Christel Melis hat als Standesbeamtin in Selm 306 Paare miteinander verheiratet. © Christel Melis
Hochzeiten

Standesbeamtin aus Selm: „Man muss den Funken rüberbringen“

Christel Melis aus Selm hat 306 mal Paare miteinander verheiratet. Bei manchen Trauungen gab es Tränen bei allen Beteiligten, bei anderen musste selbst die Standesbeamtin vorher zittern.

Natürlich kann sich Christel Melis noch an ihre erste Trauung als Standesbeamtin erinnern. Gezittert habe sie, sagt Melis. „Man ist ja aufgeregter als das Brautpaar.“ Geändert hat sich das mit der Aufregung auch nach genau 306 Trauungen nicht. „Das hält bis zum Schluss an“, sagt Melis (63), die seit dem 1. Dezember im Ruhestand ist.

Christel Melis ist erst Mitte 2014 Standesbeamtin bei der Stadt Selm geworden. Zuvor war sie in anderen Bereichen der Stadt eingesetzt. Beim Jobcenter zum Beispiel, im Kulturbereich oder beim Ordnungsamt. Alle diese Jobs hat sie sehr gerne gesagt, erzählt sie, „aber Standesbeamtin zu sein ist einfach eine schöne Aufgabe. Die Menschen sind nicht traurig, oder krank.“

Trauung mit hohem Zitter-Faktor

Es gibt Trauungen, die sind ihr besonders in Erinnerung geblieben. Da war zum Beispiel die Hochzeit mit besonders großem Zitterfaktor. Die Braut hatte schon lange heiraten wollen, erklärt Christel Melis. Aber irgendwie war immer etwas dazwischen gekommen. Also hatte der Bräutigam sie überraschen wollen. „Er hatte alles vorbereitet, das Brautkleid gekauft, den Friseur ins Haus bestellt, die Gäste eingeladen und das Essen bestellt.

Natürlich kann man nicht beim Standesamt aufschlagen, ohne, dass beide Ehepartner zuvor schriftlich ihr Einverständnis gegeben haben. Also hatte Melis mit dem Bräutigam verabredet, dass dieser seine Braut morgens beim Frühstück fragt, sie dann direkt zur Unterschrift ins Standesamt kommt und zwei Stunden später als Braut zurück. Wenn sie nein gesagt hätte, wäre alles vergeben gewesen. Der Bräutigam fragte seine Braut beim Frühstück und sie sagte ja. „Das war sehr rührend, sie erst direkt nach dem Frühstück zu sehen und dann zwei Stunden später als schöne Braut“, sagt Christel Melis. Der Bräutigam sei sich sehr sicher gewesen, dass sie ja sagt. Und so kam es dann ja auch.

„Der Zauber ist da“

Ein anderes Mal gab es kein Happy End. Ein älterer Herr wollte eine Frau aus Paris heiraten. Sie hatten sich noch nie gesehen. Und die Frau wollte Geld für ein Ticket. „Ich habe dann ganz schonend versucht ihm beizubringen, dass er vielleicht einem Betrug aufgesessen ist“, sagt Christel Melis. Sie erklärt dem Herrn welche Unterlagen er von der Frau braucht. Gesehen hat sie ihn nie wieder.

Ein anderes Mal war jemand schwer krank. „Er wusste, dass er sterben wird“, erzählt die Standesbeamtin. Der Mann war so schwach, dass er seine Partnerin zu Hause im Bett heiratete. „Wir haben alle geweint“, sagt Christel Melis. Nicht lange nach der Trauung sei er gestorben. Nicht das einzige Mal, dass Christel Melis so eine Trauung erlebte. „Das sind schwere Momente“, sagt die Selmerin, „aber der Zauber ist da. Auch wenn es nur noch zwei Wochen dauert.“

Nicht nur der Bereich Hochzeiten

Das ist auch der Anspruch von Christel Melis und ihren Kollegen, diesen besonderen Zauber sichtbar zu machen. „Diese reine Zeremonie ist ja schnell zu lernen“, sagt Melis, „aber man muss ja den Funken rüberbringen.“ Schließlich würden viele Paare heutzutage nur noch standesamtlich heiraten und dann solle die standesamtliche Trauung auch etwas Besonderes sein.

Zum Job der Standesbeamtin gehören auch andere Bereiche: das Bekunden von Sterbefällen, von Geburten – in Selm allerdings nur Hausgeburten – und Einbürgerungen zum Beispiel. Die meisten Menschen haben aber wahrscheinlich Hochzeiten vor Augen, wenn sie an Standesbeamte und – Beamtinnen denken.

Dieser besondere Moment

2020 – im Corona-Jahr – war natürlich vieles anders. 150 Trauungen waren es 2019 bis Mitte Oktober, 111 waren es im gleichen Zeitraum 2020, wie die Stadt mitgeteilt hatte. Manche Paare konnten nur zu zweit heiraten – nur die Standesbeamtin war dabei. Andere konnten immerhin noch acht Gäste dazuholen. Einen Unterschied hat es aber zumindest für sie nicht gemacht, vor wie vielen Menschen sie gesprochen hat. „Wir haben das genauso gemacht, als wenn da 100 Leute wären“, sagt es Christel Melis über sich und ihre Kolleginnen im Selmer Standesamt.

Hat sie denn einen Tipp, für all die Menschen, die vielleicht kurz vor der Hochzeit stehen und nervös sind, oder auch diejenigen, die vielleicht schon länger verheiratet sind und gerade eine schwierige Zeit erleben? Christel Melis überlegt. Sie hat so viele Geschichten gehört, wie sich Paare kennenlernen. So viele Arten gibt es, sie hat sie alle gehört. Aber eines, das sei immer gleich: „Wenn man sie fragt, wie sie sich kennengelernt haben, dann sehe ich immer den gleichen freudigen Gesichtsausdruck. Der ist wunderschön,“ Und genau dieses Gefühl, so sagt es die Standesbeamtin, sollte man sich im Herzen bewahren und sich an diesen besonderen Moment erinnern. Egal ob kurz nach der Hochzeit oder nach 50 Jahren Ehe.

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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