Der Jubel ist dem Chor „Die Sonnenkinder“ im Dezember sicher. Doch solche Auftritte wie im Stadion von Borussia Dortmund vor 80.000 Fans wird es nach diesem Jahr nie wieder geben.

Selm, Dortmund

, 23.08.2019, 18:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Chor „Die Sonnenkinder“ wird aufgelöst. Mangels Masse sozusagen. Am Ende seien es zu wenig Kinder und Jugendliche, um den Chor zu halten, sagt Chorleiter und Begründer Hans W. Schumacher.

Allerdings wird es noch einen letzten Auftritt der Sonnenkinder geben. Und zwar im Dezember vor einem Heimspiel des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund im Signal-Iduna-Park. Ob es der traditionelle Termin sein wird, nämlich das letzte Heimspiel des BVB in der Hinrunde, wisse er noch nicht, sagt Schumacher. Den genauen Termin müsse er noch mit Borussia Dortmund in Person des Stadionsprechers Norbert Dickel absprechen.

Vorm Heimspiel des BVB haben die Sonnenkinder im Dezember ihren letzten Auftritt

Die Auftritte der Sonnenkinder im Signal-Iduna-Park vor Heimspielen des BVB zum Ende der Hinrunde gehörten zu den Höhepunkten in der Geschichte des Chores. Er wird jetzt aufgelöst, wird im Dezember aber noch ein letztes Mal im Dortmunder Stadion vor mehr als 80.000 Fans singen. © Thomas Aschwer (A)

Dieser letzte Auftritt soll noch eine besondere Note bekommen: Neben den noch aktiven älteren Sonnenkindern und den Sängerinnen des Chores „Die Sonnetten“, einer weiteren Säule des Chores „Die Sonnenkinder“, werde er auch ehemalige Sonnenkinder einladen, dabei zu sein, berichtet der Chorleiter.

Gänsehautmomente im Stadion

In den 36 Jahren des Chorbestehens gehörten die Auftritte beim BVB zu den Höhepunkten: „Wenn ich erlebe, dass mehr als 80.000 Fans im Stadion mitsingen, wenn wir ,Jingle Bells‘ und unser eigenes BVB-Lied singen und uns dann zujubeln, sind das Gänsehautmomente“, sagt Schumacher. Momente, die es seit 30 Jahren gibt, in denen der Selmer Chor vor den BVB-Fans singt.

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Vorm Heimspiel des BVB haben die Sonnenkinder im Dezember ihren letzten Auftritt

Einer der ersten Auftritte des frisch gegründeten Kinderchors "Die Sonnenkinder" im Jahr 1983 im Heinz-Hilpert-Theater Lünen. © Repro Brede

Solche Gänsehautmomente wird es künftig nicht mehr geben. Seit rund einem Jahr ringt der Selmer Chorleiter mit sich, den Chor aufzulösen, den er 1983 gegründet hatte. Und den er zu Hoch-Zeiten (1992) zum größten Kinderchor Nordrhein-Westfalens machte. „230 Kinder waren es damals“, sagt Hans W. Schumacher. Sein Kopfschütteln beim nächsten Satz ist verständlich: „Mittlerweile sind es nur noch 30.“

Andere Interessen als früher

Wie konnte es dazu kommen? Schumacher drückt seine Einschätzung so aus: „Die Zeit hat sich verändert, der schulische Druck ist größer geworden, das Interesse an reiner Chormusik ist nicht mehr so groß - die heutigen Kinder und Jugendlichen haben andere Interessen als früher.“ Eine der letzten Chorproben habe er mit neun Kindern verbracht. „Das tut schon weh.“

Vorm Heimspiel des BVB haben die Sonnenkinder im Dezember ihren letzten Auftritt

Welch eine Lebensfreude. „Es ist das Glänzen in den Augen der Kinder, das mich berührt“, sagt Hans W. Schumacher. © Johanna Keck

Aber reichen 30 Kinder und Jugendliche, die es jetzt noch sind nicht aus, um den Chor zu halten? „Nein“, sagt der Chorleiter, „es sind zwei Gruppen, der jetzige Hauptchor mit 14-, 15-Jährigen und der Vorchor mit Fünf-,Sechs-, Siebenjährigen. Die kann man nicht zusammen singen lassen.“ Das Repertoire und die Anforderungen seien zu unterschiedlich. „Ich habe ja auch einen bestimmten Anspruch an das Niveau.“

Die Anfangsjahre der Sonnenkinder Am Anfang gibt es den Schulchor der Otto-Hahn-Realschule, an der Hans W. Schumacher zu der Zeit Lehrer ist und den Schumacher leitet. Es habe Anfragen von Eltern von Kindern gegeben, die nicht an der Realschule unterrichtet wurden, sagt Schumacher. Der Schulchor öffnet sich und wird am 2. Mai 1983 als Kinderchor Selm neu gegründet. Er behält aber weiter seine Aufgabe als Schulchor. 1985 kommt die erste Schallplatte des Chores auf den Markt. 1987: Die zweite Schallplatte. 1989: Erster Auftritt vor einem Heimspiel des BVB. 1996: Der Kinderchor Selm wird in “Die Sonnenkinder“ unbenannt.

