Stammkunden entsetzt: Selms Traditions-Gasthaus Suer schließt zum Ende des Jahres

mlzGasthaus Suer

Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, sagt Wirt Stefan Suer (58): „Zum Jahresende schließen wir.“ Nicht nur für den Schützenverein ist das „eine Katastrophe“.

Selm

, 07.05.2019, 18:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Schock kam, als Mitglieder der Schützenbruderschaft Sankt Fabian und Sebastian den Termin für das Ostereierschießen 2020 absprechen wollten. „Da erfuhren meine Schützenkollegen, dass Suer dann geschlossen sein wird“, sagt Vorsitzender Reinhard Jäger: „Das ist für uns eine Katastrophe. Ein Fiasko.“

Die Traditionsgaststätte an der Ludgeristraße, direkt neben der Friedenskirche, sei mehr als nur ein Gasthaus: „Das Zuhause unseres Vereins.“ Ein neues, da ist Jäger sicher, sei schwer zu finden. „In Selm Dorf unmöglich“, ergänzt Reinhard Heimann, der Vorsitzende des Männergesangsvereins Selm, der seit vielen Jahren bei Suer probt.

Wirt hat Stammkunden informiert

Er habe extra früh die Stammkunden informiert, damit sie ausreichend Zeit hätten, sich nach einem neuen Treffpunkt umzusehen, sagt Suer. Aber es stimme schon: Große Auswahl gebe es nicht mehr in Selm. Das Kneipensterben hat in Selm bereits viele Opfer.

Als Stefan Suer 1987 die Leitung des Gasthauses von seinen Eltern übernommen hatte, habe es von den in den 1960er Jahren mehr als 50 Gastronomiebetrieben in der gesamten Stadt Selm noch 32 gegeben, sagt er. Davon seien - wenn man großzügig rechnet - weniger als ein Drittel geblieben, Tendenz sinkend. Den einst großen Wirteverein gibt es schon längst nicht mehr. Heinrich Suer, der Ende 2017 verstorbene Vater von Stefan Suer, war der letzte Vorsitzende.

Mit seiner Entscheidung, zu schließen, endet eine 350-jährige Gastronomietradition der Familie. 1903 habe sein Urgroßvater Heinrich Altenbork in der Selmer Altstadt - in Selm Dorf, wie es auch heißt - das heutige Gasthaus gebaut: „Damals noch mit Bäckerei und kleiner Landwirtschaft“, wie sein Nachfahre sagt. Aber noch ohne die Probleme, die heutige Wirtsleute haben.

„Wir bleiben auf jeden Fall in Selm.“
Stefan Suer

Es gebe nicht den einen Grund, zu schließen, sagt Suer, „sondern eine ganze Reihe“: Personalmangel, Umfeld, verändertes Freizeitverhalten, Gesundheit. „Meine Frau und ich möchten auch noch etwas von uns haben“, sagt er. Das sei kaum möglich, wenn man den ganzen Tag wie sie hinter dem Tresen und wie er in der Küche stehe - und das bei Arbeitszeiten, für die sich heute kaum noch jemand begeistern lasse. Kein Wunder: Die Suche nach einem Nachfolger ist ergebnislos geblieben.

Ehepaar Suer bleibt im Gasthaus wohnen

„Am Wochenende fange ich zwischen 8 und 9 Uhr an“, sagt Suer, „und mache Feierabend, wenn die Abendgesellschaft aufhört zu feiern: manchmal erst um 4 Uhr morgens“. Unter der Woche gehe es immerhin noch bis 22/23 Uhr. Das sei mehr als eine Arbeit, „das ist Leben.“ „Entweder man macht das 150-pozentig und erfolgreich oder besser gar nicht.“ Wie schon seine Eltern wohnt auch das Ehepaar Suer direkt über der Gaststätte. „Und das bleibt auch so. Wir werden Selm auf keinen Fall verlassen.“

Für Stefan Suer war es immer selbstverständlich, einmal die Gaststätte seiner Eltern zu übernehmen. „Als Achtjähriger hatte ich Brot ausgefahren, später in der Gaststätte geholfen.“ Dass er einmal eine Lehre als Koch machen würde - in Münster - , stand da längst fest. Suer kochte im Ausland, in der Schweiz und in Irland, und in Garmisch-Partenkirchen. Als die Eltern erkrankten, kehrte er heim und übernahm den Familienbetrieb zusammen mit seiner Ehefrau: sie im Service, er in der Küche - echte Arbeitsteilung. Und ein echter Knochenjob, den beide ihren Söhnen - der eine lebt in Berlin, der andere in Bochum - nicht ans Herz legen wollten.

Bauarbeiten beginnen im Januar 2020

Droht jetzt ein Leerstand? Stefan Suer verneint. Fest stehe, dass es keine Gastronomie mehr geben wird an der Ludgeristraße 90. Was stattdessen dort einziehen wird, will er aber noch nicht sagen. Die Dinge seien geklärt, aber so lange noch nicht die letzte Unterschrift geleitet sei, wolle er damit nicht in die Öffentlichkeit. Fest steht aber: Im Januar 2020 werden Umbauarbeiten im Erdgeschoss der Gaststätte erfolgen.

Bis dahin muss die Schützenbruderschaft eine neue Vereinsgaststätte gefunden haben. Der Männergesangsverein ist sich da noch nicht so sicher. Der Chor werde jetzt nicht nur darüber nachdenken, wo es mir ihm weitergehen könne, sagt der Vorsitzende Heimann: „Wir werden uns auch fragen müssen, ob es überhaupt weitergeht.“ In einen öffentlichen oder kirchlichen Saal zu wechseln und da zu proben, kann er sich nicht vorstellen. „Das gemeinsame Bier in geselliger Runde gehört doch dazu.“

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