Gestalterisch unter die Haut geht es im Selmer Tattoo-Studio „Hautnah dabei“. Ein Tätowierer erzählt, welche Motive die Kunden wollen und von welchen Körperstellen er die Nadel lässt.

Selm

, 05.03.2019, 05:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Liegestühle, Stehlampen, Gummihandschuhe, Desinfektionsmittel und ein surrendes Gerät, das Löcher macht. Aber hier ist es nicht klinisch weiß. Ganz im Gegenteil: hier geht es um Farben, hier geht es um Stile. Der Ort des Geschehens ist kein Zahnarztbehandlungszimmer. Es ist ein Tattoostudio an der Kreisstraße.

„Die ländliche Gegend wird unterschätzt“, erklärt Tätowierer Mathias Probst (47), warum es in der Region vergleichsweise wenige Studios gibt. Er ist Tätowierer im Tattoo- und Piercing-Studio „Hautnah dabei“ von Bianca Grundig auf der Kreisstraße. Die Kunden kämen hauptsächlich aus Selm und Umgebung. Einige aber auch von wesentlich weiter weg.

„Das ist wie ein Marathon für den Kunden“

Der Arm des Kunden auf dem Liegestuhl ruht auf einer Ablage, eine Lampe ist direkt darauf gerichtet. Auf der Schulter ist schon ein Totenkopf zu sehen. Vom Handgelenk aus kriechen Flammen in Richtung Ellenbogen. Eine Skeletthand ragt aus den Flammen. Dazwischen, rund um den Ellenbogen, ist noch freie Hautfläche.

Der Arm soll noch komplett voll werden. Zunächst müssen die Flammen aus Tinte jedoch weiterkriechen. Was dazwischen kommt? Zwei Münzen und Flammen bis zum Totenschädel auf der Schulter.

Das Ganze dauert zusammen etwa zwölf Stunden – vier Stunden höchstens pro Sitzung. „Das ist wie ein Marathon für den Kunden, was das Stresslevel für den Körper angeht. Der Kunde wird irgendwann unruhig. Dann höre ich auf“, sagt Probst.

Mathias Probst (47) hat in die Tattoos auf dem eigenen Körper rund 20.000 Euro investiert, schätzt er.

Mathias Probst (47) hat in die Tattoos auf dem eigenen Körper rund 20.000 Euro investiert, schätzt er. © Wilco Ruhland

Flammen und Totenschädel sind Klassiker. Weniger eine Modeerscheinung wie das im Volksmund genannte „Arschgeweih“ – ein Tribaltattoo auf dem weiblichen Steiß, das vor allem in den 90er-Jahren häufig gestochen wurde. „Arschgeweihe gibt‘s nicht mehr. Ich habe lange keins mehr gemacht, aber schon häufiger ein cover up gemacht“, sagt der 47-jährige Tätowierer.

„Cover up“, (zu Deutsch: überdecken) bedeutet, ein altes Tattoo unter einem neuen verschwinden zu lassen. Das neue ist dann aber meist entsprechend größer und teurer, sagt Probst. Auch unschöne Narben deckt er häufig mit einem Tattoo ab oder baut sie sogar in das Motiv ein.

Nicht leicht zu beeindrucken

Heutzutage seien beispielsweise Taschenuhr-Motive sehr in Mode. „Mit den Zeigern kann man viel Bedeutung hereinbringen“, meint der Tätowierer. Wenn sie etwa auf bestimmten Zeiten zeigend eine Jahreszahl oder ähnliches symbolisieren. Oft stellen diese Uhren „Gedenktattoos oder welche für die Kinder“ dar, sagt er.

Wenn es um außergewöhnliche Motive geht, ist er nicht leicht zu beeindrucken. Mathias Probst beschäftigt sich seit 1991 mit Tattoos, tätowiert seit Ende der 90er-Jahre selbst. Er hat schon vieles gesehen. Sei es auf Haut oder auf Papier.

