Synagogen-Gebäude zeigt Risse, doch eine Sanierung ist nicht vorgesehen

mlzBorker Synagoge

Annähernd 400.000 Menschen besuchten 2018 die NS-Gedenkstätten Nordrhein-Westfalens. Auch die Alte Synagoge in Bork gehört als Erinnerungsort zu diesem Verbund. Doch es gibt Probleme.

Bork

, 06.02.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zahlen des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW zeigen: Trotz des hohen Niveaus der Vorjahre verzeichnen die 28 Gedenkstätten des Bundeslandes einen erneuten Besucherrekord.

Fast zwei Drittel der Gäste kamen dabei in Gruppen und nutzten die vielfältigen Vermittlungsangebote der 28 Einrichtungen im Rheinland und in Westfalen, die sich im Arbeitskreis zusammengeschlossen haben. Über 5600 Führungen sowie mindestens 1700 Seminare vor allem auch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen verdeutlichen das ständige Interesse von Schulen und anderen Bildungsträgern, aber auch Berufsgruppen wie Polizei und Bundeswehr, heißt es in einer Pressemitteilung.

Die Zahlen für die Borker Synagoge lesen sich so: Zu Konzerten kamen 105 Besucher. An drei Führungen mit Kindern und Jugendlichen nahmen etwa 60 Besucher teil.

Es habe sich um Anfragen von Schulen gehandelt, sagt Manon Pirags, stellvertretende Leiterin der Volkshochschule (VHS) Selm. Die VHS betreut die Synagoge. Auch Frauengruppen waren in der Synagoge. Bei zwei Führungen kamen 24 erwachsene Besucher. Veranstaltungen zur politischen Erinnerungs- und Bildungsarbeit fanden bei rund 30 Besuchern Interesse.

Synagogen-Gebäude zeigt Risse, doch eine Sanierung ist nicht vorgesehen

Jüdische Kultgegenstände sind im Eingangsbereich der Synagoge ausgestellt. © Arndt Brede

Beeindruckender Beleg für die Bedeutung

„Die Zahlen sind ein beeindruckender Beleg für die Bedeutung der Gedenkstätten für die historisch-politische Bildung und die Demokratie in Deutschland“, stellt Professor Alfons Kenkmann fest. Kenkmann ist Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e.V. und Professor für Geschichtsdidaktik an der Universität Leipzig.

Er ordnet die große Nachfrage in aktuelle erinnerungskulturelle Diskussionen ein: „In Zeiten, in denen historische Desinformationen laut vernehmbar und die Verschiebung der Sagbarkeits-Grenzen ausgetestet werden, sind die unverändert steigenden Besuchszahlen eine „Abstimmung mit den Füßen“ gegen eine Abkehr aus den Lehren der NS-Vergangenheit.“

Kenkmann weiter: „Angehörige nachwachsender Generationen erhalten an den Gedenkstätten wichtige historische Orientierung für ihren Lauf in die Zukunft.“

Synagogen-Gebäude zeigt Risse, doch eine Sanierung ist nicht vorgesehen

Schriften sind auch im Eingangsbereich der Synagoge zu sehen. © Arndt Brede

Ehrenamtliche können nicht mehr alles stemmen

Doch rund um diese wichtige Arbeit läuft nicht alles rund. „Leider sind die personellen Ressourcen, sowohl im Haupt-als auch im Ehrenamt, sehr begrenzt“, sagt Manon Pirags. Diejenigen, die sich engagieren und die Erinnerung an das Geschichte aufrecht erhalten wollen, seien oft vielfältig ehrenamtlich gebunden. Oder aber es gibt keinen Nachwuchs.

Hatten sich bis vor zwei Jahren noch Ehrenamtliche um den sogenannten Bürgergarten vor der Synagoge gekümmert, seien diese Gartenpflege-Arbeiten altersbedingt vor zwei Jahren von den Ehrenamtlichen an die Stadtwerke übergeben worden.

Zwei Hauptamtliche - Petra Bröscher und Maon Pirags - kümmern sich um die Führungen, besorgen Anschauungsmaterial, organisieren Veranstaltungen, betreuen Konzerte, schleppen Stühle, sammeln Müll vor der Synagoge auf, besorgen Bilderrahmen, die kaputt gegangen sind, fegen heruntergefallenen Putz weg. Einmal wöchentlich kommt eine Reinigungskraft für innen.

Es sind also nicht mehr viele, die die Betreuung der Synagoge stemmen. Engagement ohne Blick auf die Uhr kann das nicht immer wettmachen.

Gedenkstätten sind in ihrer Existenz gefährdet

Die Situation in Selm deckt sich laut Gedenkstätten-Verband NRW mit andern kleinen, weitgehend von außerordentlichem Engagement oder Ehrenamt abhängigen Einrichtungen in NRW. Sie stehen unter der Notwendigkeit, sich einem steten Prozess der Weiterentwicklung und Professionalisierung zu stellen.

Viele davon machen die anfallende Arbeit ehrenamtlich oder gegen bescheidene Honorare. Gerade dies bedeute jedoch mitunter, dass gerade kleinere Gedenkstätten im Falle des Ausfalls engagierter Personen in ihrer Existenz gefährdet sind. Manon Pirags schlägt schon vorsichtig die Werbetrommel: „Die VHS Selm ist immer für weitere, historisch interessierte Menschen offen, die ihre Zeit für die Gedenkstättenarbeit zur Verfügung stellen wollen.“

Förderprogramme könnten helfen

Einen anderen Ansatz propagiert der Gedenkstätten-Verband NRW. In einer Pressemitteilung heißt es: „Es bedarf noch weiterer verlässlicher institutioneller Förderung, um auch diese Orte abzusichern. Gerade diese Dezentralität der kommunalen oder von Vereinen getragenen Gedenkorte zeichnet die Erinnerungskultur im bevölkerungsreichsten Bundesland aus.

