Sorgen um Abiturprüfungen: Selmer Schülerin (17) fühlt sich überfordert wegen Corona-Krise

mlzAbitur 2020

Können die Abiturprüfungen trotz der Corona-Krise stattfinden? Was passiert, wenn sie verschoben werden müssen. Sophie Godelmann (17) aus Selm hat viele Fragen. Die Ungewissheit plagt sie.

von Marcel Schürmann

Selm

, 25.03.2020, 11:56 Uhr / Lesedauer: 4 min

Normalerweise würde Sophie Godelmann (17) aus Selm derzeit die Schulbank des Städtischen Gymnasiums drücken. Die Abitur-Vorbereitungskurse würden laufen. Der wichtigste Zeitpunkt in ihrer zwölfjährigen Schullaufbahn - er rückt näher. Doch normal ist in Zeiten der Corona-Krise so gut wie nichts mehr.

Denn Sophie Godelmann sitzt nicht in der Schule. Die ist seit Montag vergangener Woche (16.3.) geschlossen, wie alle Schulen im Land. Von einen Tag auf den anderen hatte sie ihren letzten Schultag. „Das ist das Schlimmste, was hätte passieren können. Ich fühle mich, was die Abi-Prüfungen angeht, nicht so sicher, wie ich es wäre, wenn der Unterricht normal stattfinden könnte“, sagt sie.

Umstände sind „besonders“

Sophie Godelmann sitzt zu Hause, lernt für sich selbst und bereitet sich alleine auf ihre Prüfungen vor. Es geht ihr „den Umständen entsprechend“, wie sie sagt. Und die Umstände seien nun mal „besonders.“

Die Selmer Schülerin hat viele Fragen: Kann sie ihre Abiturprüfungen trotz der Corona-Krise antreten? Was, wenn die Prüfungen verschoben werden? Kann sie sich dann trotzdem für ein Studium bewerben? So wie Sophie Godelmann geht es derzeit rund 350.000 Schülern deutschlandweit. Sie alle plagt die Ungewissheit: Was passiert mit dem Abitur 2020?

„Alle sind mit der Situation überfordert“

Stoff zum Lernen habe sie von ihren Lehrern zu Genüge bekommen. Auch das Schulministerium unterstützt die Schüler, versorgt sie mit Prüfungsplänen. In der Hinsicht fühle sie sich nicht allein gelassen. „Wir bekommen neben Aufgaben auch alte Abi-Prüfungen aus den letzten Jahren zugeschickt. Aber ganz ehrlich: Die Lehrer sind genauso ratlos wie wir Schüler. Alle sind mit der Situation überfordert“, sagt Sophie Godelmann.

Es ist jedoch nicht alles beängstigend. Einige Lehrer, so sagt es die 17-Jährige, versuchen das Beste aus der Situation zu machen: „Wir haben geplant, in einem Fach mit unserem Lehrer eine Skype-Konferenz zu machen.“

Auf individuelle Fragen eingehen

So können die Lehrer auf individuelle Fragen eingehen. Das ist jedoch nicht der einzige Weg. „Viele Lehrer haben angeboten, dass man sie per E-Mail anschreiben darf, wenn man Fragen hat. Andere haben ihre Telefonnummern zur Verfügung gestellt und gesagt: ‚Ruft gerne an.‘ Viele sind wirklich kooperativ.“ Was ihr bei dem E-Mail-Austausch jedoch fehle, sei das direkte Feedback. Zudem würde bei Weitem nicht jeder Lehrer diese Art von Hilfe anbieten. „Es gibt Lehrer, die wollen nicht, dass man sie kontaktiert und verweisen auf den Datenschutz“, sagt Sophie Godelmann.

„Viele Lehrer haben angeboten, dass man sie per E-Mail anschreiben darf, wenn man Fragen hat.“
Sophie Godelmann

Rechtlich könne der Schulleiter des Städtischen Gymnasiums Selm und Vorsitzender der Bezirksdirektorenkonferenz der Gymnasien im Kreis Unna, Ulrich Walter, seine Kolleginnen und Kollegen auch nicht offiziell dazu auffordern, ihre Telefonnummern an die Schüler für etwaige Rückfragen herauszugeben: „Die an den verschiedenen Schulstandorten praktizierten Kommunikationswege müssen auch den vor einem Jahr intensiv diskutierten Datenschutzrichtlinien wenigstens mit geringer Einschränkung gerecht werden. Wir haben uns deshalb für die Lösung entschieden, dass Informationen und Arbeitsaufträge nur über einen Schüler oder Elternvertreter an die Klassen und Kurse herangetragen werden.“ Dies geschehe „auf Basis der Freiwilligkeit“ und stelle bislang „kein Problem dar“, so Walter.

Vorschlag der Schulministerin infrage gestellt

Ulrich Walter stellt zudem einen in einem WDR2-Interview geäußerten Vorschlag der NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer infrage, die Schüler sollen neben E-Mails auch über andere Kontaktplattformen informiert werden. „Das wäre in gewisser Weise eine indirekte Legitimation zur Aufhebung der Vorgaben durch die Datenschutzrichtlinien. Das Ministerium kann nicht davon ausgehen, dass wir mit Plattformen arbeiten, die unter den Gesichtspunkten des Datenschutzes nicht einwandfrei sind“, so Walter.

