Wiederholt haben Bauern gegen die ihrer Meinung nach zu niedrigen Preise demonstriert. © dpa
Lebensmittel

Verlierer gegen Aldi und Co.: Selmer Landwirt sieht Geld knapp werden

Es sind vor allem die Schweinebauern, die sich mit einer doppelten Krise konfrontiert sehen. Nicht nur der Selmer Ortslandwirt Friedhelm May sieht dabei Discounter in der Verantwortung.

Landwirte trifft es zur Zeit gleich doppelt: Nicht nur Corona setzt ihnen ihnen zu, auch die Afrikanische Schweinepest sorgt für prekäre Verhältnisse. Ihretwegen fällt der große Markt China als Abnehmer aus. Vor Ort fehlen wegen des Corona-Lockdowns die Restaurants als Fleischbezieher. In der Folge wird der Markt mit Fleisch und Milch überschwemmt. So sehr, dass er die Mengen nicht mehr aufnehmen kann. Und nach den Regeln der Marktwirtschaft drückt ein Überangebot den Preis.

Seit Wochen protestieren Landwirte deswegen vor Discountern wie Lidl und Aldi und vor Molkereien: Vor einer Woche vor einem Lidl-Zentrallager in Westerkappeln, zuvor in Velen, Coesfeld oder Rheda-Wiedenbrück und zuletzt am Dienstag (7. 12.) vor einem Aldi-Zentrallager in Greven. „Die Preise sind im Moment desaströs“, erklärt Selms Ortslandwirt Friedhelm May. „Ein Kilo Schwein kostet jetzt 1,17 Euro, während es vergangenes Jahr noch bei 1,90 Euro lag. Da funktionierte der Markt noch. Wir können mit diesen Preisen nicht mehr klarkommen.“

50 Mio. reichen nicht

Vor wenigen Tagen nun sagte Lidl insbesondere den Schweinehaltern eine Zahlung von 50 Millionen Euro über die Initiative Tierwohl zu. Die Initiative Tierwohl ist ein seit gut fünf Jahren existierendes, Branchen übergreifendes Bündnis aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittel­einzelhandel. Aus einem Fonds erhalten teilnehmende Landwirte einen Ausgleich für die Kosten für Tierwohl-Maßnahmen, die über das gesetzliche Maß hinausgehen. Zum Beispiel haben die Tiere dann mehr Platz.

Auch in der Region nehmen viele Höfe an der Initiative teil. „Schön, dass Lidl die Initiative Tierwohl unterstützen will, aber wir brauchen eine grundlegende Abkehr von der massiven Preisdruckpolitik des Lebens­mittel­einzelhandels“, kommentiert Hans-Heinrich Wortmann, der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe (Kreis Unna, Bochum, Dortmund, Hamm und Herne), das Zugeständnis.

Die Zahlung in die Initiative Tierwohl ist damit kein Ausgleich für den permanenten Preiskampf, sondern eine Erstattung der zusätzlichen Kosten für konkrete Tierwohl­-Maßnahmen“, stellt Wortmann klar und führt weiter aus: „Das ist ein guter Ansatz, es kann aber kein Feigenblatt für das Fortführen der „Geiz ist geil“-Mentalität im Lebensmittelhandel sein.“ Wegen des andauernden Preiskampfes verlören die Bauern diesen Betrag fast wöchentlich. Im Lebensmitteleinzelhandel müsse es eine höhere Wertschätzung für Lebensmittel gebe. Unlautere Handelspraktiken müssten ein Ende haben, sagt Wortmann.

Schweinezucht schwer regulierbar

Auch Ortslandwirt Friedhelm May sieht die Zahlung kritisch: „Das ist viel zu wenig“, sagt er, dessen Betrieb ebenfalls an der Initiative Tierwohl teilnimmt. Pro Betrieb sind das vielleicht 200 Euro, also fast nichts. Wir brauchen aber langfristig faire Preise, solche von denen man tatsächlich leben kann.“

Insgesamt sieht May den Einzelhandel als klaren Gewinner der Doppel-Krise, die Landwirte als die Unterlegenen. „Für Ferkelerzeuger gibt es nichts mehr zu lachen“, sagt er. In der Konsequenz das Überangebot zu regulieren sei gar nicht so einfach. Das dauere etwa ein halbes Jahr. Anders als zum Beispielsweise bei Hähnchen, die von heute auf morgen weniger werden könnten, da man täglich die Wahl habe, wie viele Eier befruchtet werden, sei das bei Schweinen.

„Eine Sau kann sich nicht aussuchen, wie viele Ferkel sie wirft“, sagt er. Inzwischen werden sogar die Futtermittel knapp, denn die Kartoffelschalen, die er sonst vorwiegend seinen Schweinen verfüttert, werden aufgrund der rückläufigen Pommes-Produktion rar. „Ich weiß auch nicht wirklich, was die Lösung des Problems sein könnte“, sagt May. „Wir müssen die Krise irgendwie aussitzen, aber im Moment wird das Geld wirklich knapp.“

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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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