Hier greifen die Vernetzungstätigkeit des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte NRW e.V. und erste Förderprogramme der Landeszentrale für politische Bildung NRW und der Landesregierung.“ So habe der Parlamentarische Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, Klaus Kaiser, 2018 eine Besuchstour durch alle im Arbeitskreis organisierten NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte des Bundeslandes begonnen, die 2019 fortgesetzt werde.

Auch Selm stehe noch auf dem Besuchsplan. Allerdings, so gibt die stellvertretende Selmer VHS-Leiterin, Manon Pirags, zu bedenken, bedürfe es zur Partizipation an solchen noch so kleinen Förderprogrammen zum einen der Arbeitszeit, diese zu entwickeln und zu beantragen, sowie teilweise auch, wenn auch sehr geringer, Eigenbeiträge.

Gebäude zeigt zwei Jahrzehnte nach der Sanierung tiefe Risse

Wie sehr drängt es denn in Bork in Sachen Bausubstanz der Synagoge? Wie Manon Pirags erklärt, weisen Besucher der Führungen und Konzerte in der Synagoge die hauptamtlichen Mitarbeiter der VHS darauf hin, dass eine Renovierung dringend geboten sei.

In der Broschüre „Jüdisches Leben in Selm und Bork“ ist zu lesen: „Leider zeigt das Gebäude mehr als 20 Jahre nach der Restaurierung tiefe Risse. Es ist daher notwendig, dass die Stadt Selm auch weiterhin Geld für die Erhaltung eines ihrer bedeutenden Denkmäler investiert, das einen wichtigen und nie zu vergessenden Teil der Selmer Geschichte repräsentiert.“

Stadt hält die Bausubstanz für grundsätzlich ausreichend

Die Stadt Selm sieht die Bausubstanz der alten Synagoge „grundsätzlich als ausreichend“ an, teilt Stadtsprecher Malte Woesmann auf Anfrage der Redaktion mit. „Die letzte Generalsanierung hat vor circa 25 Jahren stattgefunden. Klar ist, dass nach so einem Zeitraum erneut einzelne Sanierungs- und Ausbesserungsarbeiten anstehen.

Gelder, explizit für die Sanierung der Synagoge in Bork, stehen dafür nicht im Haushalt. Aus Mitteln der Gebäudeunterhaltung können nach Priorität Reparaturen vorgenommen werden. Die entsprechende Abteilung der Stadtverwaltung ist mit entsprechenden Planungen bereits beauftragt.“ Externe spezielle Förderprogramme für den Erhalt oder die Sanierung der Synagoge werden geprüft.

Idee: Förderkreis gründen

Unabhängig von der Diskussion um Personal und Bausubstanz: Die VHS hat schon Ideen, wie dieser Ort des Gedenkens noch mehr ins Bewusstsein gerückt und auch erhalten werden kann. Eine der Idee: die Gründung eines Förderkreises, gegebenenfalls in Form eines Vereins.

„Unter anderem auch deshalb, um bei der Landeszentrale für politische Bildung geringe Mittel für Projekte beantragt werden können; engere Kooperationen mit den Schulen und auch mit der Polizeiausbildungsstätte“, berichtet Manon Pirags. „Denn immerhin ist es eine der wenigen erhaltenen Landsynagogen in NRW. Die nächsten sind in Drensteinfurt und am Niederrhein.“

Synagogen-Gebäude zeigt Risse, doch eine Sanierung ist nicht vorgesehen

Der Sternenhimel, der die Decke des Innenraums der Synagoge in Bork ziert. © Nico Driemecker

Eine weitere Idee: In Absprache mit Denkmalpflegern soll die Lichtgestaltung im Innenraum angepackt werden. Manon Pirags sagt, warum: „So kommt nämlich der Sternenhimmel gar nicht zur Geltung. Ideal wäre Lichtgestaltung außen, um das Gebäude mehr in den Stadtraum zu holen.“

Zudem wollen sich die Verantwortlichen bei der VHS um die kleinen Fenstern an der Frauenempore kümmern. Die seien mit Brettern von innen zugemacht.

„Avisiert ist eine kleinere Wanderausstellung des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. für Februar 2020 zum Thema „Some Were Neighbours – einige waren Nachbarn“, die in dieser Woche in Berlin eröffnet wird und in ganz Deutschland auf die Reise geschickt wird“, so Manon Pirags weiter.

Die Geschichte der Synagoge Bork
  • Über die Geschichte der Borker Synagoge liegen laut der Broschüre „Jüdisches Leben in Selm und Bork“ nur wenige Quellen vor. Im Jahr 1818 wird sie demnach das erste Mal im Häuserverzeichnis des Amtes Bork erwähnt. Es bleibe unklar, wann sie gebaut wurde. Von 1821 bis 1899 wurde die Borker Synagoge auch als Schule für jüdische Kinder genutzt.
  • Am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, wurde die Borker Synagoge geplündert und beschädigt, allerdings nicht angezündet. Die jüdische Gemeinde wurde gezwungen, das Gebäude zu verkaufen.
  • Im Sommer 1942 hörte die jüdische Gemeinde auf zu existieren. Sie diente fortan rein weltlichen Zwecken und wurde vom damaligen Eigentümer in einen Kohlenschuppen umgewandelt.
  • 1986 kaufte die Stadt Selm das Gebäude und restaurierte es mit Unterstützung des Landes NRW.
  • Heute nutzen die VHS und die Musikschule die Synagoge als Übungs- und Veranstaltungsraum.
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