Sylvia Engemann blickt in ihr Poesiealbum

Erinnerungen werden wach

Der grüne Ledereinband kann sie auch heute nicht begeistern. Der ist wirklich nicht schön, sagt Sylvia Engemann. Doch trotzdem ist ihr Poesiealbum für sie "ein ganz besonderes Büchlein".

SELM

von Von Benjamin Glöckner

, 23.04.2011, 08:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Doch die genauen Umstände, wie Selms Kämmerin und Beigeordnete zu ihrem Poesiealbum kam, konnte sie nur mit Hilfe des Datums unter dem ersten Eintrag rekonstruieren. 13. Februar 1976 stand da und „somit muss ich das Buch zu meinem neunten Geburtstag bekommen haben“. Dem Geburtstagskind gebührte selbst die Ehre, als erstes hineinzuschreiben: „Dieses Buch, das ist mir lieb. Wer mir’s nimmt, der ist ein Dieb. Wer mir’s gibt, der ist mir recht. Wer’s nicht will, der kennt es schlecht.“ Dann folgte die Mami und erst danach durften ihre Freundinnen ran.

Überhaupt „war das immer so eine Mädchen-Sache“, erinnert sich Sylvia Engemann. Jungs kamen erst später im Gymnasium hinzu. Und auch ihnen gab sie immer mit auf den Weg: „Lass Dir was Schönes einfallen.“ Schließlich wollte sie keine 08/15-Sprüche in ihrem Poesiealbum haben. Außerdem sollte immer schön, sauber und akkurat in dem Büchlein gearbeitet werden: „Ich weiß noch, dass ich meinen Bruder dazu verdonnert habe, auch ja ordentlich zu schreiben“. Was dieser dann auch tat. Doch sein Spruch („Lebe glücklich, werde alt, bis die Welt in Stücke knallt“) kam nicht wirklich gut bei seiner Schwester an.Aber wenigstens hatte er nicht in das Buch gemalt. Denn Zeichnungen in ihrem Poesiealbum mochte Sylvia Engemann gar nicht. In Schönschrift hatte sie deshalb auf der ersten Seite ganz klar vermerkt: „Bitte nicht ins Album malen!“ „Einmal hatte sich eine Freundin von mir nicht daran gehalten. Da bin ich richtig böse geworden.“ Doch warum diese Abneigung? „Die Glanzbildchen waren mir viel wichtiger.“ Besonders kleine Kätzchen und Hunde hatten es ihr angetan. „Und auch Blumen waren damals total ,in‘.“ Wenn jemand mal keine Bildchen hineingeklebt hatte, übernahm das Sylvia Engemann selbst. „Ich hatte eine große Sammlung zu Hause.“

Doch egal wie schön die Bildchen, egal wie sauber die Schrift, egal wie tief schürfend das Gedicht, kam es doch auf die richtigen Menschen im Poesiealbum an. Verwandte, Klassenlehrer oder die Mitstreiter aus ihrer Volkstanzgruppe, in der sie damals aktiv war, durften einfach nicht fehlen. So vergingen schon mal zwei Jahre, bis Sylvia Engemann ihre Grundschullehrerin Frau Wiechmann dazu brachte, in ihr Poesiealbum zu schreiben: „Wenn mir eine Stunde lang erscheint, denke ich daran, dass sie nie wieder kommt und mit einem Schlag wird sie entsetzlich kurz“, gab die ihrer ehemaligen Schülerin auf den Lebensweg. „Ich konnte es damals nicht richtig für mich deuten, aber heute kann ich das schon richtig einordnen“, ist Sylvia Engemann beeindruckt von der Aktualität, die von den Poesiealbum-Einträgen ausgehen kann. Doch auch umgekehrt funktioniert die Erinnerung: Sylvia Engemanns Religionslehrer, Pfarrer Gerhard Finckenstein, verewigte sich mit einem Spruch aus dem „kleinen Prinzen“.

Als sie das Buch von Antoine de Saint-Exupéry wenige Jahre später dann zum ersten Mal las, erinnerte sie sich direkt an den Eintrag ihres Religionslehrers. Der „kitschige“ Klassiker „Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken, Stahl und Eisen bricht, nur unsere Freundschaft nicht“ mag dagegen abfallen, doch „heute freue ich mich über jeden Eintrag.“ Der letzte stammt aus dem Jahr 1978. Ihr Onkel Erwin aus Stuttgart schrieb der zu diesem Zeitpunkt 11-Jährigen seine Glückwünsche für die Zukunft auf. Danach verschwand das Poesiealbum im Regal neben den Kinderbüchern. Doch heute hilft es Sylvia Engemann dabei, ihre Erinnerung wach zu halten: „Es ist total schön, wenn man bewusst darüber nachdenkt.“ Und daran kann auch der unattraktive grüne Ledereinband nichts ändern.

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