Mama auf Zeit: Von der Freude und dem Leid eine Pflegemutter zu sein

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Christin Schuhmacher ist seit über 30 Jahren Pflegemutter. Sie erzählt, wie es ist, wenn man Kinder zu sich nimmt und dann wieder abgeben muss. Und was es mit dem leeren Blick auf sich hat.

Selm

, 30.08.2019, 03:49 Uhr / Lesedauer: 4 min

Christin Schuhmacher* sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Selm und nimmt sich einen Moment Zeit, um nachzudenken. Was ist das Schönste daran, eine Pflegemutter zu sein?

Einige Sekunden später antwortet sie mit ruhiger, gelassener Stimme und der Erfahrung, die sie in mehr als 30 Jahren als Pflegemutter gewonnen hat. „Das Schönste ist, zu sehen, wenn die Kinder plötzlich so ein Strahlen in den Augen bekommen“, erzählt die 58-Jährige. „Am Anfang, wenn sie kommen, dann ist der Blick so leer.“

Christin Schuhmacher und ihr Mann haben als Pflegeeltern neun Kinder großgezogen, bis die Jungen und Mädchen 18 waren. Als sogenannte Bereitschaftspfelgeeltern haben sie etwa weitere 60 Kinder für einen kurzen Zeitraum zu sich genommen. Für einige Wochen oder bis zu 20 Monaten lang.

Eine Gefährdung für das Kind

„Wenn eine Bereitschaft erforderlich ist, heißt das, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder die Vernachlässigung so chronisch ist, dass es einen Gerichtsbeschluss dazu gibt“, erzählt Gabriele Heitmann vom Jugendamt in Selm. Das heißt, die Kinder haben zum Beispiel Gewalt oder sexuellen Missbrauch erlebt.

Die Kinder leben dann vorübergehend bei den Bereitschaftseltern, bis sich die Situation geklärt hat: weil zum Beispiel die Großeltern für das Kind sorgen können, oder weil feststeht, dass das Kind dauerhaft in einer Pflegefamilie leben kann. Kinder bis drei Jahren werden nicht in Heimen untergebracht, erklärt Gabriele Heitmann. Auch bei unter sechsjährigen Kindern versuchten die Jugendämter noch die Unterbringung in der Bereitschaftspflege.

Alles ist anders

Wie schwierig die Situation für die Kinder ist, macht Gabriele Heitmann mit einem Vergleich deutlich. „Es ist so als würden wir in ein afrikanisches Dorf reisen.“ Die Kinder kennen die neue Familie noch nicht. Gepflogenheiten, Regeln - alles ist unvertraut untereinander. „Nichts ist mehr so wie vorher, und manchmal haben sie nichts mehr aus ihrem alten Leben, nicht mal ihr Kuscheltier“, so Heitmann.

Während die Mutter und die Jugendamtsmitarbeiterin erzählen, ertönt zwischendurch Kinderlachen und laute „Mama“-Rufe. Die fast zweijährige Sophie stapft durch das Wohnzimmer, holt sich zwischendurch bei Christin Schuhmacher ein paar Streicheleinheiten ab und lässt sich durch das Gespräch nicht irritieren.

Zahlungen an die Pflegeeltern:
Die Beiträge für Vollzeitpflege werden jährlich vom Familienministerium festgesetzt. Sie sind nach Alter gestaffelt und werden nach materielle Aufwendungen (für das Kind bestimmt) und Kosten der Erziehung (für die Pflegeeltern bestimmt) aufgeteilt. Bei einem Kind bis zum 7. Lebensjahr liegen die materiellen Aufwendungen bei 542 Euro und die Kosten der Erziehung bei 257 Euro (gesamt also 799 Euro). Für Jugendliche von 14 bis 18 liegen die Aufwendungen bei 753 Euro, die Kosten der Erziehung bei 257 Euro (gesamt 1010).
„Bei Kindern mit besonderen erzieherischen Bedarfen und Beeinträchtigungen ist es möglich, den Betrag für die Kosten der Erziehung zu erhöhen, da hier auch besondere Anforderungen an die Pflegeeltern gestellt werden“, erklärt Gabriele Heitmann vom Jugendamt in Selm. Auch Bereitschaftspflegeeltern erhalten einen erhöhten Beitrag zur Erziehung, „da sie durch die ständigen Akutaufnahmen und Wechsel der Kinder eine hohe Erziehungsleistung erbringen müssen.“
Im Fall von Familie Schuhmacher sind das zum Beispiel 875 Euro Gesamtpflegegeld für das Vollzeitpflegekind Katharina und 1400 Euro für Sophie.

Die Pflegeeltern bekommen von den Jugendämtern alle Informationen die vorliegen, manchmal ist aber nicht alles bekannt und sie werden selbst zum wichtigen Auskunftgeber für das Jugendamt. „Man muss vieles beachten“, sagt Schuhmacher, zum Beispiel beim Wickeln. Man wisse ja nicht immer genau, was das Kind erfahren habe. Das Verhalten der Kinder, auch Albträume können zum Beispiel ein Hinweis auf körperliche Übergriffe sein. Hinweise auf deren Grundlage die Gerichte dann auch manchmal ihre Entscheidungen treffen können, ergänzt Heitmann.

Christin Schuhmacher erinnert sich. Sie habe einmal um ein Baby gekümmert, einen Jungen, der anfangs ganz apathisch war. Er habe nicht ´mal nach der Flasche geschrien. „Er hatte einfach keine Erwartungen mehr“, erzählt Schuhmacher. Dass sei Schreien mütterliche Zuwendung bringe, habe er nicht erlebt - vorher.