Motive für Landwirte

„Wirklich außergewöhnlich macht ein Motiv für mich erst die Bedeutung, die dahintersteckt“, sagt er. Beispiel: „Einer Frau sollte ich mal den Namen ihres Exfreundes unter den Fuß stechen. Warum denn gerade der Name vom Exfreund, habe ich gefragt. Sie sagte, sie will mit jedem Schritt seinen Namen treten“, erzählt Probst die Anekdote, während er den Flammen vor ihm einen tintenhaften Schatten verleiht. „So eine Bedeutung macht das Motiv für mich besonders.“

Auffällig: Der ländliche Bereich brächte auch entsprechende Motive zum Vorschein. „Ich habe tatsächlich einen Bauern als Kunden, dem ich einen Amboss gestochen habe. Bei Frauen kommen hier zwischen den Blumen oft Ähren dazu. Der Standort wirkt sich immer auf die Tattoos aus“, erklärt Probst.

Frauen machen „die krasseren Sachen“

„Tätowierungen liegen im Trend, etwa jeder Achte in Deutschland hat sich bereits ein Tattoo stechen lassen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) aus dem November 2018. „Frauen sind deutlich häufiger tätowiert als Männer“, heißt es dort außerdem.

„Das stimmt“, sagt Mathias Probst aus dem Tattoostudio in Selm, der selbst Olfener ist. Das Verhältnis läge mittlerweile bei etwa 60 zu 40 Prozent Frauenanteil unter seinen Kunden, schätzt er. „Das hat sich seit den 90ern stark gewandelt“, sagt er. Probst sagt aber auch: „Frauen machen oft die krasseren Sachen – größer und mehr.“

Alles für jeden?

Wenn Probst von „krasseren Sachen“ spricht, meint er damit auch je krasser, desto besser? Würde er alles überall hin tätowieren? „Ich würde keine verbotenen Sachen stechen, wie Hakenkreuze oder ähnliches“, sagt Probst. Aber: „Das, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann, tätowier ich auch.“

Also kann jeder alles haben? Das verneint der Mann mit den volltätowierten Armen. „Das ist immer stark typabhängig“, erklärt er. Er hätte auch schon Kunden nach Hause geschickt. „Wenn jemand kommt, ohne ein einziges Tattoo am Körper, und plötzlich eine Waffe im Gesicht haben will, versuche ich, ihm das auszureden oder Alternativen zu bieten.“ Und weiter: „Das muss für mich begründbar sein.“

„Ich würde gerne mal einen Kinderriegel auf einen Penis tätowieren.“
Mathias Probst, Tätowierer

Das Gesicht würde er aber nicht prinzipiell als Ort für den Körperschmuck aus Tinte ablehnen. Er habe auch schon Gesichter tätowiert. Was er jedoch nicht machen würde, wären Augenlider zu tätowieren. „Die Gefahr, durch die dünne Haut durchzustechen, ist zu groß“, sagt er. Auch von Lippen lässt er die Nadel. „Da kommt kein qualitativ gutes Ergebnis heraus“, lautet seine Begründung.

Gibt es sonst noch Körperstellen, die er nicht tätowieren würde? „Ich würde gerne mal einen Kinderriegel auf einen Penis tätowieren“, sagt er mit einem Grinsen. Lustiges finde er immer gut. „Etwas Witziges bekommt aber auch nicht jeder“, sagt er dann wieder ernster, während er den vor sich liegenden Arm auf der Ablage dreht. Die Armhaltung sei auf Dauer wesentlich unangenehmer als das Stechen an sich, bestätigt der Kunde mit dem schon deutlich entflammterem Arm.

„Gesundheitsamt sollte genauer hinsehen“

„Tattoos gehören zu keiner Gesellschaftsschicht“, sagt Probst. Er kenne Anwälte oder Ärzte mit volltätowierten Körpern. Auch die Altersspanne sei riesig. Ab 18 geht es los. „Der Älteste, den ich tätowiert habe, war 64“, erinnert sich Mathias Probst. Dieser wollte den Namen seiner Frau, nach vielen Jahren Ehe, auf dem Körper tragen. Und wenn nun ein 18-Jähriger kommt und den Namen seiner Freundin auf dem Körper verewigen lassen möchte? Probst: „Dann berate ich möglichst so, dass er es sich anders überlegt. Und wenn er unbedingt darauf besteht, lege ich das Tattoo so an, dass es leicht zu covern ist.“

Generell unterliegen gewerbliche Tattoo-Studios gewissen Auflagen des Gesundheitsamtes. Welche Farben und Materialien benutzt werden und wie es um Desinfektion steht. Wichtig sei Probst aber, dass das Gesundheitsamt noch genauer hinsehe: „Wir sind im achten Geschäftsjahr. In diesem Lokal seit zwei Jahren. Wir wurden nur zweimal kontrolliert, soweit ich mich erinnere“, sagt er.

