Auch mehr als 150 Jahre alte Buchen sterben zunehmend ab. Das zeigt sich nicht unten an den Wurzeln, sondern oben an der Baumkrone. © Sylvia vom Hofe
Natur

Wald macht gesund, ist aber selbst krank: „Es war noch nie so schlimm“

Über Nacht scheint jemand auf den Schalter gedrückt zu haben. Der wintergraue Cappenberger Wald leuchtet plötzlich frühlingsgrün: frisch und nicht mehr krank - ein dramatischer Fehlschluss.

„Bereits eine halbe Stunde im Wald wirkt sich positiv auf das vegetative Nervensystem aus“, sagt Joachim Kallendrusch. Der Blutdruck sinke und Stress werde abgebaut. Bei Menschen. Denn die Bäume haben so viel Stress wie nie. „Nach drei Trockenjahren ist es richtig, richtig schlimm“, sagt der 56-jährige Lüner. Und dabei hört sich seine Stimme alles andere als entspannt an.

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Was blüht alles schon im Cappenberger Wald?

Kallendrusch hat den Cappenberger Wald vor seiner Haustür: das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet des Kreises Unna. Das heißt nicht viel. Fast ein Drittel des Bundesgebietes ist von Wald bedeckt. In NRW sind es immerhin noch ein Viertel (24,8 Prozent). Und im Ruhrgebiet 17,6 Prozent, wie die Statistik-Abteilung von IT NRW mitteilt. Der Kreis Unna liegt mit gerade einmal 12,1 Prozent darunter – trotz des 30 Quadratkilometer großen Cappenberger Waldes zwischen Lünen, Selm, Südkirchen und Werne: die grüne Lunge der Region. Doch der fällt es ausgerechnet im zweiten Corona-Jahr zunehmend schwer, Luft zu holen. Den Menschen, die mitten in der Pandemie mit ihren Lungen beschäftigt sind, fällt das aber kaum auf.

Blick nach oben zeigt, wie schlimm es ist

„Ach, wie schön!“ Den Ausruf von Spaziergängerinnen und Spaziergängern hört Kallendrusch regelmäßig, und das nicht nur im Cappenberger Wald. Der Diplom-Forstwirt ist im gesamten Kreis Unna unterwegs in ehrenamtlicher Mission. Er ist Vorsitzender der Kreisgruppe der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), der ältesten Bürgerbewegung im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes in Nordrhein-Westfalen. Seit 1946 setzt sie sich für den Schutz der Wälder und den Erhalt einer intakten Umwelt ein. Der Bedarf dafür war nie so groß wie heute. „Um das zu erkennen, brauchen die Spaziergänger nur nach oben zu sehen“, sagt Kallendrusch. Denn dort wird es nicht grünen – dem Frühling zum Trotz.

Joachim Kallendrusch lächelt zwar in die Kamera. Der Diplom-Forstwirt ist aber angesichts des Zustandes des Waldes ernsthaft besorgt.
Joachim Kallendrusch lächelt zwar in die Kamera. Der Diplom-Forstwirt ist aber angesichts des Zustandes des Waldes ernsthaft besorgt. © Kallendrusch © Kallendrusch

Wenn dort Blätter treiben, werden sie schnell wieder welk werden. Statt eines dichten Blätterdachs werden nackte Äste in den Himmel ragen. Kallendrusch braucht kein Prophet zu sein, um das vorauszusehen. So war es schon 2020 und 2019. „Kronenverlichtung“ heißt das Stichwort. „Die Baumkrone ist so etwas wie das Fieberthermometer des Baums“, sagt Kallendrusch. Je kahler die Krone, desto höher das Fieber.

Fichtenbestände im Kreis Unna sind verschwunden

Wären Buchen Menschen, läge die Temperatur jenseits von 42,6 Grad: akute Lebensgefahr. Gerade auch die mehr als 150 Jahre alten Baumpersönlichkeiten sind betroffen, sagt Kallendrusch. Denen konnte bislang nichts anhaben: weder Weltkriege noch saurer Regen. Und jetzt haben laut Waldschadensbericht 89 Prozent der Buchen und 80 Prozent der Eichen lichte Kronen. Noch nie seit Beginn der Dokumentation 1984 waren bundesweit so viele Bäume abgestorben wie 2020. „Die Fichtenbestände im Kreis Unna sind bereits vollständig weg durch Trockenheit und Käferfraß.“

Was tun? Der Lüner, der auch als Waldlehrer bei der Waldschule Cappenberg arbeitet – sofern die Pandemie das wieder zulässt – lacht auf. Ein freudloses Lachen. „Wer das weiß, hätte den Stein der Weisen gefunden. Leider.“ Die Frage der Aufforstung stelle sich überall. Und ob die Antwort richtig sein wird, entscheidet sich erst In 100 bis 250 Jahren: dann, wenn die jetzt angepflanzten Bäume „geerntet werden“.

Gestresste Bäume fallen neuen Seuchen leicht zum Opfer

Die Vorfahren vor mehr als 200 Jahre hatten das pragmatisch entschieden. Der Bergbau brauchte Grubenholz und die aufblühende Industrie Bauholz. Fichten sollten den Bedarf decken: eine in Westfalen zuvor nicht heimische Baumart, die aber als besonders anspruchslos galt. Sie hatten ihre nächsten ursprünglichen Standorte in den kühlen und niederschlagsreichen Hochlagen von über 800 Metern im Harz und im Thüringer Wald. Mit dem Klimawandel kam die Fichte ganz und gar nicht zurecht. Aber auch andere vertraute Baumarten verschwinden.

Eschen und Ulmen haben schon lange mit Schädlingen und Pilzen zu kämpfen. Längst ist auch vom Kastaniensterben die Rede. Ahorne werden von der auch für Menschen gefährlichen Rußrindenkrankheit befallen. Und Platanen setzt die Blattbräune zu: alles Baumseuchen, die besonders leichtes Spiel haben, weil die Widerstandskräfte der Bäume – ob an Straßen und in Städten oder im Wald – geschwächt sind durch andauernde Trockenheit und Hitze im Sommer.

Wer kann dem Mensch gemachten Klimawandel am besten trotzen? „Im Cappenberger Wald gibt es viel Naturverjüngung“, sagt der Wald-Experte aus Lünen. Das heißt: Durch herabgefallene oder angeflogene Samen von umstehenden Bäumen oder durch Stockausschlag entsteht eine neue Baumgeneration. Wer am besten zurechtkommt mit dem Standort, setzt sich durch. Könnte das nicht auch für Bäume aus Bulgarien oder Rumänien gelten, die trockenes, warmes Klima seit jeher gewohnt sind? Vielleicht. „Das Saatgut für Forstpflanzen darf aber nur aus amtlich zugelassenen Waldbeständen stammen“, sagt Kallendrusch. Dort läuft aber längst die Suche nach Zukunftsbäumen auf Hochtouren.

In Wuppertal wächst die Zukunft des Waldes

Ein solches Zukunftslabor ist das Arboretum Burgholz in Wuppertal: Dieser Wald ist nicht einmal ein Zehntel so groß wie der Cappenberger Wald. Dennoch handelt es sich um Deutschlands größtes Anbaugebiet fremdländischer Baumarten. Mehr als 100 verschiedene Laub- und Nadelbaumarten aus Europa, Amerika und Asien sind dort versammelt. Vielleicht auch robuste Nachfolger für die kranken Cappenberger Buchen.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe
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