Mehr Kinder in Pflegefamilien

In Sachen Pflegefamilien arbeitet das Selmer Jugendamt mit den Jugendämtern in Bergkamen, Kamen und Werne zusammen. In diesem Verbund sind insgesamt zehn Pflegefamilien, drei davon in Selm. In der Regel ist es so, sagt Gabriele Heitmann, dass Kinder aus Selm bei einer Pflegefamilie in den anderen Orten untergebracht werden und Kinder aus Werne oder Bergkamen zum Beispiel in Selm. So sei die Privatsphäre des Kinder besser geschützt - und es ist auch unwahrscheinlicher, dass das Kind seinen leiblichen Eltern zufällig begegnet.

Trotz des Verbunds kommen die Jugendämter manchmal an Grenzen, wenn sie zum Beispiel viele Kinder gleichzeitig bei Pflegefamilien unterbringen müssen. Dann greifen sie auf freie Träger wie zum Beispiel die Jugendhilfe Werne zurück. Das war im vergangenen Jahr der Fall: „Da hatten wir mehr Kinder bei freien Trägern als wir selbst betreuen konnten“, sagt Heitmann.

In den vergangenen Jahren sind sowohl die Zahlen der Inobhutnahmen als auch die Anzahl der Pflegekinder in Deutschland gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt kam es 2008 zu rund 32.000 Inobhutnahmen, 2018 waren es fast 20.000 mehr (rund 53.000). Ebenfalls um rund 20.000 stieg die Anzahl der Kinder in Vollzeitpflegefamilien (auf rund 81.000 Kinder von 2008 zu 2017). Das geht aus einer Anfrage der Linken aus dem Bundestag hervor.

Viele Jugendämter suchen deshalb gezielt nach Pflegeeltern. Auch der Verbund aus Selm, Werne, Kamen und Bergkamen tut das.

Pflegeeltern gesucht Bereitschaftspflegepersonen sollten laut Jugedamt Freude an der Arbeit mit Kindern mitbringen, zeitliche Flexibilität und Belastbarkeit und die Möglichkeit einer ganztägigen Betreuung aufweisen. Zudem sollten sie ein eigenes Zimmer für das Kind haben und das Kind begleiten. Sowohl bei der wöchentlichen Begleitung zu ihren „Herkunftsfamilien“, als auch zur zukünftigen Betreuungsmöglichkeit für das Kind.
Ansprechpartnerin in Selm sind Gabriele Heitmann, Tel. (02592) 69255, g.heitmann@stadtselm.de und Isabelle Steuer-Reichardt, Tel. (02692) 69151, i.steuer-reichardt@stadtselm.de

Noch viel mehr Platz am Tisch

Christin Schuhmacher und ihr Mann sind schon seit 32 Jahren Pflegeeltern. „Ich wollte immer einen großen Tisch mit vielen Kindern“, erzählt die 58-jährige Frau. Sie hatten damals, im Jahr 1987, bereits zwei leibliche Kinder. Den beiden ging es gut, anders als anderen. Deshalb entschieden sich die Schuhmachers, Pflegeeltern zu werden.

Bald darauf nahmen sie zwei Mädchen bei sich auf. In der Spitze waren es sieben Kinder gleichzeitig. Aktuell leben die zwölfjährige Katharina und die kleine Sophie bei der Familie.

Seit 13 Jahren sind Christin Schuhmacher und ihr Mann zudem Bereitschaftspflegeeltern: Eltern auf Abruf. Als sie ihr erstes Bereitschaftspflegekind betreut habe, sei es schon verdammt schwer gewesen, es wieder abzugeben. „Man muss sich auch selbst als Bereitschaftsfamilie schützen und eine Grenze ziehen“, sagt die Mutter auf Zeit. „Man weiß, dass das Kind wieder geht, und das muss man sich auch schon sagen.“

Anders als geplant

Bei der zwölfjährigen Katharina ist es trotzdem anders gekommen. Sie war eines der ersten Bereitschaftspflegekinder der Familie. Christin lernte das wenige Tage alte Mädchen auf der Intensivstation kennen und schloss sie in ihr Herz. Die Gerichtsentscheidung über die Zukunft des kleinen Mädchens ließ immer weiter auf sich warten. Irgendwann habe ihr Mann zum Telefon gegriffen, Gabriele Heitmann angerufen und gesagt: „Die Katharina bleibt.“

Nun sitzt Katharina ebenfalls auf dem Sofa und mischt sich zwischendurch ins Gespräch ein. Während sie ihren Laptop bedient, will die kleine Sophie manchmal an ihr hochklettern. „Mamaaa“, ruft Katharina. Die Mutter soll ein Machtwort sprechen: Ärger unter Geschwistern - wie in jeder anderen Familie auch.

Dass Katharina bleiben durfte, war nicht selbstverständlich, sagt Gabriele Heitmann. Denn gewünscht sei es eigentlich nicht, dass Bereitschaftspflegekinder dauerhaft bei der Familie bleiben. Zumal es auch einige Risikofaktoren gegeben habe. Doch im Fall von Katharina sei alles gut gegangen.

Die fast zweijährige Sophie lebt seit drei Monaten bei der Familie. Erst vor Kurzem ist sie nach einer Woche bei ihrer leiblichen Mutter wieder zu den Schuhmachers zurückgekehrt. Bis es eine neue Entscheidung darüber gibt, wie es in Zukunft mit ihr weitergeht.

Den leeren Blick hat Sophie aber längst nicht mehr. Sie strahlt, wenn sie durch die Wohnung läuft. Denn, so sagt Christin Schuhmacher, „dadurch, dass man den Kindern Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung gibt - die ganz normalen Dinge, die ein Mensch bekommen sollte - verändern sie sich ganz doll. Der Gesichtsausdruck wird ein anderer. Und das ist schön zu sehen.“

* die Namen der Pflegeeltern und -Kinder haben wir in diesem Text anonymisiert.

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