Bestatter müssen derzeit hohe Sicherheitsvorkehrungen treffen, wenn sie Verstorbene überführen. Selmer Bestatter haben verschiedene Ideen für Trauerfeiern, die mitunter befremdlich anmuten.

Selm

, 15.04.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Selm gibt es seit Montag (13.4.) den ersten Todesfall durch das Coronavirus. Bestatter müssen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie schon seit längerer Zeit gewisse Sicherheitsvorkehrungen treffen, wenn sie Verstorbene überführen. Weil niemand genau weiß, ob auch Tote, die mit dem Coronavirus infiziert gewesen sind, nach wie vor ansteckend sind, werden die Sicherheitsvorkehrungen bei Bestattern dementsprechend hochgefahren.

„Bei jedem Todesfall - egal ob Corona-Patient oder nicht, ob die Person im Altenheim oder im Privathaus gewohnt hat - rücken wir derzeit mit Schutzkleidung aus. Die umfasst Handschuhe, FFP2-Masken, Schutzanzüge und -visiere“, sagt Frank Modler vom Selmer Bestattungsinstitut Himmel und Erde. „Das geschieht zu unserem eigenen Schutz. Nicht bei jedem Toten wird ein Abstrich gemacht, deshalb ist im Einzelfall nie zu 100 Prozent nachvollziehbar, was genau die Todesursache war, und, ob ein Verstorbener nicht doch das Virus in sich trägt“, so Modler.

„Damit die Zahl der Todesfälle niedrig bleibt“

Doch warum wird nicht bei jedem Verstorbenen ein Corona-Abstrich gemacht? Winfried Assenkamp vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen in Selm hat da eine Vermutung: „Ich könnte mir vorstellen, dass nicht bei jedem Toten ein Abstrich gemacht wird, damit die Zahl der Corona-Todesfälle niedrig bleibt.“

Nachfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe: Warum werden nicht alle Verstorbenen auf Corona getestet? Die Antwort liefert Dr. Prosper Rodewyk: „Jeden Toten zu untersuchen, wäre unsinnig. Bei Menschen, die bei einem Autounfall gestorben sind oder vor ihrem Tod schwer herzkrank waren, ist die Todesursache ja meist eindeutig. Wenn die Menschen vor ihrem Tod keine Symptome aufgewiesen haben, ist ein Abstrich daher nicht zwingend notwendig.“

Maßnahmen bei verstorbenen Covid-19-Patienten

Wenn ein Verstorbener zu Lebzeiten oder nach seinem Ableben positiv auf Corona getestet worden ist, so sehen Bestatter dies auf dem Totenschein. „In diesem Fall müssen wir den Verstorbenen in Leinentücher einwickeln, die zuvor in Desinfektionsmittel getränkt worden sind. Dann kommt um den Verstorbenen noch ein sogenanntes Bodypack. Dabei handelt es sich um eine verschließbare Unfall-Hülle, die ebenfalls desinfiziert wird“, erklärt Frank Modler.

Diese Hülle muss wie auch der Sarg, in den der Verstorbene hineingelegt wird, mit einem Aufkleber versehen werden, der die verstorbene Person als infektiös kennzeichnet.

Bestatter kein systemrelevanter Beruf

Im Bestattungsunternehmen Assenkamp tragen die Mitarbeiter grundsätzlich Schutzkleidung, wie Winfried Assenkamp sagt: „Das ist nichts Neues. Das machen wir schon seit Jahrzehnten.“ Das machen Annika Medding und ihre Kollegen im Bestattungsunternehmen Medding ebenfalls: „Handschuhe haben wir sowieso immer an. Normalerweise würden wir aber keine Mundschutze tragen. Aktuell schon, weil es die Gesetzeslage so gebietet.“

Dabei stößt Medding auch ein anderes Thema auf: das der Systemrelevanz. „Wir Bestatter gehören nicht zu den systemrelevaten Berufen. Das ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar. Die Beschaffung der Schutzmaterialen gestaltet sich für uns zudem als äußerst schwierig. Die Mundschutze sind extrem teuer geworden und entsprechen teilweise nicht einmal den Vorschriften“, sagt sie.

Auflagen für Trauerfeiern und Beisetzungen

Nicht nur bei der Überführung von Verstorbenen gelten für Bestatter derzeit besondere Schutzmaßnahmen - die Corona-Krise hat auch die Auflagen für Trauerfeiern und Beisetzungen verschärft. „Trauerfeiern und Beerdigungen dürfen nur noch von den engsten Angehörigen besucht werden. Also von Eltern, Geschwistern und Kindern“, so Frank Modler. Annika Medding ergänzt: „Trauerfeiern dürfen derzeit nur noch unter freiem Himmel durchgeführt werden.“

Dafür zeigen die Angehörigen laut Medding Verständnis. „Die Leute verhalten sich vorbildlich. Ich glaube jeder hat derzeit den Ernst der Lage erkannt. Trotz der Auflagen sagen die meisten, dass die Trauerfeiern schön und würdevoll durchgeführt werden. Aber natürlich ist das kein Vergleich zu einer Trauerfeier in einer Trauerhalle, wo auch zahlreiche Freunde kommen können.“

Nachträgliche Erinnerungs-Gottesdienste und Live-Streamings

Weil Trauerfeiern derzeit nur vom engsten Familienkreis besucht werden dürfen, hat Frank Modler bereits ein neues Angebot geschaffen; Himmel und Erde bietet für den Fall, dass es gewünscht wird, inzwischen Live-Streamings von Trauerfeiern an. Diese können dann über einen verschlüsselten Link, der an weitere Angehörige versendet wird, online angesehen werden. „Das war anfangs natürlich sehr befremdlich für uns. Aber es ist grauenvoll, bei einer Trauerfeier eines guten Freundes nicht dabei sein zu dürfen. Daher bietet wir so etwas an“, sagt Frank Modler.

Jetzt lesen

Eine solche Anfrage auf ein Live-Streaming einer Trauerfeier hat Annika Medding bisher nicht erhalten. Sie bietet aber die Möglichkeit an, im Nachhinein, ohne festen Termin, einen Erinnerungs-Gottesdienst zu feiern - mit den Menschen, die bei der Trauerfeier nicht dabei sein konnten. „Einen fixen Termin vergeben wir dafür nicht. Bisher haben wir für dieses Angebot viele positive Rückmeldungen erhalten von Angehörigen von Verstorbenen, die diese Idee einfach mal für sich mitgenommen haben. So können sie sich immer noch entscheiden, ob sie später noch einmal in einem größeren Kreis des Verstorbenen gedenken.“

Lesen Sie jetzt