Jetzt lesen

Doch auch ohne den bedingungslosen Austausch mit den Lehrern fällt es Sophie Godelmann nicht allzu schwer, sich fürs Lernen zu motivieren. Sie hat die Leistungskurse Deutsch und Englisch. „Die Fächer liegen mir ohnehin“, sagt sie. Als drittes Fach hat sie Biologie belegt: „Das ist viel lernintensiver.“ Mit dem zur Verfügung gestellten Material fühle sie sich aber „gut gewappnet“. Ihre mündliche Prüfung legt sie im bilingualen Erdkunde-Kurs ab.

Finden Prüfungen statt? Sophie Godelmann hat „kein gutes Gefühl“

Die Abitur-Prüfungen in NRW sollen planmäßig ab dem 21. April stattfinden, die mündlichen Prüfungen ab dem 7. Mai - Stand jetzt. Ob dieser Plan tatsächlich eingehalten werden kann; dazu kann aktuell keine realistische Einschätzung abgegeben werden. „Ich habe kein gutes Gefühl, dass wir die Prüfungen im geplanten Zeitrahmen antreten können“, sagt Sophie Godelmann.

Sophie Godelmann ist Schülrin des Städtischen Gymnasiums in Selm. Sie ist besorgt, ob die Abiturprüfungen in diesem Jahr wie geplant stattfinden können.

Sophie Godelmann ist Schülrin des Städtischen Gymnasiums in Selm. Sie ist besorgt, ob die Abiturprüfungen in diesem Jahr wie geplant stattfinden können. © Sophie Godelmann

Ulrich Walter hat am Dienstag (24.3.) mitgeteilt, dass der aktuelle Stand der Dinge der sei, dass die Prüfungen durchgeführt werden können. Mit Gewissheit könne aber auch er das nicht sagen. „So weit sind wir noch nicht. Die Zeit ist viel zu schnelllebig. Je nach Entwicklung der nächsten zwei, drei Wochen werden neue Entscheidungen getroffen - abhängig vom Infektionsstand in der Bevölkerung.“

Abi-Motto angepasst

Sophie Godelmann hofft trotzdem nach wie vor, dass sie ihre Prüfungen wie geplant antreten kann. Ihre Mitschüler im Abi-Komitee haben vor, das Abi-Motto anzupassen. „Aus ‚ABI - amtlich bestätigte Inkompetenz‘ - wollen wir vielleicht ein Motto in Anlehnung an das Coronavirus machen: ‚Abirona - zu Hause geblieben und trotzdem bestanden‘“, so Sophie Godelmann. Ganz so weit ist es allerdings noch nicht.

Trotz der Corona-Krise sieht Sophie Godelmann auch die guten Seiten: „Ich bin froh, dass ich jetzt genügend Zeit zum Lernen habe.“ So wie ihr gehe es aber bei Weitem nicht jedem ihrer Mitschüler: „Ich weiß von einigen, dass sie total panisch sind und Angst haben.“

Wie auch tausende Schüler in der gesamten Bundesrepublik. In Hamburg haben zwei Abiturienten deswegen eine Petition gestartet. Das Ziel: Jeder Abiturient solle sein Abitur deutschlandweit automatisch bestehen - mit einem sogenannten Durchschnitts-Abitur, das sich aus dem Notenschnitt jedes einzelnen Schülers aus den vergangenen vier Halbjahren zusammensetzt. Der Grund für die Petition: Das Schreiben der Abiturprüfungen sei gesundheitlich, psychologisch und gesellschaftlich nicht tragbar. Bis Mittwochmittag (25.3.) hat die Petition bereits mehr als 100.000 Unterstützer gefunden.

Umsetzung der Petition „fragwürdig und problematisch“

Diese Idee würde Sophie Godelmann allerdings nicht befürworten. „Die versuchen sich rauszureden. Acht Jahre wurden wir aufs Abi vorbereitet und jetzt wäre es laut einigen Abiturienten besser, wenn wir kein richtiges Abi bekommen.“ Verständnis für die Petition hat Sophie Godelmann aber allemal: „Mit der psychischen Belastung haben sie schon recht. Es ist eine Ausnahmesituation. Aber für mich kein Grund, die Prüfungen ganz abzublasen.“

Ulrich Walter betrachtet die Petition ebenfalls nicht für durchsetzbar. Er stellt die Frage: „Was, wenn ein Schüler vorweisen kann, sich in den vergangenen vier Halbjahren stetig verbessert zu haben, und durch die Abiturprüfungen die Chance hätte, einen noch besseren Notenschnitt zu erlangen?“ Ein solches Vorgehen habe es noch nie gegeben. Walter: „Ich möchte keine Spekulationen abgeben. Aber ich halte ein Durchsetzen dieser Idee aus rechtlichen Gründen für äußerst fragwürdig und problematisch. Die Prüfungsordnung für die gymnasiale Oberstufe sieht eine solche Regelung nicht vor. Man müsste neue rechtliche Grundlage schaffen, um diesen Weg gehen zu können.“

Am Mittwoch (25.3.) gab die Deutsche Presseagentur bekannt, dass sich die Kultusminister darauf verständigt haben, dass das Abitur wie geplant durchgeführt werden soll.

Dies ist eine Aktualisierung des Artikels, den wir am Mittwoch (25.3.) veröffentlicht haben. Die Information, dass sich die Kultusminister darauf verständigt haben, dass das Abitur wie geplant durchgeführt werden soll, erhielt die Redaktion erst nach Veröffentlichung des Artikels.


Lesen Sie jetzt