So ist es, wenn man zum ersten Mal Karneval feiert

Beim Umzug in Selm

Nicht nur Kamelle fangen, sondern Kamelle werfen: Das ist etwas Besonderes, erst recht für jemanden, der noch nie einen Karnevalsumzug besucht hat wie Hongfang Qian und ihr Töchterchen. Für die Chinesin und ihre Tochter war es der erste Karneval in Deutschland. Und dann auch noch auf einem Umzugswagen.

Selm

12.02.2018, 12:58 Uhr / Lesedauer: 2 min
Unterwegs auf dem Kükenwagen.

Unterwegs auf dem Kükenwagen.

Kamelle? Die 43-jährige Chinesin aus Cappenberg musste erst im Wörterbuch nachschlagen, was das überhaupt heißt. Die noch nicht ganz vierjährige Jingya hat sich erst gar nicht aufgehalten mit der Theorie. Sie greift in die Bonbontüte, die ihr ein anderes Kind entgegenhält, zieht ein Bonbon heraus und steckt es in den Mund. Warum es mindestens ebenso viel Spaß macht, die Süßigkeiten im hohen Bogen durch die Luft zu werfen, versteht sie nicht. Das wird sie in den nächsten zweieinhalb Stunden an diesem Samstag aber noch erfahren.

Exklusive Passagiere

„Mitfahrer gesucht“, lautete vor zwei Wochen eine Überschrift in dieser Zeitung. Die RN boten ihren Lesern zwei Plätze auf dem Kükenwagen an, einem der 18 Großwagen im Selmer Karnevalsumzug. Ein echtes Privileg. Denn eigentlich fahren im Zug ausschließlich die wirklich aktiven Karnevalisten mit: Menschen jeden Alters, die nicht nur in der fünften Jahreszeit, sondern das ganze Jahr über dafür rackern, dass das Kulturgut Karneval auch zwischen Beifang und Altstadt lebendig bleibt. Hongfang Qian und Töchterchen Jingya wissen das zu schätzen. „Ich selbst kenne Karneval nur aus dem Fernsehen“, sagt die Dolmetscherin. Und da auch nur aus Auslandsreportagen.

Unterwegs auf dem Kükenwagen.

Unterwegs auf dem Kükenwagen. © Sylvia vom Hofe

„In China kennen wir das nicht.“ In wenigen Tagen, am 16. Februar, werde das Frühlingsfest zu Beginn des neuen Jahres – in diesem Fall das Jahr des Hundes – groß gefeiert. „Dann verkleidet man sich aber nicht, sondern putzt sich nur mit neuer Kleidung besondern fein heraus.“

Hongfang trägt einen spitzen Hut in den deutschen Farben, als sie gegen 13 Uhr auf den Kükenwagen klettert. Jingya hat sich in einen rosafarnenen Schmetterling mit Flügeln verwandelt. Dass das Motto des Kükenwagens „Vaiana“ heißt nach der Protagonistin des jüngsten Disney-Animationsfilms macht nichts. Nicole Graumann, eine der Mütter, die die Küken – die kleinen Gardetänzer der 1. Selmer KG im Alter zwischen zwei und sieben Jahren – auf dem Wagen begleitet, verteilt an die zusätzlichen Passagiere Blütenketten. Die verwandeln einen im Nu in Polynesier wie die Trickfilmschönheit Vaiana und ihre Freunde aus der Südsee.

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„Hallo“ statt „Helau“

Hongfang Qian lächelt. Sie weiß: So leicht ist das nicht, andere Kulturen zu verstehen –zumindest nicht außerhalb des Karnevals. Die Chinesin aus der Inneren Mongolei ist im Herbst 2016 nach Cappenberg gezogen: rund 7500 Kilometer weit – der Liebe wegen. „Ich habe meinen Mann bei der Arbeit kennengelernt“, sagt sie. Sie habe als Dolmetscherin in einer Fabrik für Bergbaumaschinen in Kangbashi gearbeitet, „allerdings für Englisch“. Deutsch hat sie erst jetzt angefangen zu lernen. Genauso wie Jingya, die seit drei Wochen den Cappenberger Kindergarten besucht. „Kinder lernen wie im Flug“, sagt sie.

Karnevalsneulinge ebenfalls. Stefan Vieter vorne am Steuer des Traktors lenkt den Kükenwagen durch die Altstadt. Hier drängen sich die meisten Zuschauer. Mit beiden Händen schmeißen Mutter und Tochter Süßes in die Menge. „Helau“, rufen beide. Manchmal schleicht sich auch ein „Hallo“ darunter, aber das funktioniert trotzdem.


Es rumpelt. Der Zug passiert den neuen Kreisel auf der Kreisstraße. Von den vielen Erdarbeiten in Selm hat Hongfang in den RN gelesen. Wieder ein Lächeln. Mit Baustellen kennt sie sich aus. Kangbashi ist 2004 aus dem Boden gestampft worden.

Damals seien dort große Gas-und Kohlevorkommen entdeckt worden, erzählt Hongfang, während der Kükenwagen durch die mehr als 100 Jahre alte Bergarbeitersiedlung von Selm rollt.

Endstation! Am Sandforter Weg ist Schluss. Für Jingya und Hongfang Qian ist es aber erst der Anfang einer neuen Begeisterung für den Karneval.

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