Warum Jesus aus Hassel zum Tierarzt musste

Kunstwerk mit Geheimnis

Jesus liegt im Stall auf Stroh gebettet. Klingt bekannt – allerdings ist es Mitte August, der Stall steht in Sendenhorst und nicht Hirten und Könige, sondern ein Tierarzt und eine Restauratorin drängen sich um den geschnitzten Körper. Es geht um die Figur des gekreuzigten Jesus aus der Hasseler Kapelle – und die hat ein Geheimnis.

BORK

, 21.08.2017, 05:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mit dem mobilen Röntgen-Gerät ging es der Jesusfigur zu Leibe.

Mit dem mobilen Röntgen-Gerät ging es der Jesusfigur zu Leibe.

Jesus ist auf der Heimreise aus der Restauratorenwerkstatt in Everswinkel zur Hasseler Kapelle in Bork, als der Lieferwagen am Freitag den Abstecher nach Sendenhorst macht. Genauer gesagt: zur Praxis von Dr. Simon Bach. „Normalerweise behandele ich nur Pferde“, sagt der Veterinär, der über Röntgenbefunde an Pferdefüßen seine Doktorarbeit schrieb.

Jetzt soll er Jesus röntgen: nicht die Füße, sondern den Kopf – in jedem Fall rund 700 Jahre altes Eichenholz. „Patienten, die sich nicht bewegen, machen die Arbeit leichter“, sagt der Mediziner. Er lacht und zieht sich den Bleikittel über. Trotzdem ist er aufgeregt. Denn Heilige hat er noch nie durchleuchtet, erst recht nicht den Gottessohn.

Versteckte Klappe im Hinterkopf der Jesusfigur

Marita Schlüter, die Restauratorin aus Everswinkel, hat da mehr Erfahrung. Bildgebende Diagnostik werde regelmäßig für Forschungszwecke eingesetzt, sagt sie und knüpft dabei die Folie auf, in die sie Jesus für den Transport gewickelt hatte. Vor drei Jahren sei etwa das Triumphkreuz des Doms zu Münster zur Altersbestimmung in den Computertomografen der Uniklinik geschickt worden. Das Problem dabei: Es gebe immer Kranke, die im Wartezimmer etwas verstört auf einen gekreuzigten Mitpatienten reagierten – anders als in der Tierarztpraxis.

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Das Geheimnis der Jesus-Figur der Hasseler Kapelle