„Es kann auch das Wohnzimmer sein“

„Die Untersuchungsfrequenz richtet sich nach dem Eindruck von vorherigen Untersuchungen des Geschäftes“, erklärt dazu Dr. Roland Staudt vom Gesundheitsamt des Kreises Unna. Das heißt: Sollte ein guter Eindruck entstehen, dass sich das Studio an alle Hygienevorgaben hält, werde es seltener besucht. „Es gibt keine strengen Begehungsintervalle“, sagt Staudt. Das passiere individuell.

Dem Gesundheitsamt sind vier Selmer Orte gemeldet, an denen Tattoos entstehen. Diese kontrolliert das Gesundheitsamt. Das „Hautnah dabei“ ist aber das einzige gewerbliche Studio in Selm. „Da wird aber nur die Entscheidung zwischen stationär und mobil gemacht“, sagt Dr. Roland Staudt vom Gesundheitsamt Kreis Unna. Bei stationär „kann es aber auch das Wohnzimmer sein“, sagt Staudt.

Im gesamten Kreis Unna kontrolliert das Gesundheitsamt 33 Tattoo-Studios und fünf mobile Tätowierer. In Selm ist es ein einziger mobiler. „Diese Einrichtungen sind dem Gesundheitsamt zur Zeit gemeldet und unterliegen damit der infektionshygienischen Überwachung“, erklärt Staudt.

„Farbe ist nicht so meins“

Um aktuell zu bleiben, besuchen die Tätowierer vom „Hautnah dabei“ Schulungen. Jeder Tätowierer habe Stile, in denen er sich wohl fühlt, sagt Mathias Probst. Er selbst mag am liebsten das Schattieren: „Das könnte ich stundenlang machen.“ Von Farbtattoos lässt er möglichst die Finger. „Farbe ist nicht meins, das ist so schmierig“, sagt Probst.

Probst (r.) tätowiert höchstens vier Stunden am Stück.

Probst (r.) tätowiert höchstens vier Stunden am Stück. © Wilco Ruhland

Die Flammen vor ihm erhalten auch keine Farbe. Aber Schatten. Mit der breiten Nadel schattiert Probst schon eine ganze Weile in der aktuellen Sitzung. Immer wieder wischen, desinfizieren und cremen seine Arme mit den vielen Tintenbildern den Arm, der vor ihm liegt. In die Tattoos am eigenen Körper hat Probst schon rund 20.000 Euro investiert, schätzt er. „Ich lasse mich aber nur von Leuten tätowieren, die besser sind als ich – um zu lernen“, sagt er.

Sich selbst hat er natürlich auch schon tätowiert. „Damals habe ich mir gedacht, ich könnte mir einen Stern in die Handfläche tätowieren.“ Leichtes Motiv, straffe Haut – so der Gedanke. „Das war ein Fehler“, erinnert sich der 47-Jährige mit einem Lachen. Tradition in dem Selmer Studio sei es ohnehin: „Bevor du einen Kunden tätowierst, tätowierst du dich erst selbst“, sagt Probst.

Noch einen Totenkopf, bitte

Die Flammen am Handgelenk sitzen. Viel weiter Richtung Ellenbogen sind sie in dieser Sitzung aber nicht gekrochen. Dafür hat der Tätowierer zu viel erzählt. Die Lücke mit freier Haut ist noch da, wenn auch etwas kleiner geworden.

Direkt kommt die Besprechung nach der Sitzung. Schnell ist der Tablet-PC gezückt, Beispiele gezeigt und Optionen gegeben. „Sollen wirklich die Flammen bis oben gehen, oder möchtest du noch einen Totenkopf dazwischen?“, fragt Probst seinen geduldigen Kunden.

Viele Tattoos entwickeln sich erst so nach und nach. Die Vorbesprechung sei wichtig, doch mindestens genauso wichtig sei die Nachbesprechung nach jeder Sitzung. „Tattoos sind Collagen“, sagt Probst. Der Kunde entscheidet sich nach etwas Bedenkzeit für einen weiteren Schädel. Mathias Probst: „Ein Totenkopf ist wie eine Bratwurst: geht immer.“

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