Warum die Millionen für Sporthalle und Schwimmbad weh tun und dennoch richtig sind

mlzKolumne „Klare Kante“

Das wird teuer. Richtig teuer. Selm will die schäbige Dreifachhalle in einen Freizeittempel verwandeln und auch noch ein Hallenbad bauen. Ist da der Wohlstand ausgebrochen?

Selm

, 29.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Selm ist hoch verschuldet. Daran haben auch die Jahre mit den Finanzspritzen aus dem NRW-Stärkungspakt für Städte mit chronischen Finanzproblemen nichts grundsätzlich geändert. Wer den aktuellen Haushaltsplan liest, weiß das. Wer sich nur in der Stadt umschaut, käme nicht auf die Idee.

Sechs Baukräne drehen sich allein über dem nagelneuen Campus-Platz. Das Haus der Wirtschaft und Mehrfamilienhäuser mit 103 Wohnungen schießen auf der einen Seite aus dem Boden, die neue Zweifachturnhalle auf der anderen Seite. Auch das Jugendzentrum Sunshine ist kurz vor der Fertigstellung - vom Auenpark und dem Wohngebiet ganz zu schweigen. Und das ist nur der Campus.

Die Feuchtwiese am Kreisverkehr Kreisstraße/Zeche-Hermann-Wall verwandelt sich täglich ein Stück mehr in ein Gewerbegebiet, Aldi und Rewe bauen bald neu, und sowohl in Cappenberg als auch zwischen Selm und Bork rollen die Straßenbaumaschinen. Eintrübende Konjunktur sieht anders aus. Sparsame Haushaltsführung aber auch.

„Ein Schluck aus der Flasche“

Selms Schuldenberg ist imposant. Und er wächst noch weiter. 10,5 Millionen Euro soll der Umbau der Dreifachsporthalle kosten, die weder innen noch außen zurzeit ein Hingucker ist. Weitere 8 Millionen gesellen sich dazu für ein neues Hallenbad. Zusammen fast 20 Millionen Euro. „Ein Schluck aus der Flasche“, wie auch die Kämmerin sagt. Ob sich Selm daran verschluckt?

Der Stadtrat haut ein Jahr vor der nächsten Wahl noch einmal ordentlich auf die Pauke und schränkt damit den Handlungsspielraum der nächsten Stadtregierung ein. Das stimmt. Wer Schulden auf- und nicht abbaut, lebt auf Kosten der nachfolgenden Generation: Stimmt auch. Dennoch finde ich beide Millionen-Investitionen auch zu diesem Zeitpunkt richtig.

Wir leben in absurden Zeiten: Der Bund muss gar keine Zinsen mehr bezahlen, sondern bekommt sogar noch was raus. Kredite, zu lächerlichen Zinsen, die gar keine oder kaum noch Kapitalkosten verursachen. Wann, wenn nicht jetzt, lohnt es sich, auf Pump zu bauen - zumal alle Bürgerinnen und Bürger davon etwas haben werden.

Schwimmen lernen ist wichtiger als sparen lernen

Wie laut wäre das Donnerwetter, wenn heute die schon in die Jahre gekommene Hallenbadtechnik versagen würde und der private Betreiber des Bades erklärte, er werde da nichts mehr machen - so kurz vorm Ruhestand?

Sicher sind es die Kinder und Enkel, die einmal die Selmer Schulden zahlen müssen. Wenn sie aber nie schwimmen lernen, kommen sie am Ende gar nicht mehr dazu. Und bei dem drohenden Anstieg des Meeresspiegels sollte heutzutage wirklich ausnahmslos jeder schwimmen lernen. Ein Schwimmbad zu haben, ist kein Luxus für Wenige, sondern Lebensqualität für alle.

Bei der Dreifachsporthalle, die jetzt Konzertsaal, Partymeile, Konferenzraum und Restaurant werden soll, geht es über diese Basisversorgung hinaus. Aber wer A gesagt hat zum Campus-Platz, muss auch B sagen zu dieser Hallensanierung des Luxe. Nur wenn sich Menschen auf dem Campus treffen und dort ihre Freizeit verbringen, kann das neue Zentrum ein echter Treffpunkt werden.

„Arm, aber sexy“

Sich kaputt sparen oder sich neu erfinden? Selm hatte sich entschieden und den Weg eingeschlagen vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan. Ob das glückt, muss man sehen. Auf halber Strecke abzubrechen, wäre aber ein fataler Fehler. Einen Campus, der einer Geisterstadt gleicht, kann niemand ernsthaft wollen - selbst die nicht, die von vorne herein dem Zupflastern des Zentrums kritisch gegenüber standen.

Selm ist eine arme Stadt und wird bald noch ärmer sein, wenn der Stadtrat den Nachtragshaushalt verabschiedet und Straßenausbaumaßnahmen nach hinten verschiebt, um erst Halle und Bad zu bauen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Man sieht das Selm nicht an. Arm, aber sexy ist besser als arm und tote Hose.

Die Kolumne

In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteurinnen und Redakteure mit einem Augenzwinkern regelmäßig einem lokalen Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zum Thema „Dreifachturnhalle und Hallenbad“ auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie gerne an lokalredaktion.selm@ruhrnachrichten.de
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