Nur noch einstimmiger Gesang

Was das genau heißt, erklärt Schumacher so: „Früher hat allein der Hauptchor, der aus bis zu 100 Kindern bestand, dreistimmig gesungen. Heute singen sie einstimmig. Mehr ist nicht drin.“ Außerdem zeichne sich ab, dass Qualität und Quantität noch weiter herunter gehen würden. Unter diesen Voraussetzungen habe der Vorstand einen einstimmigen Entschluss gefasst, den Chor „Die Sonnenkinder“ aufzulösen. Der Brief, in dem Chorleiter Hans W. Schumacher den jungen Sängerinnen und Sängern und deren Eltern mitteilt, dass der Chor „Die Sonnenkinder“ aufgelöst wird, erreicht die Betroffenen in diesen Tagen. Der erste Satz dieses Briefes von Schumacher spricht für sich: „Es ist mir sehr sehr schwer gefallen und es hat lange gedauert.“

Vorm Heimspiel des BVB haben die Sonnenkinder im Dezember ihren letzten Auftritt

Einer der Höhepunkte im künstlerischen Schaffen der Sonnenkinder und ihres Chorleiters Hans W. Schumacher: 2003 begegneten sie Papst Johannes Paul II. in Rom. © Chor

Die Realität hat Schumacher und den engagierten Vorstand ereilt. Schöne Erinnerungen reichen nicht aus. Und davon gibt es reichlich. Ein Auszug aus Schumachers liebsten Erinnerungen: die drei Reisen nach Rom, bei denen der Chor im Petersdom sang und während einer Audienz auf dem Petersplatz Papst Johannes Paul II. begegnete; viele große eigene Konzerte, unter anderem seit 1986 jedes Jahr ein Weihnachtskonzert; allein zwei Langspielplatten und zwei CDs mit Liedern der Sonnenkinder.

Außerordentliche Versammlung

Offiziell vollzogen wird die Auflösung während der außerordentlichen Versammlung des Vereins „Die Sonnenkinder“ am Sonntag 29. September, ab 17 Uhr in der Gaststätte Selmer Hof.

Vorm Heimspiel des BVB haben die Sonnenkinder im Dezember ihren letzten Auftritt

Der Chor "Die Sonnetten" wird weiter unter der Leitung von Hans W. Schumacher bestehen bleiben. © Foto: Arndt Brede

Während dieser Versammlung wird der Verein „Die Sonnenkinder“ in „Die Sonnetten“ umbenannt.

Chor „Die Sonnetten“ bleibt bestehen

Denn den Sonnetten-Chor, einst neben dem Vor-, Aufbau- und Hauptchor als vierte Stufe der Sonnenkinder gegründet, betrifft die Chor-Auflösung nicht. Die 22 Frauen werden weiter als Chor bestehen. Für die Sonnenkinder selber, also die Mädchen und Jungen, wird es vorher eine kleine Abschiedsfeier geben. Am Mittwoch, 4. September, lädt der Vorstand die Kinder zwischen 16 und 17.30 Uhr im Gebäude der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule zu einem Eis ein.

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Der Chor „Die Sonnenkinder“ wird zwar aufgelöst, aber Hans W. Schumacher hat ja noch vier Chöre: „Liederbrücke“, „SelmChoral“ und „Die Sonnetten“ in Selm sowie den Männergesangverein Cäcilia in Capelle. © Arndt Brede

So kommentiert Redakteur Arndt Brede

Das Ende kam dann doch schnell. Es wird keine Probe des Chores „Die Sonnenkinder“ mehr geben. Ein Verlust für die heimische Kulturlandschaft. Der aber irgendwie auch abzusehen war.

Papst Johannes Paul II. hat sie gehört. Er war wohl der Prominenteste in der Geschichte des Chores, denen die Selmer Sonnenkinder ein Lied gesungen haben. Hunderten weiterer Menschen haben die Kinder und Jugendlichen unter der Leitung von Hans W. Schumacher Freude bereitet. Das ist nun Geschichte.

Was bleibt? Erstens: Schallplatten und CDs, die der Chor aufgenommen hat.

Zweitens: Unzählige Momente voller Emotionen, die auf Seiten des Chores und des Publikums im Gedächtnis bleiben.

Drittens: Ein Ruf, der Selm über die Stadtgrenzen hinaus gut getan hat.

Die Kulturlandschaft Selms wird ärmer, keine Frage. Woran es liegt, dass der Chor „Die Sonnenkinder“ immer weiter geschrumpft ist, darüber kann man spekulieren. Ist es das veränderte Freizeitangebot, das in den letzten Jahren viel mehr Möglichkeiten bereit hielt als in all den Jahrzehnten, in denen die Sonnenkinder auch zahlenmäßig stark waren? Hat Musik einen geringeren Stellenwert in den Familien als früher? Sind die schulischen Anforderungen auch zeitlich so hoch, dass da kein Platz im Terminkalender mehr ist für die Teilnahme an Chorproben?

Es ist wohl die Summe all dessen, die dazu führte, dass es die Sonnenkinder als Chor in der Form nicht mehr gibt.

Was aber niemand vergessen sollte: Es wird weiter einen ehemaligen Sonnenkinder-Baustein geben. Einen Chor, der aus erwachsenen Frauen besteht. Aus den Sonnetten. Darunter ehemalige Sonnenkinder, und allein diese Tatsache beweist, welch gute Arbeit Chorleiter Hans W. Schumacher geleistet hat.

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