BORK, 20.08.2017: Die Jesusfigur, die normalerweise am Kreuz in der Hasseler Kapelle an der Lünener Straße hängt, wurde mit einem mobilen Röntgengerät untersucht. Der Grund: Man war dem Geheimnis der Herkunft des Kreuzes auf der Spur.
20.08.2017
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Auf diesem Hof in der Sendenhorster Bauerschaft Jönsthövel hat Dr. Simon Bach seine Tierarztpraxis. Der Patient namens Jesus ist noch nicht eingetroffen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Glücksbringer unter dem Dach: ein Schwalbennest. Schon die zweite Brut, wie der Tierarzt sagt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Laufkundschaft gibt es hier kaum. Dr. Bach fährt in der Regel zu seinen Patienten.© Foto: Sylvia vom Hofe
Diplomrestauratorin Marita Schlüter hat Kreuz und Corpus in ihrer Werkstatt in Everswinkel restauriert. Sie hatte auch die Idee, während des Rücktransports in Sendenhorst die Röntgenaufnahme zu machen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Anschnallpflicht besteht auch für Jesus. Das Holzkreuz und die Figur darauf sind alt und kostbar. Jede Erschütterung könnte eine Gefahr darstellen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Kreuz ist zwar groß, aber nicht sehr schwer.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das ist nicht pietätlos gemeint. Die Maske für das Krankenblatt beim Röntgengerät ist vorgegeben. Und da steht nun einmal "Tiername". Dass es sich um eine mehr als 700 Jahre alte, von Gläubigen verehrte Figur des Gottessohnes handelt, macht da keinen Unterschied. Tiername: Jesus, Geschlecht: männlich; Geburtsdatum: 1. 1. im Jahre 0.© Foto: Sylvia vom Hofe
Hündin Lucy begutachtet den Neuzugang.© Foto: Sylvia vom Hofe
Restauratorin Marita Schlüter hockt neben Jesus, während Dr. Simon Bach und seine Frau Kathrin das Röntgengerät in Position bringen, beobachtet von ihrem Sohn.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Restauratorin öffnet die Transportverpackung.© Foto: Sylvia vom Hofe
Nur der Kopf muss freigelegt werden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Vor der Restaurierung war das Gesicht nur dunkel. Die Mimik war unter der dicken Schicht Ruß, Staub und Farbe nicht zu erkennen. Die Restauratorin hat Jesus wieder ein Antlitz mit Details gegeben.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Patient ist bereit.© Foto: Sylvia vom Hofe
So sieht der Kopf der Jesusfigur unter Röntgenstrahlung aus.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das sind die Nägel, die auf die einstige Krone hinweisen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Da noch nichts von einem Hohlraum mit Reliquien zu sehen ist, startet der Tierarzt den zweiten Anlauf.© Foto: Sylvia vom Hofe
Mit dem mobilen Röntgen-Gerät ging es der Jesusfigur zu Leibe.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die mehr als 700 Jahre alte Figur und modernste Röntgentechnik.© Foto: Sylvia vom Hofe
Kathrin Bach arbeitet wie ihr Mann in der Regel mit Pferden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Nein, wieder ist kein Hohlkörper zu sehen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Arzt und die Restauratorin diskutieren die Ergebnisse.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Curser zeigt, wo der Hohlkörper war, der aber längst verfüllt ist,© Foto: Sylvia vom Hofe
Ein letztes Mal. Aber auch diese Aufnahme wird kein neues Ergebnis bringen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Alexander Franzen-Hördemann hilft, das Kreuz hineinzutragen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Josef Schneider, der schon den Transporter von der Restauratorenwerkstatt zur Tierarztpraxis und weiter nach Hassel gefahren hat, fasst ebenfalls mit an.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Kreuz kommt zurück an seinen angestammten Ort.© Foto: Sylvia vom Hofe
Und vorsichtig hoch.© Foto: Sylvia vom Hofe
Franzen-Hördemann wird wenig später einen Anruf bekommen. Er wird am Telefon sagen: "Ich kann gerade nicht, denn ich stehe auf dem Altar." Recht hat er.© Foto: Sylvia vom Hofe
Mit vereinten Kräften.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Kreuz ist an seinem Platz. Jetzt fängt die Millimeterarbeit aber erst an.© Foto: Sylvia vom Hofe
Während per Keile das Kreuz fein justiert wird, liegt Jesus auf dem Boden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Jetzt kann die gesamte Folie verschwinden. Jesus ist am Ziel.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Figur hat den Transport ohne Schaden überstanden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Zum ersten Mal ist die ganze Figur zu sehen: mit neuer Farbgebung und feinem Pinselstrich lebensecht gestaltet von der Restauratorin. Dabei ließ sie sich von älteren Farbschichten leiten.© Foto: Sylvia vom Hofe
Auch die Füße zeigen die Spuren der Marter.© Foto: Sylvia vom Hofe
Elfenbeinfarben mit einer goldenen Borte hat Schlüter das Tuch gestaltet.© Foto: Sylvia vom Hofe
Alle anfassen, um Jesus ans Kreuz zu heben.© Foto: Sylvia vom Hofe
Und hoch ...© Foto: Sylvia vom Hofe
Es ist geschafft.© Foto: Sylvia vom Hofe
Jetzt noch die Nägel einsetzen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Auch der rechte Arm wird durch einen Nagel fixiert wie schon Jahrhunderte zuvor.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der linke Arm ebenfalls.© Foto: Sylvia vom Hofe
Ein letzter Blick durch die Kapellentür. Sie wird sich am 25. August wieder öffnen: zum ersten Gottesdienst nach der Restaurierung, der um 19.30 Uhr beginnt.© Foto: Sylvia vom Hofe
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„Hier“, Marita Schlüter tippt mit auf den Hinterkopf der Holzfigur: braunes, schulterlanges Haar, das seit dem Aufenthalt in ihrer Restauratorenwerkstatt wieder wie frisch frisiert auf die geschundenen Schultern fällt. Auf den ersten Blick deutet nichts auf etwas anderes hin. Schlüter weiß es besser.

Sie hatte beim Abtragen von Staub, Ruß und Farbschichten den Hinweis auf eine Klappe entdeckt: einem Fach für Reliquien, Knochensplitter oder Kleidungsresten von Heiligen. Etwas, das helfen könne, das Geheimnis zu lüften, woher das Kreuz stammt und warum ein derart bedeutendes Kunstwerk, im – Schlüter räuspert sich – nicht ganz so bedeutenden Hassel hänge.

Tierarzt untersucht die Figur mehrfach mit Röntgengerät

Das mobile Hochfrequenz-Röntgengerät ist starklar. Rote Lichtpunkte tanzen über Jesu Schädel. Bach drückt auf den Auslöser, und schon beginnt sich ein graues Bild auf dem Monitor aufzubauen. Alle schweigen. Sogar die Schwalben im Nest unter dem Deckenbalken halten für einen Moment den Schnabel.

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Dann schüttelt der Arzt den Kopf. Die feinen Abgrenzungen eines Hohlraums sind zwar zu erkennen, er ist aber komplett verfüllt. Keine Spur mehr von den Reliquien. Diese Diagnose ändert sich auch nicht, nachdem Bach die Untersuchung mehrfach wiederholt hat: eine Situation, die er kennt. „Wir Mediziner müssen regelmäßig unerwünschte Diagnosen überbringen.“

Geheimnis um die Herkunft des Kreuzes bleibt wohl auch eins

Es gibt aber auch einen Befund, der Marita Schlüter wieder lächeln lässt: schwarze Linien unter dem Schädel und in der Nase: Nägel. Der Beweis, dass die Figur einst eine Krone getragen hat und seine Nase abgebrochen war. „Das ist eine Neuigkeit.“

Jesus setzt im Lieferwagen die Heimreise fort. Eine Stunde später trifft er in der barocken Kapelle an der Lünener Straße ein. Dort wartet schon Alexander Franzen-Hördemann vom Kirchenvorstand. Dass das Geheimnis bleibt, woher das berühmte Kreuz stammt, findet er nicht so schlimm. „Hauptsache, es ist wieder bei uns.“ Und dann noch schöner als je zuvor.

Die Kapelle Hassel wird eingeräumt. #theta360 #theta360de -

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