Eine Selmer Mutter wird Weihnachten kurzfristig ohne ihren Mann feiern, der für die Beziehung zu ihr und dem gemeinsamen Sohn keine Zukunft sieht. © picture alliance/dpa
Familienfest

Trennung vor Weihnachten: „Im ersten Augenblick habe ich gar nichts gefühlt“

Eine Selmer Mutter wird Weihnachten anders feiern als geplant: bei ihren Eltern, mit ihrem kleinen Sohn - und ohne ihren Mann. Der hat ihr eröffnet, dass er sich eine andere Zukunft wünscht.

Es sind noch knapp sechs Wochen bis Weihnachten. Hannah Schwenken (Name von der Redaktion geändert) sitzt zu Hause und freut sich: Ihr Mann hat ihre Lieblingspizza bestellt, der 18 Monate alte Sohn schläft, alles sieht nach einem entspannten und romantischen Abend aus. Nach dem Essen erklärt ihr Mann dann, dass er sich ein anderes Leben vorgestellt hat und keine gemeinsame Zukunft für die Familie sieht.

„In dem Augenblick habe ich erstmal gar nichts gefühlt“, sagt die Selmerin rückblickend. Das hat sie selbst überrascht, denn sie sei eigentlich ein emotionaler Mensch. „Es bricht dann aus mir heraus, danach ist es aber auch gut.“ Doch in diesem Moment, in dem sich ihr Leben komplett ändern sollte, war da erstmal nichts. Wobei: „Noch während er sprach, fing ich in meinem Kopf an, Listen zu erstellen.“ Wo kann sie hin, was nimmt sie mit, wie geht es weiter? Denn eines sei ihr sofort klar gewesen: „Ich ziehe aus. Mit einem Menschen, der mir auf den Kopf zusagt, dass ich nicht mehr in sein Leben passe, will ich auch nicht zusammen sein.“

Schnell eine neue Wohnung gefunden

Seit 19 Jahren waren Hannah Schwenken und ihr Mann ein Paar, sie lernten sich in der Oberstufe kennen. „Er war eher still, ich eher laut. Aber wir haben gut zusammengepasst, hatten die gleichen Ziele“, sagt sie und meint damit vor allem die Reiseleidenschaft: Das Paar zog es oft in den Norden, nach Skandinavien oder auch Schottland. „Unser Filmgeschmack war ähnlich – genau wie unser Humor.“

Doch zum Lachen war Hannah dann doch nicht mehr zumute, als ihr klar wird, dass sie Weihnachten dieses Jahr bei ihren Eltern feiern wird – mit ihrem Sohn, aber ohne ihren Mann. „Zum Glück habe ich recht schnell eine Wohnung gefunden und kann dort im Januar einziehen.“ Dass sie das Kind und den gemeinsamen Hund mitnimmt, sei von vornherein klar gewesen. Gerade in den kurzen Nächten ist die Mama die Bezugsperson, und der kleine Junge hat die nötige Ausdauer, um diesen Anspruch zu untermauern. „Es war ja immer so, dass mein Mann abends von der Arbeit gekommen ist und den Kleinen dann noch kurz gesehen hat.“ Ansonsten habe sie, wie in den meisten Fällen nach der Geburt üblich, den Hauptteil der Arbeit übernommen. Das wird nun auch so bleiben.

„Aber natürlich darf mein Sohn seinen Vater so oft sehen, wie er möchte“, ist Hannah optimistisch, dass das neue Jahr besser wird als das alte.

„Vielleicht war die Schwangerschaft ein Fehler“

Denn auch das gehört zur Wahrheit: Seitdem das Kind da ist, wurde es für das Paar schwieriger. „Sechs Jahre lang haben wir versucht, schwanger zu werden. Für ihn war klar, dass wir nur eine gemeinsame Zukunft haben, wenn wir ein Kind bekommen.“ Als Hannah genau das gedanklich abgehakt hatte, passierte es dann doch. „Die Schwangerschaft war nicht leicht, die Geburt die Hölle.“

Es habe gedauert, bis sie eine Bindung zu ihrem Kind aufbauen konnte. Und dann sagt plötzlich derjenige, der ein Kind als Bedingung für eine gemeinsame Zukunft gemacht hat, dass das Ganze doch nichts für ihn sei. „Da habe ich natürlich schon überlegt, ob es nicht doch ein Fehler war, dass wir ein Kind bekommen haben.“ Gedanken, die jedoch nichts an ihren Gefühlen für den mittlerweile 19 Monate alten Sohn ändern können: „Mein Sohn kommt immer zuerst, alles andere hat sich hinten anzustellen.“

Entsprechend hat sich Hannah darauf konzentriert, ihr Leben schnell neu zu ordnen, um ihrem Sohn so viel Normalität wie möglich zu geben. Das forderte allerdings dann doch einen harten Einschnitt: „Ich musste mein Pferd verkaufen.“ Finanziell wäre es zwar möglich gewesen, das Tier zu halten. „Aber zeitlich nicht. Ich hätte weder meinem Sohn noch dem Pferd gerecht werden können.“ Und an dem Tag, an dem eine Freundin das Pferd wegbrachte, brach es dann doch kurz aus ihr heraus: „Ich habe meinem Mann das Boxenschild vor die Füße geworfen und ihm ziemlich viele Dinge unter die Nase gerieben.“ Als dieser dann jedoch mit ihr über Unterhalt diskutieren wollte, sei es zu viel geworden: „Ich habe gesagt: ,Ich bestelle mir jetzt eine Pizza, mache mir ein Bier auf, und du gehst mir aus dem Licht.‘“

Viel Hilfe aus dem Freundeskreis

Mittlerweile, mit etwas Abstand, hat sich Hannah mit der Situation arrangiert. Unterstützung gibt es von ihrem Freundeskreis: „Die meisten waren natürlich geschockt, haben aber auch sofort ihre Hilfe angeboten.“ Dass so viele Menschen alles stehen und liegen lassen, um sie zu unterstützen, habe ihr die größte Kraft gegeben. Kraft, die jedoch nicht reichen wird: „Natürlich gibt es Momente, in denen du nur schreiend im Kreis laufen willst. Wobei ich dann so fertig bin, dass ich nur noch dasitze und die Wand anstarre.“ Aufgeben gilt für sie nicht. „Es muss weitergehen. Demnächst, wenn mein Sohn die erste Nacht bei seinem Vater schläft, habe ich Zeit, um zusammenzubrechen.“

Bis dahin gibt es noch viel zu tun: Das Haus soll verkauft werden, auf eine anwaltliche Begleitung der Trennung möchte Hannah verzichten – und glaubt, dass ihr Mann das genauso sieht: „Wir sind uns da ziemlich einig. Überhaupt verstehen wir uns jetzt, nachdem wir uns komplett ausgesprochen haben, sogar besser als vorher.“

Also doch eine Chance auf eine schnelle Rückkehr? „Dass ich ausziehe, steht fest.“ Allerdings könne man Gefühle nicht abstellen. „Ich hätte die Trennung jetzt nicht gebraucht. Natürlich liebe ich ihn immer noch. Nur Pizza werde ich mit ihm wohl nicht mehr essen.“

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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