause“, sagt Seiler. Das sei aber gar nicht schlimm. Die Kinder können einfach mit dem arbeiten, was sie zuhause haben – die Hauptsache ist, dass die Kinder so arbeiten können, wie es ihnen Spaß macht.

Viel positive Rückmeldung bekommen

Und Spaß macht es den Kindern. Seiler hat viel positive Rückmeldung bekommen. „Am ersten Tag haben die Kinder erst einmal ihre Zimmer gezeigt. Sie waren total stolz darauf, dass sie alle sich zusammen sehen können“, berichtet Seiler. Das sei einfach etwas ganz anderes als im Lockdown, als es diese Möglichkeit noch nicht gegeben habe. Es ist für Kinder eine spannende neue Erfahrung, auf diese Art Unterricht zu erhalten. „Der erste Tag war natürlich auch anstrengend für alle, es war vieles neu. Die Herausforderung war, die Konzentration der Kinder zu halten. Es gab auch mal das ein oder andere Problem mit den Mikrofonen und es kam zu Rückkopplungen.“

Doch Seiler hat den Unterrichtsplan modifiziert und das habe gut funktioniert. Auch die Kinder haben sich schnell an den Unterricht und die neuen Regeln gewöhnt. „Die Kinder strahlen mich an und freuen sich, dass es mit dem Unterricht auch wirklich weitergeht und dass wir miteinander über alles reden können. Das gibt mir ein gutes Gefühl und ich freue mich, dass alles auch wirklich so klappt, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Überhaupt sei es großartig, wie gut die Umsetzung erfolgt ist – trotz der Spontanität durch die Quarantäne. „Ich bin sehr angetan davon, wie gut das klappt. Wir sind die Ersten, die das jetzt umsetzen ‚durften‘.“

82 Prozent der Kinder sind online erreichbar

Das Ergebnis dieser Umsetzung kann sich sehen lassen: Online erreicht Seiler 82 Prozent der Kinder. Das sei eine gute Quote, gemessen an der Tatsache, dass alles so schnell gehen musste. Die, die nicht online erreicht werden können, werden auch unterstützt. „Bei Familien mit sprachlichen Problemen etwa bringen wir das Material vorbei. Darum kümmern sich Sozialarbeiter oder auch Geschwister in den anderen Klassen.“

Auch die Geräte, die Zuhause vorhanden sind, und das WLAN spielen dabei eine Rolle. Seiler sagt dazu: „Man kann nicht davon ausgehen, dass man alle erreichen kann. 82 Prozent sind eine großartige Quote. Aber natürlich will man auf 100 Prozent abzielen.“

Ein weiterer Faktor, von dem das Gelingen des Digitalunterrichts abhängt: „Die Eltern müssen mitmachen und sich darum kümmern, dass die Kinder in den richtigen Räumen sind und rechtzeitig wechseln.“ Seiler lobt das Engagement der Eltern – sie sind voll dabei, fragen nach Feedback und unterstützen ihre Kinder.

„Neue Wege zu gehen ist gut, wenn andere mitgehen“

„Neue Wege zu gehen ist gut, wenn andere mitgehen – in diesem Falle die Eltern und Kinder. Und es ist toll, wie gut das funktioniert.“ Auch die Schulleitung lobt Seiler, die dem Kollegium viel Unterstützung gegeben und viel Zeit in die Vorbereitung investiert hat. „Hier sind alle Helden – die Kinder, die Eltern, das Kollegium und die Schulleitung.“

Am Mittwoch ist die Quarantäne für Lehrer und Kinder vorbei. Seiler freut sich darüber, denn: „Ich mache lieber normalen Unterricht, da kann ich mich besser um die Kinder kümmern.“ Dennoch sieht er die Zeit in der Quarantäne positiv. Für ihn haben sich die Mehrarbeit und der Stress gelohnt: „Wenn man Kinder sieht und es klappt alles so, wie man es sich gedacht hat, dann ist das wirklich schön.“

Über die Autorin
Volontärin
Obwohl nicht in Dortmund geboren, bin ich doch eng mit dieser Perle des Ruhrpotts verbunden. Eine Stadt durch die Augen eines Journalisten kennenzulernen, das fasziniert mich. Seit Oktober 2017 arbeite ich für die Ruhrnachrichten und bin seit April 2020 Volontärin.
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Denise Felsch

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